Zum bewegten Bild wird hier der Klang
Sasha Waltz tanzt Rihm
Weshalb, fragt man sihc noch vor Erklingen des ersten Tons, sitzen fast alle Musiker des Ensemble Modern mit nakten Füßen auf ihren Stühlen? Zur Gänze wird sich das Rätsel erst nach einer knappen Stunde lösen. [...]
In seiner Klanggestalt besitzt das Werk tatsächlich dahinjagenden Charakter. Mit seiner gezackten, kürzelhaften Linearstruktur ist "Jagden und Formen" fast durchgängig in raschem Fluss, verzichtet auf eindeutige Gliederung - etwa durch Pausen -, mäandert fort und fort. Die 24 Instrumentalisten des auf Neue Musik spezialisierten, wie immer höchst engagiert spielenden Ensemble Modern (Frankfurt) waren dabie in allen Besetzungskombinationen gefordert, vom Tutti bis hin zum solistischen Einsatz. [...]
Am eindrücklichsten ist dies, wenn fast das komplette Orchester - eben alle, die kein Schuhwerk tragen -, sich unter die Tänzer mischt und, stets musizierend, sich mit ihnen gemeinsam auf den Boden legt. An dieser Stelle hat auch Rihms Musik einen ihrer wenigen ruhigen Momente.
Am Ende frenetischer Jubel für die Interpreten und den anwesenden Komponisten. Bei den Festspielen an der Salzach weiß sich nicht nur das Star-Theater und sein Publikum, sondern auch die Neue-Musik-Szene zu feiern.
Stefan Dosch
Landschaft mit entfernten Verwandten
****(*)
Von der Bezeichnung Oper, die Heiner Goebbels für sein Werk Landschaft mit entfernten Verwandten gebraucht, sollte man sich nicht allzu sehr in die Irre führen lassen. Das hier hat nichts mit einer fortgesetzten dramatischen Handlung und so gut wie nichts mit Arien und Operngesang zu tun. Der Frankfurter Musiker und Komponist stellt eine extrem vielseitige und kurzweilige Collage von Musikstilen und Textvertonungen zusammen, die keiner Musik- oder Theatergattung eindeutig zuzurechnen ist. 2002 in Genf uraufgeführt, ist jetzt ein 80-minütiger Querschnitt des Stücks auf CD erschienen, der mit einer solchen Fülle von Bedeutungsebenen und verarbeiteten Einflüssen überrascht, dass das Zuhören auch ohne die dazugehörigen szenischen Elemente ein für sich einnehmender Genuss ist. Dabei beweist das großartig aufspielende Ensemble Modern einmal mehr seine Ausnahmestellung als Grenzgänger zwischen zeitgenössischer Avantgarde und populären Stilen. Unterstützt wird es durch den Schauspieler David Bennent, den Bariton Georg Nigl und den Deutschen Kammerchor.
Da stehen rhythmisch akzentuierte Passagen neben sanften folkloristischen Momenten, treffen Western-Songs auf moderne Madrigale. Da die Musiker auch als Sänger, Darsteller und Rezitatoren agieren, sind Goebbels' Gestaltungsmöglichkeiten fast grenzenlos. Das Ergebnis ist ein Stück, das Herz und Hirn gleichermaßen anregt, mit den verarbeiteten Texten von Giordano Bruno, Henri Michaux, T.S. Eliot, Leonardo da Vinci und anderen die Wechselwirkungen zwischen Wirklichkeit und Kunst thematisiert und grundsätzliche Reflexionen über politische Konflikte anstellt. Einen besonderen Stellenwert haben dabei Gertrude Steins Kriegserinnerungen, die sie 1945 in Wars I Have Seen zusammenfasste. Die teils wie ein Sprechstück auskomponierten Rezitationen, die bisweilen an Laurie Anderson erinnern, stehen im wirkungsvollen Kontrast zu den theatralischen Ausbrüchen, mit denen David Bennent einen Triumphmarsch zu einem Text von T.S. Eliot gestaltet. Landschaft mit entfernten Verwandten ist eindrucksvoller Beleg für die Lebendigkeit und Relevanz des Musiktheaters im 21. Jahrhundert.
Guido Diesing
Landschaft mit entfernten Verwandten
It's a seductive, sometimes shocking and viscerally exciting musical experience; the premier recording of an unconventional opera that made a major impact at its premiere in Geneva in 2002. Landschaft mit entfernten Verwandten translates as 'Landscape with distant relatives', and trying to describe it is a bit of a nightmare...not least because Goebbels himself doesn't exactly revel in unpicking his music in front of critics and audiences. "What drives the attention of an audience is the unforeseeable, and the secrets and mystery of a performance", he says...and ECM provides no explanatory notes at all; all the texts, yes; but each in its original language, with no translation. 'Suck it and see' seems to be principle at work here, and you should. But here are a few pointers.
