Response - Neue Musik macht Schule

Interview mit Dorothee Graefe-Hessler

Im Jahr 1988 holte das Ensemble Modern eine besondere Form der Musikförderung unter dem Namen "Response" von London nach Deutschland: Schüler bekommen hier die Möglichkeit - ausgehend von einem zeitgenössischen Musikwerk - ihre Phantasie und Kommunikationsmöglichkeiten in einen schöpferischen Prozess einzubringen. Seit 1990 werden in Hessen Response-Projekte an allen Schulformen und mit allen Altersklassen durchgeführt. Dorothee Graefe-Hessler, die Vorsitzende des Arbeitskreises für Schulmusik (AfS) in Hessen, gewährte Roland Diry und Susanne Laurentius einen Einblick in die aktuelle Arbeit und erläutert, wie wichtig eine frühe Musikförderung ist.

Ensemble Modern: Wie stellt sich das jetzige Projekt dar und was ist bis jetzt passiert: Gewähren Sie uns bitte einen Blick in die Werkstatt "Response".


Dorothee Graefe-Hessler: Das aktuelle Projekt umfasst etwa achtzehn Gruppen aus allen Schulformen in Hessen von Kassel bis in den Odenwald, also auch Gesamtschulen sowie eine Sprachbehindertenschule, von der 1. Klasse bis zu Leistungskursen. Das Projekt ist noch in den Kinderschuhen. Gerade war der Auftaktworkshop, bei dem die beteiligten Komponisten und Musiker ihre Projekte und die Lehrerinnen und Lehrer ihre Klassen kurz vorgestellt haben. Dann wurde entschieden, wer mit welchem Komponisten und Musiker zu welchem Thema im Projekt arbeiten wird. Zusätzlich dabei sind zwei Mütter, die Musikerinnen sind und im Ohrwurmprojekt arbeiten, einem kleinen Schulkonzerteprojekt. Da es kaum Musiklehrer in den Grundschulen gibt, haben sie ihre Mithilfe angeboten. So arbeiten auch zwei Mütter und eine fachfremde Lehrerin im Team.

Wie setzt sich ein Team zusammen?


In einem Response-Team befinden sich immer drei verschiedene Personen: ein Komponist oder Konzeptionist, ein Interpret und ein Lehrer. Der Komponist arbeitet planerisch und hilft bei der formalen und konzeptionellen Gestaltung der Stücke, die von den Kindern entwickelt werden. Der Interpret Neuer Musik ist jemand, der klanglich funktioniert. Wenn die Kinder oder Jugendlichen bestimmte Klänge haben wollen, die sie nicht realisieren können, liefert sie der Interpret. Oder er liefert den Schülern während der Arbeit Improvisationen, welche die Kinder und Jugendlichen als "Steinbruch" von Ideen und Klangmöglichkeiten für die Arbeit nutzen können. Die Lehrer kennen die Kinder und sind in der Lage, pädagogisch zu arbeiten und zu vermitteln.

Es gibt eine große Anzahl von Teilnehmern, die sich immer oder regelmäßig anmelden. Wieviele Neuanmeldungen haben Sie pro Projekt?


Ich bemühe mich, dass immer die Hälfte der Teilnehmer neu dabei ist. Inzwischen findet Response ja nur noch alle zwei Jahre statt, und oft erhalte ich schon weit im Vorfeld, ein Fax oder einen Anruf von Interessierten.

Können alle Interessenten auch teilnehmen?


Nein, dafür haben wir zu wenig Geld. Und bis kurz vorher weiß ich auch nie, wieviel wirklich zur Verfügung steht. Je nachdem können zwischen 14 und 18 Klassen teilnehmen.

Wie finanziert sich Response denn generell?


Das Kultusministerium stellt die Finanzierung von acht Klassen sicher. Von dieser Seite bekomme ich alle zwei Jahre 15.000 Euro. Der Rest ist zu akquirieren. Früher hatten wir den Hessischen Rundfunk als Partner, der eine ähnliche Summe gegeben hat, aber er ist beim letzten Projekt leider abgesprungen. Das Ensemble Modern bezahlt zwei Teamer, die insgesamt vier Klassen betreuen. Außerdem gibt es eine Bad Sodener Musikstiftung, die zwei Klassen aus dem Main-Taunus-Kreis unterstützt. Ohne private Spender kommt das Projekt nicht aus. Dann hatte ich jetzt das Glück, dass die PwC-Stiftung Response ebenfalls mit 15.000 Euro unterstützt. Damit war die Teilnahme aller 18 Gruppen gesichert und ich kann ein Programmheft und Plakate drucken lassen.

Warum ist es so schwierig, einen Sponsor zu finden?


Die meisten Stiftungen wollen Eliten fördern, was sicherlich wichtig ist. Aber eine gute Elite gibt es meiner Meinung nach nur mit einer guten Basis. Erstmalig habe ich eine Stiftung gefunden, die eine solche Basisarbeit unterstützt.

Da muss ich aber noch mal nachfragen, und zwar anknüpfend daran, dass Sie eine Stiftung gefunden haben, die eben keine Eliteförderung sondern Basisförderung betreibt. Es heißt: Neue Musik macht Schule. Ansätze, eine eigene Musiksprache zu finden oder damit zu experimentieren, gibt es ja auch in der musikalischen Früherziehung oder allgemein im Musikunterricht, der nicht speziell auf Neue Musik ausgerichtet ist. Mich würde interessieren, welche Aufgabe gerade dem Kontext Neue Musik zukommt.


