Eine Musikfestwiese für einen Komponisten
Die Salzburger Festspiele entdecken den sechsten Kontinent: Wolfgang Rihm
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Rihms Musik erreicht in den grandiosen, unablässigen Steigerungen, den markanten Blechbläserattachen, den unablässigen Bewegungswechseln eine geradezu körperliche Präsenz, die nach physischer Umsetzung verlangt. Die Sasha-Waltz-Tänzer und Tänzerinnen nehmen die Herausforderungen der Musik bewundernswert an, rollen, drehen, springen, winden und verknoten sich bis zur Erschöpfung, angetrieben vom Ensemble Modern, das unter Franck Ollus' Leitung mit einer staunenswerten Perfektion Rihms Vertrackheiten mit der Leichtigkeit einer kleinen Nachtmusik meistert.
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Gerhard Rohde
Musik, die zum Körper wird
„Jagden und Formen“. Sasha Waltz und Ensemble Modern bereiteten eine Sternstunde.
Ein Intendant der Salzburger Festspiele könnte sich beinahe unsterblich machen, schüfe er dem Tanz eine Bühne. Bisher spielte dieser eine derart marginale Rolle, dass man sich gar nicht richtig erinnern kann, je etwas Gewichtiges oder gar neu Stilbildendes aus diesem Genre hier gesehen zu haben – mit Ausnahme der von John Neumeier Mitte der Achtzigerjahre phänomenal dem Domplatz eingeschriebenen Hamburger Choreografie der Matthäuspassion. [...]
Nun kamen für zwei Abende Sasha Waltz & guests und das Ensemble Modern auf die Pernerinsel in Hallein, um den Salzburger Festspielen doch eine Sternstunde zu bescheren – „Jagden und Formen“ war sinnfällig eingebettet in den „Kontinent Rihm“. Denn die Grundlage der 2008 in Frankfurt entstandenen und mittlerweile weitum gefeierten Arbeit ist eine aus drei Einzelensemblestücken zur Einheit gewachsene Komposition von Wolfgang Rihm – wohl eine der stärksten, mitreißendsten Partituren des Karlsruhers Großmeisters der Musikmoderne.
Sie wächst von einem phasenverschoben einsetzenden Wechselspiel der zwei Soloviolinen über sich verdichtende Klangenergiefelder der einzelnen Instrumentengruppen (Streicher, Bläser, Schlagzeug) zum großen Orchestersatz, wobei „alte“ musikalische Formen zitiert werden, sich kammermusikalisch bis orchestral verzahnen und in einem hochenergetischen Prozess mit unablässiger virtuoser Motorik und imaginativer Kraft „jagen“.
Sasha Waltz interessiert sich indessen nicht für eine daraus auch ableitbare mögliche Erzählung einer Geschichte, sondern für die direkten Impulse, die aus der Musik kommen und, wenn man so will, durchaus nach „Verkörperung“ schreien.
Je nach dem wachsenden Intensitätsgrad der vom Ensemble Modern sensationell gestaffelten, wie selbstvergessen bravourös gespielten, von Dirigent Franck Ollu meisterlich und souverän geführten Musik wächst auch die Choreografie. Sie geht von abstrakter Zeichenhaftigkeit über skulpturale Körperplastiken einzelner Tänzer, Körper-„Haufen“ des Ensembles, raumgreifende Bewegungs steigerungen zu immer dichter werdendem Kreiseln, Taumeln und rasantem Bodenrollen.
Und immer ist die unbedingte Kontrollinstanz die Musik, aus der heraus, in die hinein Sasha Waltz ihre Tanzkörper wachsen lässt – bis hin zu echten Interaktionen mit Instrumentalsolisten (Englischhorn, Klarinette), die in die Bewegungen aufgenommen werden. Der Höhepunkt: wenn sich die Musiker mit ihren Instrumenten zu den Tänzern auf den Boden legen und einen rihmschen „Liegeton“ weiterspielen. So wurden Klang und Tanz womöglich noch nie zur plastischen Einheit. In keiner Sekunde dieser denkwürdigen Stunde ist auch nur eine Note billig illustriert, sondern alles aus der klingenden, offenen „Werklandschaft“ Wolfgang Rihms entwickelt und geformt – ein Muster an Präzision des Denkens und Intensität der Gefühle.
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Karl Harb
Zeitgenössische Klang-Körper
Sasha Waltz & Guests mit dem Ensemble Modern
Der Titel ist Programm, für die Musiker und die Tänzer: Rihms "Jagden und Formen" spielt mit den enormen Möglichkeiten von Klanggestaltung. "Bewegen und bewegt sein", das wolle er für sich mit seiner Musik erreichen. Sasha Waltz' großartige Tanztheater-Truppe, die mit der gleichen Selbstverständlichkeit Vivaldis "Vier Jahreszeiten" vergegenwärtigt hat, war dieser Absicht bei ihrer Choreografie stets dicht auf den Fersen.
Die Avantgarde-Profis vom Ensemble Modern (Leitung: Franck Ollu), die Rihms Partitur mit einer gespannten Leichtigkeit meisterten, als ginge es um eine Schulorchesterfassung von "Hänschen klein" ballten sich hinten links; das Berliner Ensemble wurde auf eine große Fläche sortiert wie Noten auf das zu füllende Blatt Papier.
