CONNECT – Das Publikum als Künstler*in

10 Fragen an Brigitta Muntendorf

›CONNECT – Das Publikum als Künstler*in‹ wurde 2016 von der Art Mentor Foundation Lucerne ins Leben gerufen, um die traditionelle Trennung zwischen Publikum und Interpret*innen zu hinterfragen und aktiv aufzulösen. Im Zentrum des Projekts steht die Idee, das Publikum als integralen Bestandteil der Aufführung zu begreifen: Neue Werke werden gezielt so konzipiert, dass Zuhörer*innen selbst zu Mitwirkenden werden und künstlerische Prozesse mitgestalten. Für die vierte Auflage erging der Kompositionsauftrag der fünf Partnerensembles von ›CONNECT‹ (Ensemble Modern, London Sinfonietta, Het Muziek, Remix Ensemble Casa da Música, Ensemble intercontemporain) an Brigitta Muntendorf. Sie ist Komponistin, Professorin für Komposition an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und seit 2025 Intendantin der KunstFestSpiele Herrenhausen. In ihrer Arbeit setzt sie sich mit der Fragilität unserer technosozialen und soziopolitischen Gegenwart auseinander und entwickelt dabei Konzepte wie Radical Listening, Environmental Storytelling und immersives Theater. Sie etablierte auch den Begriff des Social Composing, das die Kommunikationsfähigkeit von Musik radikal ins Zentrum stellt. Mit dem Ensemble Modern realisierte sie zuletzt die experimentelle Musiktheater-Show ›MELENCOLIA‹. Das Auftragswerk für ›CONNECT‹, das den Titel ›Last Show‹ trägt, wird am 17. Oktober 2026 vom Ensemble Modern im Rahmen der Donaueschinger Musiktage uraufgeführt. Weitere Aufführungen durch die Partnerensembles folgen im Anschluss. Zu diesem außergewöhnlichen Projekt stellte das Ensemble Modern Brigitta Muntendorf zehn Fragen.

Mit dem Projekt ›CONNECT – Das Publikum als Künstler*in‹ verschwimmen die Grenzen zwischen Interpret*innen und Zuhörer*innen. Was bedeutet das für deine Rolle als Komponistin? Was hat dich an dem Projekt interessiert?

Mich interessieren Menschen, die zuhören und sich für den Moment einer Aufführung oder eines Konzertes dem Akt des Hörens verschreiben. Was verbindet diese sehr verschiedenen Menschen in diesem Moment? Gerade heute, in einer so fragilen Gegenwart, in der vor allem Lautstärke Nuancen und Ambivalenzen schlichtweg übertönt. Ohne Zuhören gibt es keine Musik. In ›Last Show‹ geht es um das Publikum – um diese Gruppe Widerständiger. Wer sind sie, was verbindet und was unterscheidet sie, wie kann Selbstreflexion in einem Konzert geteilt werden?

Arbeitest du während des Kompositionsprozesses mit den fünf Ensembles zusammen? Wenn ja, wie?

Es gab viele Vorgespräche, in denen wir verschiedene Phasen der Konzeption besprochen haben. Allein die Tatsache, dass das Stück mit den unterschiedlichen Ensembles umgesetzt und an verschiedenen Orten aufgeführt wird, erfordert ein gemeinsames Verständnis der Möglichkeiten. In ersten Try-outs mit Musiker*innen des Ensemble Modern haben wir z. B. schon an Trommelwirbeln gearbeitet, die je nach Kontext sehr unterschiedliche Bedeutungen haben können und dem Monströsen in der Musik nachspüren.

Neben dem Austausch mit den Ensembles steht vor allem die Kommunikation und Interaktion mit dem Publikum im Vordergrund. Wie wird es in das Konzertgeschehen eingebunden?

Es geht mir darum, das Publikum als eine Art soziale Skulptur sichtbar zu machen. Wie kann der Konzertsaal ein Raum werden, in dem wir uns mit uns auseinandersetzen? In einer Zeit, in der die Öffentlichkeit ebenso instrumentalisiert wie durch politische Inszenierungen »entertained« wird, möchte ich wissen, welche Widerständigkeit dem Konzertraum innewohnt. Es geht also konkret um eine künstlerisch und dramaturgisch gestaltete Publikumsbefragung, um Zugehörigkeiten, soziale Rollen und Prägungen, die mittels Voting-Tools parallel zur Musik, mit ihr und durch sie initiiert wird – gleichzeitig wird damit die Konzertsituation hinterfragt.

Wie erfolgt die Vorbereitung des Publikums?

Es gibt nur eine technische Einführung in die Bedienung des Voting-Tools direkt im Konzertsaal.

Wie groß ist der Gestaltungsspielraum des Publikums? Wie ist das Verhältnis zwischen festgelegten und durch das Publikum beeinflussbaren Elementen?