Goebbels has talked before about exploring the 'landscapes' of different texts, and here he's identified radically different writers as the 'distant relatives' of the title: Giordano Bruno, Arthur Chapman, Henri Michaux, Leonardo da Vinci, T S Eliot - whose Triumphal March from Coriolan is snarling, savage battery of warfaring imagery, matched with onstage drums and declamations. And there's Gertrude Stein, whose stream-of-consciousness narratives are taken from her 1945 book, Wars I Have Seen, and they seem to be the glue that holds these separate tableaux together. The other connective tissue is the subject matter, and the inspiration. Goebbels has let it be known that this 'Landscape...' was partly motivated by his reactions to the terrorist attacks of 9/11and there's an unmistakeable sense of the composer seeking parallels in political struggles and the ambiguous relationship between art and reality across different times and cultures. He provides sounds to set these similarities and conflicts in sharp relief: instruments from renaissance music, from the middle east, musical themes from Bollywood, and a country & western campfire.
This is a recording taken from live performances in France in October 2004. The photos in the notes give an idea of the impact Goebbel's opera has on stage, but the images seem to sear the mind, even off CD. A stunning achievement, and a haunting experience.
Andrew McGregor
Landscape with Distant Relatives
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Heiner Goebbels has produced a succession of distinctive stage works over the last two decades or so, some of which rank among the most dazzling fusions of images, text and music in our time, but Landscape With Distant Relatives, first seen in Geneva in 2002, is the first of them he has specifically labelled as an "opera". Landscape With Distant Relatives uses a patchwork of texts - by authors including Giordano Bruno, Leonardo, TS Eliot, Henri Michaux and Gertrude Stein - which make up the "landscape" of the title, and through which Goebbels' music then travels. There is no narrative threading the 80-minute work; the texts are arranged almost like museum exhibits in the space mapped out by Goebbels' score, with the spotlight falling on each in turn, drawing parallels and creating unexpected connections and collisions between different historical eras and cultural traditions.
To establish those links, Goebbels employs a typically vast range of musical styles - from Bollywood film music to country, from samples and jazzy improvisation to period-instrument renaissance pastiche - all of which the peerless Ensemble Modern, playing a bewildering variety of instruments, take entirely in their stride. On disc, of course, only the words and music can be conveyed, and the visual element, always a primary ingredient in Goebbels' scores, is absent. So the part the Ensemble plays in the onstage drama remains unseen, just as the way in which the other performers, two solo vocalists and a chamber choir, are integrated into Goebbels' production is missing too. This, then, can only be a partial glimpse into a work that is far wider-ranging, but even as a soundtrack it is totally absorbing, and carries its own special dramatic charge.
Andrew Clements
Landschaft mit entfernten Verwandten
Eine Oper nur zu hören, kann eine enorme Reduktion bedeuten [...] Im günstigsten Fall aber ersteht ein eigenständiges Hör-Werk, das auf verweiskräftige Art ein Ganzes bildet. [...] Bei Heiner Goebbels' Landschaft mit entfernten Verwandten, die explizit die Gattungsbezeichnung "Oper" verwendet, tritt der letztere Fall ein. [...] In der Summe entsteht eine dichte, düstere und zugleich sehr klare Atmosphäre und ein sich langsam entrollender Zusammenhang. [...] Dass dieser Zusammenhang nun nicht über ein gut zweistündiges Stück Bühnen-Musiktheater, sondern über gut 75 Minuten Hör-Theater entfaltet wird, gibt dem Stück etwas Konzentriertes. Es zeigt sich, dass Heiner Goebbels eben nicht nur ein äußerst eigenständiger Theaterkünstler ist, sondern auch ein überaus ausdrucksfähiger und idiomatisch versierter Komponist, dem kein klanglicher Mikrokosmos fremd ist.
Hans-Jürgen Linke
Oper und mehr
Im Allgemeinen steht Heiner Goebbels der Oper als fester Ausdruckskonvention skeptisch gegenüber. Er betrachtet sie vielmehr "als komplexeste Form der Verschränkung aller Theatermittel" und damit als eine Herausforderung auf mehreren Ebenen. Dementsprechend komplex und zugleich transparent präsentiert er seine Idee in "Landschaft mit entfernten Verwandten", einem 2002 fertiggestellten polystilistischen Werk mit übergreifendem Charakter, das nun auch auf CD festgehalten wurde. Es ist eine Gegenüberstellung von Sprach- und Musikwelten, nebeneinander und miteinander, verwoben zu einem charakteristischen Geflecht der Sinneseindrücke, das die Grenzen des zeitgenössischen Musiktheaters mit einem Augenzwinkern überschreitet.
[...]
Eine Oper aus seiner Feder konnte daher nur ein Kompendium der Möglichkeiten sein, mit dem man aus zeitgenössischer Perspektive den kreativen Raum einkreist. In "Landschaft mit entfernten Verwandten" gibt einen Sänger, im Fall der Aufnahme Georg Nigl, dem auf der gleichen Ebene ein Schauspieler, David Bennent, gegenüber gestellt wird. Texte von Gertrude Stein wechseln sich ab mit solchen von Giordano Bruno, Arthur Chapman, T.S.Eliot, Henri Michaux, Nicolas Poussin und Leonardo da Vinci, die Musik reicht von jazzgetönten Bläserklängen über Country-Impressionen bis hin zu orchestralen Schwebungen und neumusikalischen Dissonanzen. Nancy Chapple beschrieb diese Pluralität der Ausdrucksformen ebenfalls im Anschluss an die Uraufführung in der Berliner Philharmonie im Februar 2003 auf der Seite Klassik-in-Berlin.de mit spürbarer Faszination: "Ein bloßes Auflisten der Kompositionsbestandteile reicht bei weitem nicht, einen treffenden Eindruck des Stückes zu vermitteln.
