Unhinterfragt gute Laune verbreiten

Interview mit HK Gruber

Gerade ist "Die Dreigroschenoper" mit dem Ensemble Modern, Nina Hagen, Max Raabe u.a. erschienen Die Leitung hat der Chansonnier und Dirigent HK Gruber. Am 1. September 1999 erläuterte dieser gegenüber dem Klarinettisten Roland Diry und Susanne Tegebauer die vielen Besonderheiten der neuen Aufnahme.

Ensemble Modern: Wir haben ja jetzt schon eine gemeinsame Weill-Vergangenheit. Was hat dich zu dieser speziellen Musik des 20. Jahrhunderts geführt?


HK Gruber: Als Kurt Weill zusammen mit Bertolt Brecht begann, an der Dreigroschenoper zu arbeiten und ein neues Modell von Musiktheater zu entwickeln, strebten sie ein Ideal an, das von hohem Intellekt getragen ist, ohne dabei aber den Hörer aus den Augen zu verlieren. Zur gleichen Zeit lebte in Berlin der Wiener Schönberg-Schüler Hanns Eisler, dem die Schwülstigkeit der Spätromantik furchtbar auf den Wecker ging und den es außerdem sehr besorgt hat, daß sich die Kunst sozusagen nur noch technisch weiter entwickelte. Diese gesamte Entwicklung hat mich stark beeindruckt. Als Künstler habe ich eine sehr privilegierte Position und muß etwas abliefern, was kommunizieren kann. Ich bin nicht dafür, dass man grundsätzlich nur simple Dinge macht, aber ich bin dagegen, dass man etwas unnötig verkompliziert, was auch einfacher zu formulieren ist.

Wie es z.B. in der Dreigroschenoper gelungen ist?


Die Dreigroschenoper ist ein sozialkritisches Stück, und es geht um Korruption (lacht), und wenn wir heute das Fernsehen aufdrehen und die Nachrichten hörn', dann erfahren wir täglich ähnliche Geschichten. Es ist ein zeitloses, lustiges Stück, das mit Humor aufdeckt, wie korrupt eigentlich Gesellschaften aussehen können. Was natürlich noch zeitloser ist, ist die Musik. Die großartigen Melodien sind einerseits beeinflusst durch zeitgenössische Unterhaltungsmusik, anderseits aber sehr intelligent "abgebogen", sie kratzen immer die Kurve, bevor es banal wird, und sie verbreiten gute Laune. Dies uneingeschränkt zu tun, was bei uns Komponisten höchst selten ist, bzw. es einmal zu versuchen, war auch mein Ehrgeiz bei dieser Produktion.

Jetzt ist gerade die Dreigroschenoper erschienen. Die Einspielung fußt auf der neuen kritischen Ausgabe. Was hat sich nun bezüglich Instrumentation, Abfolge und im Gesang geändert?


Die Dreigroschenoper war bei der ersten Einstudierung immer noch ein work-in-progress. Es war bis zur Aufführung nicht klar, wie es laufen würde. Der berühmte Song (singt) "und der Haifisch, der hat Zähne" ist erst im allerletzten Augenblick entstanden, weil Paulsen, der erste Macheath, noch ein Auftrittslied wünschte. Außerdem sind seit damals verschiedene Musikbrücken verloren gegangen. So haben wir in dieser Einspielung richtige Uraufführungen bzw. Wiederentdeckungen, die durch die Kurt-Weill-Foundation wiedergefunden wurden: etwa einen Kanonensong für Orchester oder ein Liebeslied für Orchester. Im Zuge der Rekonstruktion, dessen was ursprünglich vorhanden war, wurden die Einzelstimmen der Musiker vorgenommen. Das Ergebnis ist die neue kritische Ausgabe, d.h. wenn wir uns jetzt diese Partitur anschauen und sie vergleichen mit der handschriftlichen von Kurt Weill, finden wir trotzdem Abweichungen zur Weillschen Handschrift, denn die neue kritische Ausgabe ist eine Zusammenfassung aller Lesarten, inklusive Weillscher Handschrift und der Eintragungen der Lewis Ruth Band.

Wir haben für unsere Aufnahme die Originalinstrumentierung berücksichtigt. Gibt es diese noch auf einer anderen Platte?


