In Gedenken an Pierre Boulez

In Gedenken an Pierre Boulez

Unvergessen, mit welcher Wachheit, unnachgiebiger Liebenswürdigkeit,
mit welchem Tempo und welcher Effizienz er durch die Proben führte.
Im beengten Orchesterprobenraum des Festspielhauses Baden-Baden
herrschte eine konzentrierte Klarheit, geführt in seiner charismatischen Autorität und jugendlichen Frische: nie saß er zu seinem „Handwerk“, sondern führte stehend durch die täglichen zwei 3-Stunden-Proben;
nie fragte er nach, wenn man ihn aus der hinteren Ecke am Klavier ansprach, und wurde es mal unruhig, zeigte sein legendärer Ordnungspfiff
immer sofortige verwunderte Wirkung.

Aber das Erstaunlichste war, zu erleben, was für ein Bühnentier
Pierre Boulez war: trotz seines Rufes als analytischer Vordenker,
als Schöpfer solch revolutionärer und ungehörter Werke wie den
Klaviersonaten, war er ebenso ein emotionaler Bühnenkünstler/Interpret,
dem es ein Urbedürfnis war, niemals an einer gefundenen Aussage festzuhalten, sondern von Mal zu Mal neu zu definieren. Geradezu diebische Freude bereitete ihm die Maximierung des Spieltempos bei seinen eigenen Werken - Überraschungen waren diesbezüglich jeden Abend aufs Neue garantiert.

Dass er in den letzten Jahren durch seine Krankheit zum Nichtstun auf der Bühne gezwungen war, muss ihn tief getroffen haben und der Tod ihm da erlösend gekommen sein.

Mit ihm verlieren wir alle einen großen Mann der Musik.

Frankfurt, 7. Januar 2016
UW, Ensemble Modern