[...]
Rund 20 Mal wurde "Landschaft mit entfernten Verwandten" inzwischen adaptiert und aufgeführt, in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Österreich und den Niederlanden. Die vorliegende Aufnahme entstand vom 9. bis zum 12. Oktober 2004 im Théâtre des Amandiers, Nanterre, Paris, gemeinsam mit dem Ensemble Modern und dem Deutschen Kammerchor unter der Leitung von Franck Ollu. Sie setzt die erfolgreiche Zusammenarbeit des Komponisten mit dem Label ECM New Series fort, die 1988 mit "Der Mann im Fahrstuhl" begann und unter anderem "Hörstücke" (1984-1990), "Shadow/Landscape with Argonauts" (1990), "La Jalousie / Red Run / Herakles 2 / Befreiung" (1992), "Ou bien le débarquement désastreux" (1994), "Surrogate Cities" (1996 and 1999) und die viel diskutierte Aufnahme von "Eislermaterial" (1998) hervorbrachte. Und sie fügt dieser Reihe einen weiteren Höhepunkt hinzu.
Zeit, Raum, Krieg und Kunst
Heiner Goebbels' "Landschaft mit entfernten Verwandten" im Schauspiel Frankfurt
Zu den kaum hoch genug einzuschätzenden Verdiensten des Frankfurter Ensemble Modern gehört es, gerade noch rechtzeitig zu dessen Lebzeiten eine künstlerische Symbiose mit der Kunst Frank Zappas hergestellt zu haben. Angesichts dieser speziellen Leistung mag es nicht verwunderlich scheinen, daß diese Musiker seit je auch enge Kontakte zu dem Komponisten, Instrumentalisten. Bühnenautor und Regisseur Heiner Goebbels pflegen. Jenseits aller künstlerischen Individualität drängt sich eine bedeutende Parallele zwischen beiden Persönlichkeiten immer wieder auf: So wie Zappas Kunst im Akt ihres Entstehens einer bestimmten Form, keineswegs jedoch eines starren Ton-"Überträgers" bedurfte, so haben Klänge in Goebbels' musiktheatralischem Ouvre nicht die Funktion, die ihnen in konventionellen Werken dieser Art gewöhnlich zusteht. Gefordert ist vielmehr - hier wie dort - der hochmotivierte, flexible Musiker als Mitträger einer in ihren Mitteln weitverzweigten, polyvalenten Szene.
In Goebbels' neuem Stück "Landschaft mit entfernten Verwandten" [...] wird dies immer wieder deutlich. Da werden die Musiker zu Sängern, Tänzern, Trommlern. Kämpfern, Schauspielern und überhaupt - Protagonisten der Bühne. Die übliche Trennung zwischen Chor, Orchester und Schauspielern scheint aufgehoben. Als Collage läßt sich dieses multidimensionale Gesamtkunstwerk dennoch nicht bezeichnen. Die Eigenwertigkeit der einzelnen Kunstebenen ist nicht zu unterschätzen - vor allem die linguistische nicht: [...] Die davon getrennte und doch assoziiert wirkende Musikebene arbeitet mit rockartigen Passagen, Avantgardeklängen, indischem Liedgut, madrigalartigen musikalischen Gebilden oder auch meditativen Klängen quasiarabischer Provenienz - alles jedoch unverkennbar Goebbels' Eigenart spiegelnd und keineswegs den Charakter eines bloßen Pasticcios aufweisend.
Der Schauspieler David Bennent war ein künstlerischer Fixpunkt dieser von Goebbels selbst besorgten Inszenierung, das Ensemble Modern unter Franck Ollus Leitung nebst Chor und Georg Nigls Bariton ein weiterer. Nach mehr als zwei pausenlosen Stunden starker Beifall im Schauspiel Frankfurt.
bud.
Bilder einer Ausstellung
Heiner Goebbels' Oper "Landschaft mit entfernten Verwandten" mit einem grandiosen Ensemble Modern im Schauspiel Frankfurt
[...]
Landschaft mit entfernten Verwandten ist sein sicher komplexestes, vielleicht sogar hermetischstes Werk.
Getragen wird es hauptsächlich vom grandios aufgelegten, von Franck Ollu dirigierten Ensemble Modern, das nicht nur als Orchester fungiert, sondern auch die Bühne darstellerisch füllt, David Bennent als Schauspieler und der Bariton Georg Nigl demonstrieren die Vielfalt, in der Sprache musikalisch nutzbar gemacht werden kann. Und im Neben-, Mit- und Ineinander, in der Offenheit des Ensembles zeigt Goebbels, dass die Oper auch im 2l. Jahrhundert nicht tot ist, sondern lebt. Man muss nur die ihr innewohnenden Chancen begreifen.
Tim Gorbauch
Hinter der Maske des Terrors wuchert die Fantasie
Heiner Goebbels' Oper für das Ensemble Modern "Landschaften mit entfernten Verwandten" wurde im Schauspiel erstmals in Frankfurt gezeigt
[...]