Nein, mit Sicherheit nicht. Die Dreigroschenoper hatte ja immer das Problem, dass man nicht die Originalinstrumentation spielen konnte, da man keine Musiker fand, die, wie bei der Lewis Ruth Band, alle mehrere Instrumente spielen. Welcher Posaunist spielt schon so perfekt Kontrabass wie es hier verlangt wird. Deshalb haben die meisten Bühnen sich die Musik für ihre Aufführungen arrangieren lassen. Damit hat man Kurt Weill zwar Tantiemen verschafft, aber man übertrage diesen Vorgang einmal auf die Zauberflöte!

Kommen wir nun zum Gesang. Weill hat für die Frauenpartien in hoher Lage komponiert, später hielt man sich jedoch nicht an die Originaltonarten, sondern es wurde immer tiefer gesungen.


Es ist sensationell, dass wir die Chance hatten, eine Aufnahme in den Originaltonarten zu machen. Natürlich, die Dreigroschenoper ist für Schauspieler geschrieben und schon bei der Uraufführung, auf alle Fälle jedoch bei den Schallplatteneinspielungen, wird transponiert. Nun kommen wir aber zu einem ganz ganz wichtigen Problem, und da bin ich unerbittlich! Am Beispiel Weill wird wieder klar, was für Mozart immer klar war: Einzelne Charaktere werden durch eine bestimmte Tonart charakterisiert. Polly oder Lucy sind junge Gören von etwa 16 Jahren mit glockenhellen Stimmchen und werden daher auch relativ hoch geführt. Wenn tiefer transponiert wird, wird eigentlich automatisch die Charakteristik der Rolle zerstört. Wir haben uns lange nur mit dieser Problematik beschäftigt und haben Schaupieler-Sänger gesucht, die in dieser Originaltonhöhe singen können. Das ist das erste Mal in der Geschichte der Dreigroschenoper: Alles wird in den Tonarten und Tonlagen realisiert, wie sie von Weill vorgesehen sind.

Auch die Mrs. Peachum...


Damit kommen wir zu einem Problem, an dem ich schon immer gelitten habe: Die Mrs. Peachum wird meistens mit einer älteren Dame besetzt und eine Oktave tiefer gesungen. Sie kann aber nicht wesentlich älter sein als 35 Jahre, d.h. sie muß mit einem Mezzosopran besetzt werden. In unserem Falle Nina Hagen. Sie ist enorm ausdrucksvoll. Ich erinnere mich, dass ich, wenn ich bei der Aufnahme neben ihr stand, den Eindruck hatte, hier findet bei jedem Ton ein mittleres Erdbeben statt - soviel Energie hat sie investiert.

Und Max Raabe singt den Mackie Messer - Wie kam es zu der Zusammenarbeit und warum ist er für dich die ideale Besetzung?


Unmittelbar nach der Premiere unserer 40 Aufführungen der Dreigroschenoper in Frankfurt kam die BMG und sagte, jetzt müsst ihr das sofort aufnehmen - jetzt habt ihr den Weill-Sound. Aber wir hatten noch nicht das ideale Casting, ohne welches eine 100. Aufnahme der Dreigroschenoper wenig Sinn hätte. Max Raabe ist die bestmögliche Besetzung wegen seiner distanziert-ironisierenden Art, auf welche er die Rolle anlegt. Seine Art der sprachlichen Artikulation entspricht außerdem diesem alten Vorkriegsdeutsch, das noch nicht "angekränkelt" ist von Anglizismen. Gerade bei Brecht und Weill muss die Sprache als Klangelement eingesetzt werden. Also, Worrrrtdeutlichkeit ist mein Steckenpferd: rrrrollendes rrrr, Konsonanten, die platzen wie Handgranaten und helle Vokale, so dass man nicht den Text mitlesen muss, sondern jedes Wort versteht und auch die lautmalerische Qualität des Textes in die Musik einbeziehen kann: Dies führt zu mehr Imagination. Tja, eines Tages erhielt ich einen Anruf und jemand sprach mich an: "Grrrrüß Gott, Herrrr Prrrrofessorrrr!" (lacht) Es war Max Raabe. Ich war wirklich aus allen Wolken und dachte, jetzt ist Weihnachten. Wir trafen uns im Juni 1998 in Wien und besprachen das Projekt. Jetzt haben wir ihn auf der CD.

