»Winterreise findet eigentlich ständig statt«
Julian Prégardien und Christian Fausch über das Liedprojekt ›Theres‹ beim Festival cresc…Das Festival cresc… Biennale für aktuelle Musik Frankfurt Rhein Main widmet sich in seiner nächsten Ausgabe dem Thema ›Schwärmen‹ und wartet mit einem alles andere als alltäglichen Liedprojekt auf. ›Theres‹ heißt es, benannt nach zwei Frauen namens Therese, die dem Komponisten Franz Schubert und seinem ›Winterreise‹-Autor Wilhelm Müller nahestanden. Damit ist zunächst einmal der Bezugsrahmen abgesteckt, von dem das Projekt seinen Ausgang nahm. Initiiert und maßgeblich mitentwickelt hat es der Tenor Julian Prégardien, der neben der Sopranistin Pia Davila als Solist mitwirkt. Gemeinsam mit dem Ensemble Modern werden sie einen Liederzyklus zur Aufführung bringen, der aktuelle Sichten auf das Thema der Winterreise eröffnet. Im Interview mit Ellen Freyberg geben er und der Künstlerische Manager und Geschäftsführer des Ensemble Modern, Christian Fausch, vielfältige Einblicke in die Entstehung des Projekts und erklären, warum das Musizieren im öffentlichen Raum eine echte Alternative zum klassischen Konzertsaal sein kann.
Ellen Freyberg: Das Motto ›Schwärmen‹ aufgreifend, werdet ihr am 8. Februar 2026 zusammen mit dem Publikum in die Stadt ausschwärmen. Ihr werdet euch also buchstäblich auf eine Winterreise begeben und dabei neue Werke zur Aufführung bringen. Wie kam diese Idee zustande?
Christian Fausch: Das Projekt hat eine Vorgeschichte, die 2021 begann. Damals haben Julian Prégardien und das Ensemble Modern Hans Zenders ›Winterreise‹ aufgeführt, coronabedingt allerdings nur im Stream. Seither gab es bei uns den Wunsch, sie noch einmal mit Publikum aufzuführen. Und als wir darüber ins Gespräch kamen, sagte er, dass er genauso sehr Lust hätte, etwas Neues mit uns zu machen. Wir sind dann in einen sehr intensiven Austausch gekommen, und die Dinge begannen sich schnell zu entwickeln. Auch wenn Schubert und Müller hier natürlich Pate standen, war von Anfang an klar, dass es bei diesem Projekt nicht darum geht, ihnen eine Reverenz zu erweisen. Wir wollten etwas kreieren, das Räume schafft für eine andere Sicht auf das Thema Winterreise. Gerade wenn es um Schuberts ›Winterreise‹ geht, haben ja viele ihre ganz eigenen Erlebnisse und Konnotationen. Die sehr weit gefasste Form, die wir gefunden haben – mit ganz unterschiedlichen textlichen und kompositorischen Perspektiven –, macht meiner Meinung nach den besonderen Reiz dieses Projekts aus, weil sie Impulse gibt und Räume öffnet, die man dann mit eigenen Erfahrungen befüllen kann.
EF: Wir werden gleich darauf zu sprechen kommen, doch zunächst die Frage an dich, Julian: Was interessiert dich an dem Stoff der Winterreise – die psychologische Innenschau, die Schubert und Müller hier betreiben, oder der schonungslose Blick, mit dem sie auf eine im Grunde dysfunktionale Welt schauen?
Julian Prégardien: Das erste Mal so richtig bin ich während meines Studiums in Freiburg mit der ›Winterreise‹ in Berührung gekommen. Da gab es von der Opernschule ein szenisches Projekt, bei dem die ›Winterreise‹ mit Büchners ›Lenz‹ verschnitten wurde. Die ›Winterreise‹ bildete dabei eine Folie, durch die eine andere Geschichte hindurchschien, nämlich die eines großen Verlustes; in dem Fall der Verlust eines geliebten Freundes. Schon damals hat mich der ungeheure Facettenreichtum fasziniert, der in dem Werk steckt. Was mich heute allerdings viel stärker interessiert, ist das Phänomen der Winterreise an sich: Winterreise findet eigentlich ständig statt. Immer ist jemand in unserem Bekanntenkreis auf Winterreise, ohne dass wir es merken. Schuberts Liederzyklus ist ja im Grunde nur eine künstlerische Manifestation dieses Phänomens. Allerdings eine, die unser Hörverhalten bis heute stark beeinflusst. Ihr neue Sichten entgegenzusetzen, ist ein großer mentaler Kraftakt.
EF: Aber einer, der in dieser besonderen Konstellation, in der das Projekt stattfindet, große Chancen hat, aufzugehen ...
JP: Ja – in der Entscheidung, den Konzertsaal mit seiner Wohlfühlakustik zu verlassen und in die Stadt auszuschwärmen, Komponist*innen ganz unterschiedlicher Herkunft und Ästhetik in einen Dialog mit den Musiker*innen des Ensemble Modern zu bringen, aber gerade auch in der Kombination mit Zenders ›Winterreise‹, die wir etwa sechs Wochen später in der Alten Oper Frankfurt aufführen werden, ist es eine der stärksten möglichen Konstellationen.
EF: Es werden eine Reihe neuer Werke von Komponist*innen zur Uraufführung kommen. Nach welcher Maßgabe habt ihr sie ausgewählt?