Das Ensemble Modern spielt unter Franck Ollu mit ebenso viel Hingabe wie Perfektion, um die Musik glänzend in "seine" Szene einzubinden. Und es hat dazu in dem hinreißend präsenten David Bennent (Schauspieler) und dem (hohen) Bariton Georg Nigt hervorragende Partner. Bühnenbild und Licht von Klaus Grünberg, aber auch die Kostüme von Florence von Gerken festigen dieses von Heiner Goebbels ja selbst inszenierte Spectaculum mundi, während das Ensemble die Bühne in allen ihren Formen lustvoll beherrscht. Langer Beifall.
Rudolf Jöckle
Heiner Goebbels und Märzmusik
"Landschaft mit entfernten Verwandten" und "Aus einem Tagebuch"
[...]
Zum Beispiel die Oper, die vom Ensemble Modern und dem deutschen Kammerchor mit großartiger Perfektion aufgeführt wurde: Das knapp zweieinhalbstündige Werk ist ebenso wenig oder genau so sehr eine Oper wie Goebbels Musiktheater zuvor. Gesungen wird in dieser schönen, poetischen Landschaft kaum, gesprochen dafür umso mehr.
Die schwarz-weiße Szenerie, der zeitweilig rote Lichterschein, die auf Kostüme und Wände projizierten Ornamente und die Musiker im bewegten Schattenbild: das alles ist wunderschön und sinnlich beeindruckend wie eh und je. Gleichzeitig ist "Landschaft mit entfernten Verwandten" intellektueller als alle Werke zuvor. Wundersam wandelt zwar die erotisch spröde Stimme von David Bennent das gesprochene Wort in Musik. Dennoch überlagert die sprachliche Textur (mit Zitaten von bis) die musikalische. Das liegt an der Mächtigkeit der assoziativ angerissenen Themen, die von der künstlerischen und wissenschaftlichen Darstellung des Menschen in der Natur, von der Wahrnehmung und deren Perspektive erzählen. [...]
Christine Hohmeyer
Wundertheater der Geistigkeit
Wahrhaft reich: Deutsche Erstaufführung von Heiner Goebbels' "Landschaft mit entfernten Verwandten"
Schon zu Ende? Heiner Goebbels' "Landschaft mit entfernten Verwandten" spielt pausenlos hundertvierzig Minuten, aber dies überrumpelndste aller bisherigen Musiktheaterstücke könnte mühelos fort- und fortspielen bis in alle Ewigkeit hinein. Stunden, Tage, Wochen. Es beschäftigt den Geist. Es animiert alle Sinne. Es kann sich nicht nur hören, es kann sich mit Bewunderung sehen lassen. [...]
Die Mitstreiter von Goebbels auf der Bühne sind auch nicht von Pappe. Das Ensemble Modern und der Deutsche Kanunerchor zeichnen sich aus - nicht nur musikalisch. Sie quirlen mit oder ohne Instrumente über die Bühne, sie drehen sich wie Derwische im Kreise, sie machen Musik vermummt als Terroristenkapelle: im schwarzen Kampfanzug, Gesichtsmasken mit schmalen Schlitzen über dem Kopf. Man befürchtet beinahe, sie könnten so die Noten nicht mehr korrekt lesen. Können sie aber! Herausgehoben aus der Menge zwei Solisten: der Bariton Georg Nigl und David Bennent, der Schauspieler, unvergessener Ex-"Blechtrommler", inzwischen glänzender Rezitator. [...]
Bedauerlich einzig, dass das wahrhaft reiche, geradezu überreiche Stück nach nur zwei Aufführungen schon wieder aus Berlin verschwunden ist. Ewig schade!
Klaus Geitel
Haus der Berliner Festspiele: "Landschaft mit entfernten Verwandten"
[...] Die ihre komplizierte Logistik perfekt beherrschende Aufführung ist aber noch etwas anderes: Die Selbstdarstellung eines grandiosen Ensembles, der Ensembles Modern unter Franck Ollu. Die jungen Musiker beherrschen nicht nur ihre - oft abenteuerlichen - Instrumente, sie spielen auch mit, singen, sprechen, tanzen in stets wechselnden Kostümen, als sei das alles eine Selbstverständlichkeit und nicht weiter der Rede wert. Dabei verlangt Goebbels Partitur Immenses von ihren Interpreten, weil sie ständig die Sprachebenen wechselt: Mal sind's den Erzählstrom interpunktierende Signale, mal gibt die Musik den szenischen Situationen ihr Klima, ihre prägende Atmosphäre, mal kommentiert sie. Changierend zwischen den Traditionen von Okzident und Orient ist sie reich an Farben und sinnstiftenden Gesten.
Mit dem Ensemble Modern, für das dieses Stück geschrieben wurde, singen, sprechen und spielen David Bennent und Georg Nigl sowie ein kleiner, aber vorzüglicher Chor. Unter Heiner Goebbels Regie verwirklichen sie alle ein Konzept, das die Irritationen eines Vexierspiels nutzt, um dem Publikum, das keine Handlung mitvollziehen muß, die Freiheit zu eigenen Assoziationen zurückzugeben - Assoziationen zu einem Klangbilder-Reigen, in dem sich die Kunst- und Ideengeschichte der zivilisierten Menschheit zugleich in Erinnerung bringt und kritisch reflektiert. [...]