Du sprachst eben unseren speziellen Weill-Sound an - was verstehst du darunter?


Beim Studieren der Partituren und beim Musizieren habe ich bemerkt, dass der Reichtum von Weills Musik in den Nebenstimmen liegt. Als wir unsere CD "Berlin im Licht" eingespielt haben, bin ich draufgekommen: da haben wir in einer Probe gesagt, jetzt spielen nur die Nebenstimmen, keine Melodien, und plötzlich haben wir alle festgestellt, dass das Stück jetzt wie moderne Musik aus den frühen 20er Jahren klang - dass dies ein Unterhaltungsstück sein sollte, war auf einmal die große Überraschung. Doch mit der Melodie drüber, dem Deckel sozusagen, war es schlagartig wieder eine ganz einfache Sache. Die Erkenntnis war folgende: es kommt bei Weill darauf an, die Linearität der Nebenstimmen gut heraus zu arbeiten ohne zu verkitschen, äußerste, "digitale" Präzision und ein großes Gefühl für die Linienführung der einzelnen Stimmen sind gefragt, espressivo aber im Takt ... dann gibt es noch die Frage der Klangfarbe und der Tonentwicklung. Das alles haben wir im Laufe unserer Zusammenarbeit zu erarbeiten versucht und sind dabei auf eine eigene philharmonische Qualität gestoßen. Das ist auch die Antwort auf den Weill-Sound.

Bei der vorliegenden Einspielung heißt es: Die Dreigroschenoper - eine Konzertversion.


Die Musik ist immer sehr, sehr populär gewesen und Otto Klemperer hat die Anregung zu einer Suite gegeben: die kleine Dreigroschenmusik für Blasorchester. In dieser Blasorchesterversion sind jedoch nicht alle Schlager verarbeitet. Also drängt sich natürlich der Wunsch auf, die Dreigroschenopernmusik mit den Sänger-Schauspielern konzertant aufzuführen. Für diesen Zweck hat Brecht verbindende Texte hergestellt, die Stephen Hinton, der Mitherausgeber der kritischen Ausgabe, aufgefunden und uns zur Verfügung gestellt hat. Mit dieser Konzertversion, die auch von der Dramaturgie her wunderbar funktioniert, da der Verlauf der Dreigroschenoper ganz genau suggeriert wird, hat man den Vorteil, das Stück in einer sogenannten Kurzversion oder Konzertversion am Leben zu erhalten.

Dürfen wir jetzt auf noch eine Neuigkeit dieser Aufnahme hinweisen, nämlich die Chorbesetzung und die drei Ganoven.


(lacht) Alle Ganoven, die "Platten-Brüder", sind Musiker aus dem Ensemble Modern sowie Edward Harsh von der Weill-Foundation, der nun als Ganove (lacht) im Booklet steht. Unser Chor ist natürlich auch eine Sensation: Der Chor in der Dreigroschenoper hat zwei Auftritte, am Schluss des zweiten Finales (singt: der Mensch lebt nur von Missetat allein) und dann ganz am Schluss, wenn der reitende Bote kommt (singt: des Königs reitender Bote) mit den falschen Silbenbetonungen. Alle Mitwirkenden, inklusive Huren und Konstabler, müssen im Chor mitsingen. Die Chortribüne im Funkhaus in Frankfurt war plötzlich besetzt mit allen Musikern aus dem Ensemble Modern und einigen Damen aus dem Büro, und alle sangen gemeinsam die Chorpassagen zum Playback, das sie sich vorher selbst eingespielt hatten. Die Qualität dieses Chores ist meiner Meinung nach äußerst professionell.

Wir hatten so etwas ja schon mal bei der Antheil-Platte, als wir auch den Chor mit Ensemblemitgliedern besetzt haben. Wie siehst du denn die Zukunft?


Als nächste Weill-Einspielung sind von Kurt Weill authorisierte Jazz-Arrangements geplant. Die Musiken habe ich jetzt teilweise schon hier, und bald werden wir in den ersten Proben weiter an unserem Weill-Sound-Diamenten feilen.

Ensemble Modern