CF: Es sind insgesamt sechs Komponist*innen involviert. Fünf von ihnen schreiben einzelne Lieder, während Leon Liang, ein junger australischer Komponist, fünf kurze Miniaturen auf Texte von Stefan Weiller schreiben wird. Bei der Auswahl der Komponist*innen haben wir ganz unterschiedliche Parameter berücksichtigt. Ein wichtiges Kriterium war, dass die Beauftragten eine Affinität zur Stimme haben und sich darauf einlassen, dass wir mit Julian Prégardien und Pia Davila einen Sänger und eine Sängerin haben, die eine enorme Bandbreite an stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten haben. Beide kommen aus der klassisch-romantischen Tradition, setzen sich aber auch intensiv mit zeitgenössischer Musik auseinander.
JP: Wichtig war uns auch, dass die Komponist*innen sich von dem Schubert’schen Original lösen und vor dem Hintergrund der Winterreise- Thematik eigene Fragen aufspüren. Um ein Beispiel zu geben: Ich habe für Malika Kishino, eine Japanerin, die in Deutschland lebt, eine Szene aus einem japanischen Roman von Haruki Murakami – in deutscher Übersetzung – ausgewählt und daraus selbst ein Gedicht destilliert, das sie wiederum ins Japanische übersetzt und vertont hat. Es gibt also einen dreifachen Übersetzungsprozess, der in dem Fall von einer sehr bildhaften Szene des Romans ausgeht, in dem das Bild eines greisen Kopfes erscheint, – das ja auch bei Schubert auftaucht. In dem Lied sind also der japanische und der Winterreise-Einfluss gleichermaßen präsent.
EF: Wenn man sich die Auswahl der Texte anschaut, die ihr vorgenommen habt, so fällt sofort die Bandbreite sowohl historischer als auch zeitgenössischer Stimmen auf.
JP: Die Vielstimmigkeit ist durchaus Absicht. Sarah Nemtsov zum Beispiel wird das Gedicht ›Komm‹ der in Auschwitz ermordeten jüdischen Dichterin Gertrud Kolmar vertonen. Thierry Tidrow hingegen Lyrik von Hölderlin und Alain-Fournier. Bernard Foccroulle verwendet ein Gedicht der jungen Dichterin Felicitas Magdalena Pfaus. Mit einem Gedicht von Luise Hensel, die auch zum romantischen Dichterkreis gehört, wird sich Helena Cánavas Parés auseinandersetzen. Und schließlich schreibt Leon Liang die erwähnten fünf Miniaturen nach Texten aus Stefan Weillers 2021 erschienener ›Deutschen Winterreise‹.
EF: Womit wir wieder beim Stichwort sind. Worauf darf das Publikum gespannt sein, wenn es sich mit euch auf »Winterreise« begibt?
JP: Wir werden uns zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ganz unterschiedlichen Orten in der Frankfurter Innenstadt auf den Weg machen, wo dann jeweils eine Uraufführung stattfinden wird. Im Anschluss daran wird sich die »Wandergesellschaft« zum Casals Forum in Kronberg bewegen, wo die Lieder zu einem Konzertprogramm zusammengeführt werden. So werden wir zum Beispiel auch zum Museum of Modern Electronic Music wandern. Das ist ein fantastischer Ort, wo man ikonischen DJ-Persönlichkeiten begegnen und selbst zum DJ werden kann. Dann werden wir in der St. Katharinenkirche zu Gast sein, die in Frankfurt für ihre kostenlosen Orgelkonzerte bekannt ist ...
CF: ... aber auch für ihre Obdachlosenspeisungen. Dieser Bezug war uns wichtig. Allerdings nicht im Sinne einer Betroffenheitszelebration, sondern unter dem Gesichtspunkt, dass die Texte, die zum Teil auf Erzählungen von Ausgegrenzten und Obdachlosen basieren, neu kontextualisiert werden.
JP: Dann werden wir auch im Deutschen Romantik-Museum Station machen, und zwar im dortigen Foyer, das nicht nur ein fantastisch klingender Raum ist, sondern auch so etwas wie einen Zwischenraum zwischen der Welt drinnen und draußen darstellt. Wie geschaffen also für unser Projekt. Ein weiterer historisch spannender Ort ist das Nebbiensche Gar - tenhaus, das ebenfalls auf unserer Route liegt.
CF: Alles Orte, an denen wir bisher noch nicht musiziert haben. Das wird also eine besondere Erfahrung. Wir wollen damit bewusst Zugänge schaffen für Menschen, die keine geübten Konzertgänger*innen sind, die sich jedoch neugierig und mit Lust auf Unbekanntes einlassen.
EF: Julian, du hast mit deinem Liedstadt-Projekt ja schon einige Erfahrungen in der Bespielung öffentlicher Räume gesammelt. Siehst du Berührungspunkte zu diesem Projekt?
JP: Durchaus, wobei die Idee, die Werke an verschiedenen Orten aufzuführen, nicht von mir, sondern vom Team des Festivals cresc… kam. Was ich daran mag, ist, dass an solchen Orten andere Regeln als im Kammermusiksaal gelten. Aus der eigenen Komfortzone herauszukommen, hat eine besondere Kraft, aber auch eine Verletzlichkeit. Man ist nicht mehr in seiner gewohnten Umgebung. Aber in dem Moment sind eben alle in dieser ungewohnten Umgebung, und dadurch entsteht ein besonderes Gefühl von Gemeinschaft.
EF: Das verspricht, ein intensives Konzerterlebnis zu werden. Wie viel Zeit sollte das Publikum denn für diese Winterreise einplanen?
CF: Wie die Wanderung davor genau ablaufen wird, kann ich momentan noch nicht sagen. Voraussichtlich werden wir am frühen Nachmittag starten und – mit genügend Pausen zwischendurch – in Kronberg ankommen, wo der gesamte Liederzyklus um 19.45 Uhr uraufgeführt wird. Der Zyklus selbst wird etwa 70 Minuten dauern.