Dietrich Steinbeck
Der Weltmusiktheatermacher
Heiner Goebbels' "Landschaft mit entfernten Verwandten" gastiert im Berliner Festspielhaus
[...]
Für die Musiker des Ensemble Modern indes (das Ganze ist beste europäische Konfektionsware und wurde von Genf, Mulhouse, den Berliner Festspielen und dem Ensemble Modern koproduziert) geriet die deutsche Erstaufführung zum Triumph: Was die alles wagen und können, ist fabelhaft. Tanzen, singen, sprechen, fremde Instrumente bedienen - mit einem konventionellen Opernorchester und Chor (der Deutsche Kammerchor steht ihnen in nichts nach) wäre das schon aus gewerkschaftlichen Gründen nicht zu leisten. [...]
Christine Lemke-Matwey
Reigen seliger Bilder
Der Musiktheatermonteur: Heiner Goebbels präsentiert in Genf sein neues Stück "Landschaft mit entfernten Verwandten"
[...]
Da passte es gut, dass Heiner Goebbels sein bislang umfangreichstes, ambitioniertestes Musiktheaterfest nicht mit den bewähren Kräften eines Opernhauses auf die Bühne stellte, sondern mit einer Klanggruppe der besonders spiel-, darstellungs- und denkfreudigen Art. Das Frankfurter Ensemble Modern nämlich wechselte während der zweieinhalbstündigen Aufführung immer wieder vom Graben auf die Bühne, die 17 Musikerinnen und Musiker schlüpften zusammen mit den Choristen des Genfer Opernhauses in Kostüme und pantomimische Rollen, erwiesen sich mit ihren Instrumenten als Komödianten musikalischer wie szenischer Verwandlungen. Ein Glücksfall für den Komponisten, der nicht zum ersten Male mit diesen Virtuosen der Moderne zusammenarbeitete.
[...]
Heiner Goebbels sagt, dass er das Wort "Collage" nicht besonders mag. Es ist ihm wohl zu statisch. Am wichtigsten sei es, dass die verschiedenen Materialien zusammen "arbeiten" können im Augenblick ihrer Hervorbringung. Entscheidend ist ihm das vitale "Ensemble" der Künste, fern jeder "Vertonung": So erscheinen die ausgewählten gesprochenen oder gesungenen Texte von Leonardo da Vinci, Poussin und Velázquez, von Giordano Bruno und Gertrude Stein, T. S. Eliot und Michel Foucault sozusagen nur als Nebenstimmen in einem umfassenden Tableau von vier Akten. Das beginnt mit dem Panorama einer typischen Niederländer-"Nachtwache", die von Darstellern auf der Bühne lebhaft nachvollzogen wird und zu der diverse Texte aufklingen: über das Unendliche und das Universum von Giordano Bruno, Gertrude Steins Antikriegsstimme in "Wars I Have Seen", Max Regers Choral "Nun sich der Tag geendet hat", von Mitgliedern des Ensemble Modern gespielt auf mit Händen in die Höhe gestemmten Orgelpfeifen, schließlich von Henry Michaux der Text "Il y a des jours" über Gemälde, Farben, Figuren.
Der zweite Akt beginnt mit einem fiktiven "Dialog der Toten" zwischen Leonardo und Poussin über die "Handlung" und die Nähe und Ferne der Figuren auf Poussins erwähntem Gemälde "Landschaft mit einem Toten". Heiner Goebbels' Musik, die da beispielsweise von vermummten Ensemblemitgliedern in Gesichtsmasken auf der Bühne gespielt wird (Streicher, Bläser, Ziehharmonika), entwirft schöne und schräge Klangbilder, auch durch Elektronik manipulierte Klangaspekte von musikalischer Avantgarde, Tanz-, Rock- und Minimalmusik, voll von rhythmischen und klangfarblichen Schroffheiten, Irregularitäten. Die Musiknummern (virtuos dirigiert von dem Franzosen Franck Ollu), die bewegten, raffiniert ausgeleuchteten Bilder (Bühne, Licht: Klaus Grünberg), sie reihen, jagen sich, es sind festgehaltene, vom Komponisten und Regisseur Goebbels minutiös gearbeitete und einstudierte "Improvisationsprozesse", die von den Choristen der Oper und den Instrumentalisten des Ensembles in phantastischen Kostümierungen (Florence von Gerkan) vollzogen werden. Und zwei Darsteller und Stimmen fügen sich als starke Solisten in den gespielten, rezitierten, gesungenen Bilder- und Klangstrom ein: der Bariton Georg Nigl und der Schauspieler David Bennent.
[...]
Wolfgang Schreiber
Krieg der Orgelpfeifen
Naturwissenschaft verschmilzt mit Kunst: Uraufführung von Goebbels' "Landschaft mit entfernten Verwandten"
[...]
Mehr noch als bisher erklärt der Komponist Goebbels seine Musiker zu Mitspielern. Er holt sie auf die Bühne, wo sie mit Strumpfmasken musizieren, als wollten sie die nächste Bank ausrauben. Sie versuchen eine Disko-Choreographie, als hofften sie auf eine späte Karriere als Show-Häschen. Und sie formieren sich zum brüllenden Trommlerregiment
[...]
Keine Sekunde lang missversteht der Dirigent Franck Ollu seine Musik als in sich ruhende Bildbeschreibungen. Er treibt die kompliziert gegeneinander gesetzten Pattern weiter, er verwirrt den Rhythmus zu einem dichten Gestrüpp.