Die Ergebnisse des Voting-Tools werden live ausgewertet und projiziert. Diese Unmittelbarkeit kann Dynamiken im Publikum auslösen, da die Ergebnisse aller immer auch auf den Einzelnen zurückwirken. Musik und Befragung folgen verschiedenen Dramaturgien, sind aber miteinander verzahnt und treffen sich in fiktionalen, unerwarteten Abbiegungen. Es geht darum, die Innenwelt nach außen zu kehren und gleichzeitig Mechanismen der Beeinflussung und Manipulation sichtbar zu machen. Ich möchte kein Publikum, das Rollen bloß übernimmt; vielmehr möchte ich die Rolle des Publikums ins Zentrum rücken.


Wie gehst du mit dem Faktor des Ungewissen – der Unberechenbarkeit des Publikums – um?

Jede Reaktion ist ein Abbild des Publikums. Natürlich können sich Menschen weigern, mittels Smartphone Antworten zu geben. Aber es wird immer auch einige geben, die ihre Antwort (mit) teilen und andere, die über die gestellten Fragen nachdenken. Ich finde an diesem Projekt besonders spannend, dass es durch die verschiedenen internationalen Ensembles auch verschiedene Publika gibt. Ziel ist es, dass diese Publika die Voting-Ergebnisse vorheriger Aufführungen an anderen Orten einsehen können und sich somit die Zuhörenden über die verschiedenen Aufführungsorte hinweg gewissermaßen begegnen.

Was wäre, wenn das Publikum die Interaktion verweigern würde?

Ich kann verstehen, wenn Menschen im Publikum nicht singen wollen, mit Instrumenten spielen oder mittels einer anderen musikalischen Aktivität mitmachen möchten – ich selbst würde das auch nicht wollen. Die Befragung hingegen erfordert keine Sichtbarkeit. Sie ist anonym und somit eine Chance, ausgehend vom Hier und Jetzt verschiedene Stadien der inneren Auseinandersetzung zu eröffnen. Vielleicht wird die Anonymität aber auch genutzt, um Ergebnisse absichtlich zu verfälschen – auch das ist eine Realität, mit der wir tagtäglich konfrontiert wer den. Sollte sich ein Publikum gänzlich verweigern, wird das Stück dennoch stattfinden – die Musik wird erklingen, die Fragen bleiben im Raum stehen. Das Publikum würde seine Widerständigkeit eben gegen sich selbst einsetzen – in dem es keine Neugier für sich zeigt. Albert Camus sagte einmal: Das wahre Unglück der Menschen beginnt, wenn sie einander gleichgültig werden. Vielleicht ist die ›Last Show‹ aber auch selbst das von Camus erwähnte wahre Unglück und das Publikum eine Schicksalsgemeinschaft?

Dein Stück wird in fünf europäischen Städten aufgeführt. Denkst du, dass das Publikum aufgrund der unter schiedlichen kulturellen Herkunft und Hörerfahrungen auch unterschiedlich agieren und reagieren wird?

Ja, davon gehe ich aus. Nicht nur die Traditionen der zeitgenössischen Musik und damit auch das aktuelle Schaffen haben in Deutschland, England, Frankreich, Portugal oder den Niederlanden unterschiedliche Wege genommen, auch der Kontext der Präsentation ist jeweils ein anderer. In Donaueschingen wird vor allem ein Fachpublikum anzutreffen sein, während ›Last Show‹ in London vor einem eher gemischten Publikum aufgeführt wird. Die Frage wird da wie dort sein, wie groß die Bereitschaft ist, sich auf ein möglicherweise ungewohntes Konzert einzulassen.

Welche Erwartungen hast du an die Aufführungen? Unterscheiden sie sich von denen bei einem herkömmlichen Konzert?

Ich habe keine Erwartung an ein bestimmtes Ergebnis. Und genau das ist bei diesem Format anders – und fühlt sich richtig an. Jede Beteiligung oder Nicht-Beteiligung, jede Antwort oder Nicht-Antwort spiegelt den Ist-Zustand des Publikums wider. Natürlich wünsche ich mir, dass sich die Menschen da rauf einlassen, den Raum gemeinsam zur Selbstreflexion zu nutzen. Grundsätzlich sehe ich Partizipation als einen inneren, nicht äußeren Akt – und diese Umkehrung von innen nach außen interessiert mich. Und es gibt immer die Musik: Sie trägt unsere Gedanken; das ist ihr immanent.

Wie wichtig ist bei diesem Projekt Social Media?

Neue Medien spielen in meinem Schaffen immer eine Rolle, nicht nur Social Media, sondern auch neue Technologien. Es geht darum, sie zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen, mal mit ihnen, mal ohne sie. Social Media verschärft und evoziert viele Dynamiken, die uns verunsichern und dazu beitragen, dass Stimmungen in der Gesellschaft aufgeheizt werden und Polarisierungen entstehen. Diese Polarisierungen und somit auch die Sichtbarmachung bereits bestehender Spannungen im Publikum werden eine zentrale Rolle spielen.