Das ist eine sehr interessante Frage.Wir gehen immer von Modellkompositionen aus wie diesmal von Mark-Anthony Turnages "Crying out loud". Somit ist unsere Arbeit schon zielgerichtet, was bestimmte Materialien, eine evtl. Textgrundlage oder die Kompositionsidee betrifft. Eine gewisse Offenheit und Freiheit muss jedoch gewährleistet sein, da es sonst kein kreatives Projekt wäre. Je älter die Schüler sind, desto mehr sind sie in ihren Ideen schon festgelegt. Von daher ist es immer sehr wichtig, dass die Teamer genaue ästhetische Vorgaben für die Aufgabestellungen geben. Das unterscheidet Response von der Arbeit in der Früherziehung. Meine Beobachtung ist: Je klarer die Aufgabenstellung, desto mehr kommt von den Schülern an origineller, eigener Sprache ohne nachgemachte Klischees.

Es gibt also kein Imitieren der Partitur von Turnage?


Nein, die kennen die Schüler gar nicht. Erst am Schluss der Arbeit gibt es im Schulkonzert den "Response", d.h. dass die Schüler erfahren, welche Modellkomposition zugrunde lag. Damit wird jede Form von Imitationen vermieden. Response ist ein Kreativprojekt, wo das wirklich Eigene gefunden werden soll.

Interessant ist sicherlich auch die Frage, wie Response auf die Musikausbildung an der Hochschule, der Universität, in die Lehrerschaft und den Unterricht ausstrahlt.


Das kann ich natürlich nur für Hessen beurteilen. Gerd Müller-Hornbach hat schon etwas in die Hochschule getragen: Er hat innerhalb seines Lehrangebotes ein Blockseminar zu John Cage angeboten. Seine Studenten entwickeln praktisch wie Schüler zu bestimmten Cage-Werken eigene kleine Kompositionen. Ich würde mir wünschen, dass die Form der kreativen Arbeit viel mehr in der Ausbildung verankert würde, da meine Erfahrung zeigt, dass all das, was sich die Lehrer auf musikalischem Gebiet als Lernzuwachs für die Schüler wünschen, viel nachhaltiger ist, wenn diese der Aufgabenstellung kreativ und selbsterfindend begegnen. Das bestätigen auch alle Teilnehmer aus dem Schulmusikbereich, die bei Response mitgemacht haben, und darum kommen sie ja auch immer wieder. Das ist aus den Fächern Deutsch und Kunst bekannt - kein Lehrer würde in der Grundschulzeit seinen Kindern nur Diktate geben oder vorgeschriebene Texte abschreiben lassen -, wird aber im Musikunterricht nicht angewendet. Hier singen und spielen die Schüler Kompositionen, die jemand anderes geschrieben hat.

Das heißt, man müsste eigentlich mal auswerten, was diese Arbeitsform für den Unterricht allgemein bedeuten kann - auch für Mathematik oder naturwissenschaftliche Fächer.Wie könnte man diese Ideen, die in der Musik entwickelt werden, übertragen?


Das ist ja eigentlich schon von der Reformpädagogik aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt. Aber die Umsetzung und das Vertrauen in die kreativen Eigenkräfte der Kinder ist nur in manchen Fächern richtig entwickelt worden - und seltsamerweise nicht in der Musikpädagogik. Ebenso wenig wie in der Mathematik, und das merken wir bei den PISA Ergebnissen. In anderen Ländern ist diese Erkenntnis schon für jedes Fach im Bewusstsein. Ich glaube auch, dass Deutschland einen Nachholbedarf hat, zu erkennen, was die Wirtschaft fordert: Teamfähigkeit, Problembewusstsein, kreative Problemlösung und Experimentierfreudigkeit. Dies sind allesamt die Idealziele von Response, die die Schüler auch erreichen. Wenn man sich zu sechst um eine Komposition rauft, ist man auch in der Lage, bei Siemens ein Gerät im Team zu entwickeln.

Was wünschen Sie sich hier von der Politik?


Was ich mir wünsche, ist, dass Politik und Wirtschaft zusammengehen und erkennen, dass in der Ausbildung von Kindern bzw. Studenten bei uns etwas falsch läuft. In der Grundschule findet kaum Musikunterricht statt und somit wird die Chance vertan, dass Kinder hier kreativ werden - wir wollen keine Komponisten ausbilden, sondern die Entwicklung von Selbstbewusstsein, Teamfähigkeit, Experimentierund Entscheidungsfreude unterstützen. Die Weichen dazu müssen in sehr jungen Jahren gestellt werden, möglichst noch in der Grundschule.

Dabei ist es ja wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich Musizieren in vielerlei Hinsicht positiv auswirkt. Gibt es Studien, die speziell das Musizieren bei kleinen Kindern untersucht haben?


Ja, die Bastianstudie, die wahrscheinlich wichtigste musikpädagogische Studie, zumal in diesem Bereich viel zu wenig empirisch gearbeitet wird. Bastian hat in Berlin vier Langzeitstudien durchgeführt: Musiker wurden in Grundschulen geschickt und jedes Kind hat ein Instrument gelernt. So wurde vier Jahre lang improvisiert, nach Noten gespielt und im Orchester musiziert. Gleichzeitig wurden genauso viele Klassen ohne diesen erweiterten und ständigen Musikunterricht begleitet und Unterschiede im Lern- und Sozialverhalten ausgewertet. Das Ergebnis war, dass alle Schüler dieser Musikschwerpunktklasse, die übrigens in einem sozialen Brennpunktgebiet lag, eine Sozialkompetenz, Lernfähigkeit und Motivation an den Tag gelegt haben, die ungleich höher war als in den anderen Gruppen. Die Kinder wollten lernen, sie sind flexibel. So haben sie mit weniger Zeitaufwand die selben Leistungen erbracht. Leider dringen die Ergebnisse dieser Studie nicht in die Öffentlichkeit. Es müsste doch in der Grundschule möglich sein, dass alle Kinder Musik machen können.

Ensemble Modern