Allen Computern und Lautsprechern zum Trotz bleibt Goebbels' Musik feinste Handarbeit. Gegen Ende gar des vielsprachig-gesamteuropäischen Stücks stolpern die Musiker als Cowboyband in die gute Stube. Sie spielen nicht Bluegrass, sie machen keine Stubenmusi, sie singen keine Chansons. Goebbels ist gefühlvoll und unsentimental zugleich. Und das ist seine größte Meisterschaft.
In einer geräumigen Gelehrtenstube prallen die künstlerisch-künstlichen Klänge eines Spinetts auf das ungebändigte Röhren von Naturhörnern. Aus einer windschiefen Orgel greift sich jeder eine Pfeife, und sobald sie nun buchstäblich aufgereiht stehen wie die Orgelpfeifen, blasen sie einen schiefen Choral. Das ist kein bisschen komisch. Es ist sehr traurig. Kunst und Krieg sind seit alters her gute Freunde, und nur Dummköpfe leugnen die ästhetische Dramatik des Terrors.
[...]
Um drei Modellburgen stehen die Spieler, und schießen sich gegenseitig in Brand - so lange, bis es ans große Reinemachen geht. Dann kommen die Putzfrauen, stauben ab und decken zu.
[...]
Goebbels' Blickwinkel mag verschroben sein, düster und quer. Aber, das haben wir spätestens mit Picasso gelernt: Es muss ja nicht immer die Zentralperspektive sein.
Clemens Prokop
Bilder einer Ausstellung in Genf
Opern-Uraufführung Heiner Goebbels ' Musiktheater "Landschaft mit entfernten Verwandten" in Genf
* Dank dem 50-Jahr-Jubiläum der Europäischen Festivalvereinigung kam Genf zu einer international beachteten Opern-Uraufführung: "Landschaft mit entfernten Verwandten" von Heiner Goebbels ist ein dichter musikalischer Bilderbogen.
[...]
Unter der musikalischen Leitung von Franck Ollu spielten die Ensemble-Modern-Musiker nicht nur gewohnt souverän, sie boten auch reife szenische Leistungen auf der Bühne, ob als rhythmisch sattelfeste Tambourengruppe oder als tanzende Derwische. Ein Bariton (Georg Nigl) und ein Schauspieler (David Bennent), beide sehr eindrucksvoll, ergänzen neben dem Genfer Chor die Besetzung. Goebbels führte selber Regie, und erwies sich auch auf diesem Gebiet als suggestiver Gestalter. Sein Theater ist in erster Linie ein Theater mit musikalischen Mitteln, welches die Mitglieder des Ensembles Modern und das Charisma ihrer Instrumente ins Zentrum stellt.
[...]
Reinmar Wagner
"Wenn man mit dem Auge auf dem Gegenstand liegt, sieht man ihn nicht." (Heiner Müller)
Interview mit Heiner Goebbels
Rainer Römer im Gespräch mit dem Frankfurter Komponisten Heiner Goebbels über dessen neue Oper "Landschaft mit entfernten Verwandten", die im Oktober in Genf ihre Uraufführung erlebt.
Rainer Römer: Wie entstand die Idee für die Oper?
Heiner Goebbels: Die erste Initiative ging vom Ensemble Modern aus. In einem Gespräch, das wir vor drei Jahren in London führten, habt ihr das Interesse formuliert, nach den Erfahrungen mit "Schwarz auf Weiß" und "Eislermaterial" eine dritte szenische Arbeit mit mir in Angriff zu nehmen. Das ergänzte sich bald darauf mit einem Kompositionsauftrag für eine Oper, den ich von der Europäischen Festival-Vereinigung zu deren 50. Geburtstag bekam. Da dieser Kompositionsauftrag in der Genfer Oper realisiert werden sollte, die kein eigenes Orchester hat, konnte ich die beiden Pläne miteinander verbinden.
RR: Gab es schon früher einmal die Anfrage einer Oper an dich?
HG: Ja, von mehreren Opernhäusern. Bislang hatte ich diese aber nicht angenommen, weil der konventionelle Opernbetrieb eine andere Vorlaufzeit hat und mir von den Arbeitsbedingungen nicht die Flexibilität ermöglicht, die ich brauche, damit die Arbeit mich überraschen kann; damit meine ich vor allem die Chance, die Beteiligten - wie in diesem Fall die Musiker des Ensemble Modern - selbst in den Prozess zu integrieren, Dinge vorher auszuprobieren, um damit das szenische Material, die Musik, aber auch die Mitspieler zum kreativen Partner werden zu lassen. Diese Möglichkeit besteht an einem Opernhaus eben in der Regel nicht. Ich bin jetzt aber im Gespräch mit der Frankfurter Oper für eine Produktion in vier Jahren.
RR: Was waren deine ersten Reaktionen auf das Motiv "Oper"?
