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Kompositorische Annäherungen an Istanbul, Dubai, Johannesburg und Pearl River Delta

Das neue Musikprojekt des Ensemble Modern und des Siemens Arts Program, in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut, stellt den Versuch dar, musikalisch das Wesen einer Stadt zu ergründen. Hierfür wurden sechzehn herausragende Komponisten aus aller Welt gewonnen. Jeweils vier von ihnen werden ab Februar 2008 einen Monat lang in je einer der vier Megastädte Istanbul, Dubai, Johannesburg oder Pearl River Delta leben und in der Auseinandersetzung mit diesen ein Werk für das Ensemble Modern komponieren. Die sechzehn Versuche, dem Wesen der verschiedenen Städte musikalisch Ausdruck zu verleihen, werden ab Oktober 2008 zur Aufführung gebracht: ein musikalisches Städtewerk.

Seit 2006 wohnt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten - schon allein diese Tatsache rückt die Stadt in den Fokus des gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Interesses. Ihre Verlockungen setzen seit jeher Menschen in Bewegung, sei es in der Hoffnung auf Erfüllung von Sehnsüchten, auf der Suche nach wirtschaftlichem, gesellschaftlichem Erfolg oder dem Streben nach privatem Glück. Gleichzeitig unterliegt die Stadt einem fortwährenden inneren Wandel. An keinem Tag ist sie wie zuvor, und doch behält sie ihre Substanz. Was aber macht die Wesenheit einer Stadt aus? Was bestimmt ihre jeweilige "Essenz" jenseits bekannter Assoziationen und Konnotationen, jenseits des äußeren Erscheinungsbildes, der geografischen oder klimatischen Lage? "into..." ist eine künstlerische Annäherung - der Versuch, auf diese Fragen musikalisch zu antworten.

Die ausgewählten Komponisten, die sich "into" Istanbul, Dubai, Johannesburg und Pearl River Delta begeben, sind: Mark Andre, Beat Furrer, Samir Odeh-Tamimi und Vladimir Tarnopolski (Istanbul), Vykintas Baltakas, Markus Hechtle, Márton Illés und Jörg Widmann (Dubai), Luke Bedford, Jörg Birkenkötter, Lars Petter Hagen und Lucia Ronchetti (Johannesburg) sowie Unsuk Chin, Heiner Goebbels, Benedict Mason und Johannes Schöllhorn (Pearl River Delta).

Zwischen Februar 2008 und Mai 2009 werden sich die Komponisten jeweils für einen Monat in den Städten aufhalten. Dort wird in Zusammenarbeit mit den lokalen Goethe-Instituten ein jeweils individuell auf die Interessen der Komponisten abgestimmtes Besuch- und Rechercheprogramm organisiert. Alle Komponisten werden Kontakt zu den von ihnen gewünschten Szenen bekommen. Mögliche Anknüpfungspunkte sind hierfür die Bildende Kunst, neue und traditionelle Musik, Soziologie, Architektur, Städtebau, Migration, die Naturwissenschaften, die Darstellenden Künste u.v.m. Während ihrer Aufenthalte werden sie außerdem im Austausch mit Universitäten und Hochschulen vor Ort stehen und beispielsweise Vorlesungen für Studenten halten.

Die Konzerte des Ensemble Modern werden im Zeitraum Herbst 2008 bis Sommer 2010 u.a. in Frankfurt, Berlin, Essen sowie in den Ursprungsstädten Istanbul, Dubai, Johannesburg und Pearl River Delta durchgeführt.

Die vier für "into..." ausgewählten Megastädte stehen exemplarisch für verschiedene Hauptausprägungen moderner Stadtentwicklung:
Istanbul, Metropole dreier Weltreiche und Schmelztiegel verschiedener Kulturen, ist die einzige Stadt auf zwei Kontinenten. Lange war sie die mit Abstand reichste und mächtigste Stadt Europas. Ihre kosmopolitische Bedeutung nahm jedoch immer weiter ab, bis sie 1923 ihren Hauptstadtstatus an Ankara verlor. Gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell blieb sie aber das Zentrum der modernen Türkei. Als Stadt an der turbulenten Peripherie Europas speist sich Istanbuls Treiben aus verschiede-nen Religionen und Kulturen. Heute wie früher diffundieren hier Welten.

Dubai steht momentan wie keine andere Stadt für die weltweite Arbeitsmigration. Über 85 Prozent der Einwohner sind Gastarbeiter aus Asien, Amerika und Europa. Ursprünglich eine kleine Siedlung von Fischern und Perlentauchern, entwickelte sich Dubai zur zukunftsorientierten und temporeichen Metropole. Spektakuläre Bauprojekte, Konsum- und Kulturangebote sprechen von Luxus und Vergnügen, aber eben auch von enormer Wandlungsfähigkeit und Beweglichkeit.

Vor den ersten Goldfunden 1886 dehnte sich dort, wo heute das wirtschaftliche und industrielle Zentrum Südafrikas liegt, eine endlose, unberührte Savannenlandschaft aus. Johannesburg war von Beginn an von scharfen Kontrasten und Widersprüchen geprägt und gilt heute als eine der gefährlichsten Städte der Welt. Trotzdem ist Johannesburg, das sich vor allem durch kraftvoll pulsierende Lebendigkeit auszeichnet, heute mehr denn je Hoffnungsträger für zahlreiche Migranten.

Entlang der Mündung des Perlflusses in das südchinesische Meer sind mehrere Megastädte, darunter Macao und Guangzhou, zu einem riesigem Verbund, dem Pearl River Delta zusammengewachsen. Mit dem Beginn der chinesischen Politik der Öffnung seit den 1970er Jahren wurde dieses gigantische Ballungsgebiet mit staatlicher Förderung gezielt zur "Super-Agglomeration" von enormer wirtschaftlicher Bedeutung ausgebaut. Doch dort, wo Land immer noch nicht in Stadtgebiet umge-wandelt werden darf, bleibt die Architektur flach. Hier hängt die Zukunft bis auf weiteres am Angelhaken der Tradition.

Wird es gelingen, diesen vier Städten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, ihr Innerstes zu entlocken und eine musikalische Essenz zu destillieren? "into..." ist für seine Initiatoren Ensemble Modern und Siemens Arts Program sowie den Kooperationspartner Goethe-Institut, vor allem aber für die beteiligten Komponisten Experiment und Herausforderung zugleich, an deren Ende die Transformation sinnlicher Erfahrung in Musik steht.