HG: Oper interessiert mich als komplexeste Form der Verschränkung aller Theatermittel. Gleichzeitig trennt mich von ihr die selbst in ihren experimentellen Formen doch noch relativ enge Klanglichkeit des traditionellen abendländischen Kunstgesangs. Das ist eine Art von Künstlichkeit, der gegenüber ich mich in meiner eigenen Biographie nie öffnen konnte. Es gibt wenige Opern, die ich sehr schätze. Dazu gehört sicher "Wozzeck", den ich immer wieder gesehen habe. Das hat aber auch hier mit der Stimmbehandlung zu tun: In dieser Oper ist es Alban Berg gelungen, die ohnehin schon sehr reduzierte Sprache Büchners auf eine dem realistischen Tonfall und Sprachrhythmus abgehörte Weise zu komponieren. In meiner eigenen Arbeit versuche ich eher, die Musikalität der gesprochenen Sprache zu nutzen, sie zu entdecken, zu komponieren, transparent zu machen. Deswegen spielt auch in meiner Oper ein Schauspieler - David Bennent - eine große Rolle. Nicht zuletzt, weil ich glaube, dass Oper und Schauspiel sich wichtiges ästhetisches Terrain verschenken, wenn sie sich gesprochener Sprache nicht kompositorisch stellen. Dennoch wird auch viel gesungen werden; das ist nicht so einfach: Eine Oper schreiben, die nicht wie eine Oper klingt. Das Privileg, selbst zu inszenieren - das mir natürlich auch graue Haare macht - gibt mir auch die Möglichkeit, immer wieder zwischen der Rolle des Komponisten und des Regisseurs zu wechseln.
RR: Dazu mal ein Arbeitsbericht: Das Ensemble Modern hatte die Chance, bereits im Dezember 2001 fünf Tage mit dir an der Oper zu arbeiten. Dazu kamen wir in einen Raum, in dem es Tontechnik gab, eine Lichteinrichtung, eine Kostümbildnerin, einen Bühnenbildner. Die Parameter, die letzten Endes auch die Oper bedienen, waren von Anfang an vorhanden. Wir Musiker wurden quasi "als Zugabe" in einen Szenenaufbau hinein geführt. Was war die Vorplanung zu diesem Prozess?
HG: Dass ich von Anfang an mit allen Parametern arbeite, hat seinen guten Grund darin, dass ich ungern die Theatermittel hierarchisiere. Ob Licht, Bühne oder Kostüm, ob Mikrophonierung oder Requisiten u.v.a.: Jedes Theatermittel, das nur "gedacht" aber nicht mitinszeniert wird, das erst am Ende der Probenphase dazu kommt, kann in aller Regel nur illustrativen Charakter haben. Ich möchte die Möglichkeiten aller Parameter aber offen lassen und selbst auch die Chance haben, eine Szene nur vom Kostüm oder nur vom Licht oder vom Klang aus zu denken oder zu erfinden. Das kann ich nicht in dem Maße, wenn ich das vorher nur am grünen Tisch mache. Das war bei allen meinen Theaterproduktionen so. Ich habe immer vom Beginn an mit allen Mitteln gearbeitet. Das ist ein gewisser, aber wie ich glaube für eine gute szenische Arbeit notwendiger Luxus, der z.B. an einem Stadttheater oder Opernhaus nicht möglich ist, schon weil die Probebühnen nicht entsprechend ausgerüstet sind, weil es der Repertoirebetrieb verhindert usw. Was dann bei den Proben passierte, war eine Mischung aus Planung und Improvisation. Ich hatte viele Bilder im Kopf.
RR: Könntest du die beschreiben?
HG: Also, das wichtigste Bild ist vielleicht zunächst, dass das Ensemble Modern für mich kein Orchester ist, das ich im Graben verschwinden lassen will. Ich habe den Anspruch, zu versuchen über unsere Erfahrung mit "Schwarz auf Weiß" hinauszugehen. Dessen Attraktion bestand ja vor allem darin, dass die Mitglieder des Ensembles die Performer waren. Letztlich blieben sie aber auch als Darsteller immer "Musiker." Jetzt möchte ich mit dem Ensemble Bilder inszenieren, für deren Konstellation die Instrumente keine vorrangige Bedeutung haben sollten. Es geht um allgemeinere gesellschaftliche Gruppen von Personen: politische, private, religiöse. Mir schwebt eine Serie großer und ständiger Verwandlungen vor. Die Bilder, die ich dazu vorher im Kopf hatte, sind angeregt von einem Blick, den ich aus der Landschaftsmalerei kenne; z.B. von den nicht auf eine Zentralperspektive fokussierten Bildern Poussins. Hier werden auch die Motive in großen Entfernungen nie unwichtiger behandelt oder unscharf gemalt, sondern sind wie auf den zeitgenössischen Photographien von Andreas Gursky sehr detailgenau; auch das Zentrum eines Bildes ist nicht immer vorweg für den Betrachter entschieden. Diese Perspektive interessiert mich für die Opernarbeit sehr. Gertrude Stein hat versucht, diesen Blick, den man aus der Landschaftsbetrachtung und Landschaftsmalerei kennt, mit der Bezeichnung "Landscape plays" für das Theater und die Texte zu übersetzen. Ihre Art zu schreiben hat etwas von dieser gleich bleibenden Entfernung, aus der sich der Hörer oder Leser dann selbst "seinen Text" sucht. Eine nicht-narrative Erzählweise, oft ohne Anfang und Ende. Das möchte ich für das Musiktheater umsetzen. Deswegen hatte ich Bilder im Kopf, die von Gemälden angeregt waren, Bilder von Personengruppen, von Öffentlichkeit, von gesellschaftlichen Konstellationen in verschiedenen Jahrhunderten: eine Rokoko-Gesellschaft, eine mittelalterliche Gesellschaft mit Orgel, eine Tischgesellschaft; Bilder anderer Kulturen wie die tanzender Derwische oder einen amerikanischen Hillbilly-Abend. Im Dezember habe ich versucht, sie zu "bauen". Manchmal war es aber auch ein sehr spontanes Zusammenspiel aus Kostümvorschlag, Lichtidee, musikalischer Improvisation und einem System von Zeichen, das sich bei meiner Beschäftigung mit dem Stück herausgebildet hat. Da sind natürlich auch biographische Bilder, die man mit sich herum trägt und die dann plötzlich wieder auftauchen.
RR: Zur Musik: Es gab bei den Proben keine musikalischen Vorgaben, von einer Partitur ganz zu schweigen. Trotzdem haben wir die ganze Zeit gespielt. Was ist da aus deiner Sicht passiert?
HG: Ich hatte an Musik bei diesen ersten Proben relativ wenig Erwartungen. Das waren für mich eher Blindtexte, Platzhalter. Trotzdem sind im Dezember Dinge entstanden, die mich überrascht und angeregt haben.
RR: Woher kommt der Titel "Landschaft mit entfernten Verwandten"?
HG: Es könnte fast eine klassische Bildunterschrift sein. Wie z.B. bei den Gemälden von Poussin, über die ich gesprochen habe; die heißen dann "Landschaft mit dem von der Schlange getöteten Mann" oder "Landschaft im Sturm mit Pyramus und Thisbe" etc. Der Titel steht auch für eine Erfahrungsnähe, die mir zu den Bildern vorschwebt, die wir aber nur mit dem nötigen Abstand sehen können, wenn wir Strukturelles gerade in dem uns Bekannten erkennen wollen. Heiner Müller hat einmal gesagt: "Wenn man mit dem Auge auf dem Gegenstand liegt, sieht man ihn nicht". Deswegen steckt im Titel nicht nur die Vokabel der Entfernung, die Perspektive der bildenden Kunst ist in der Arbeit ständig präsent. Es wird eine ganze Reihe von Bildbeschreibungen geben, und das Librettomaterial entstammt entweder direkt von bildenden Künstlern oder bezieht sich auf die Malerei: Texte von Leonardo da Vinci, Poussin, Gertrude Stein, T.S. Eliot, Fenelon. Viele Texte sind auch von dem französischen Schriftsteller und Maler Henri Michaux; und einige Thesen von Giordano Bruno "Über die Ursache, das Prinzip und das Eine".
RR: Du bist seit 1999 Professor für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Hat das etwas an deiner Perspektive auf deine Arbeit und den Betrieb geändert?
HG: Zunächst bin ich durch diese Arbeit gezwungen, künstlerisch weniger zu arbeiten, was den Abstand zur eigenen Arbeit noch zusätzlich erhöht; das halte ich für durchaus produktiv. Man wird auch mit den ganz anderen Ansätzen der Studierenden konfrontiert. Meine Tätigkeit in Gießen bringt es mit sich, die Theatermittel immer wieder zu reflektieren. Und die müssen bei einer neuen Oper zu ihrem ästhetischen Recht kommen. Ich wollte dich gerne zurückfragen, wie ihr euch im Probenprozess eigentlich gefühlt habt. Denn der Unterschied zu allen vorherigen szenischen Versuchen, war, dass ich euch eigentlich um eine große Verwandlung gebeten habe. Vielleicht kannst du als Mitglied des Ensembles etwas dazu sagen.
RR: Durch die früheren Arbeiten mit dir und die Kenntnis deiner Musik entwickelt man ein gewisses Verständnisvokabular, wodurch ein größeres Vertrauen da ist, sich gewissen Prozessen auszuliefern. Auch in kritischen Momenten ist man bereit, sich in den Arbeitsprozess zu stürzen und traut sich, Dinge spielerisch zu entwickeln. Interessant war auch, dass die 50% - wir haben ja inzwischen neue Mitglieder -, die deine Arbeitsweise gut kennen, es schaffen können, diese anderen mitzunehmen, und deine Anfrage, vermummt bzw. maskiert auf der Bühne ein Ensemblestück zu spielen, dann kein Problem darstellt.
HG: Das ist das Schöne an einem Kollektiv, muss man ja mal ganz unsentimental sagen.
RR: Das Gefährliche an einem Kollektiv.
HG: ...aber auf der Bühne lauern ja nicht so viele Gefahren wie im richtigen Leben.
RR: Denkt man so. - Wie fühlt man sich, wenn man 50 geworden ist?
HG: Ach, wenn ich jetzt nicht die Oper schreiben müsste, wäre ich eigentlich ganz entspannt; ich bin über mein Alter nicht unglücklich. Mit den schon gemachten Erfahrungen wird man bei gewissen Vorgängen etwas gelassener. "History does repeat itself" heißt es bei Gertrude Stein. Das klingt zwar politisch defätistisch, hilft dem Einzelnen aber im Alltag. Auch darum wird es in dieser Oper gehen.
Ensemble Modern
© Ensemble Modern