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Sie werden wie Opfergaben auf Händen getragen, kurz vor dem ekstatischen Finale einer Tänzerin kommt es zur leibhaftigen Verschmelzung von Orchester und Ballett, als alle alle umkreisen und dann erschöpft zusammenbrechen. Ein euphorisch gefeiertes Erlebnis, das mehr war als die Summe seiner Teile.
jomi
Keine Angst vor großen Formen
„Jagden und Formen“ von Sasha Waltz und Wolfgang Rihm auf Kampnagel
Angst vor großen Formen kennt Sasha Waltz nicht [...] Jetzt gastierte sie auf Kampnagel mit ihrer 2008 uraufgeführten Choreografie zu Wolfgang Rihms etwa einstündigem Orchesterstück „Jagden und Formen“. Ihr 14-köpfiges Ensemble tanzte zur Live-Interpretation vom exzellenten Ensemble Modern (24 Musiker, Ltg:Frank Ollu) vor total ausverkauftem Haus, selbst Treppenstufen waren okkupiert. [...]
Auf der diagonal aufgeteilten Bühne, in deren linken Abschnitt das Ensemble Modern sich postiert, lässt der größere rechte Platz für ausgreifenden Tanz. [...]
Direkte Kontakte zur Musik sind kaum wahrnehmbar, geschweige denn synchrone Abläufe. Über Impulse laufen Verbindungen, etwa mit dem lautstarken Einsatz der Percussion-Instrumente verteilen sich die Darsteller mit explosiver Rasanz im Raum. Die Verzahnung von Tänzern und Musikern verdichtet sich über Einzelkontakte, bei denen etwa die Englischhorn-Bläserin gehoben wird und in der Luft weiterspielt, eine Klarinettistin zwischen den Tanzenden herumgeht, bis zu dem Moment, in dem fast alle Musiker sich zwischen die liegenden Darsteller platzieren und, auf dem Rücken ausgestreckt, weiter musizieren. Ein faszinierender Augenblick.
[...] Frank Ollu dirigierte den komplexen Ablauf der nervösen, zuckenden, zersplitterten, scharfkantigen Musik mit einer Gestik, die manchmal so tänzerisch anmutet als sei sie Teil der Inszenierung. Die Musiker beherrschen ihre Parts konzentriert, auch wenn sie ins Geschehen auf der Fläche einbezogen sind. Jeder Klangpartikel scheint durch, Klangblöcke, mal durch Blechbläser, dann Holzbläser oder Perkussion, scheinen eine Gliederungsfunktion zu haben. Eine sehr farbige, immer wieder aufgefächerte Komposition, deren innerer Sinn sich mir nach dem ersten Hören nicht komplett erschlossen hat. Was den Reiz nicht geschmälert hat – wie bei Sasha Waltz’ Choreografie. Der Beifall ist rasend.
Ulrich Völker
Krieg dem Alphatier
[...] Sasha Waltz vertanzt Wolfgang Rihm [...]
[...] Das Paradoxe an den Tänzen von Sasha Waltz ist, dass sie dasselbe tun wie die Musik, nur unabhängig von ihr. Walzen aus rollenden Leibern, zusammengeknautschte Menschenkörperskulpturen, Tänzer, die reihenweise wie Rüben aus dem Boden gezogen werden, ein einzelnes Bein, das aus der Laokoongruppe herausragt wie ein Fragezeichen - die Assoziationen wuchern von ganz allein. Vor allem laufen die von Sasha Waltz erfundenen Bewegungsmuster der Musik, die vertanzt wird, nicht hinterher. Sie bilden ihre eigne Partitur.
[...] Kommt dann noch eine Musik hinzu, die sich schichtweise mit Erinnerungen (an sich selbst und an andere Musikstile) vollgesoffen hat, wie das Orchesterkonzert "Jagden und Formen (Zustand 2008)", das von Wolfgang Rihm zwölf Jahre lang immer wieder überarbeitet, variiert und weiter verdichtet worden war, dann entsteht eine therapeutische Situation. Die Zuschauer/Zuhörer werden überwältigt, in Bann geschlagen, ausgefragt. Als das Stück nach einer knappen Stunde aus ist, kann man eigentlich nur noch schnell nach Hause gehen und sein Leben wieder einmal neu sortieren.
Wie diese Katharsis im Einzelnen zustande kommt und wovon "Jagden und Formen", das Stück überhaupt handelt, ist, wie gesagt, schwer zu sagen. Vielleicht so: Es geht um Demut, Unterwerfung und Passivität, um Starksein, Stolz, Wut und Aufbegehren. Oder, kurz: um Krieg und Liebe. Noch kürzer: um Entscheidungen. Tänzer stürzen ineinander zu Schlagzeugsoli, Musiker werden wie Puppen durch die Gegend getragen, mit kämpferisch erigierter Bassklarinette. Und als es gegen Ende auf die Klimax zuläuft, nach einem sich ins Leere verkrümelnden Trompetenfanfarensolo, dem die Tuba vergeblich ein Korsett aus Fundament-Tönen einziehen will, da legen sich die 14 Tänzer der Waltzcompagnie und die 25 Musiker des Ensemble Modern nach und nach einfach lang, sie fallen zu Boden und verharren, übereinandergeschichtet wie ein Komposthaufen, vier oder fünf Schrecksekunden lang als Tableau.
Diese Fermate dauert gerade lang genug, damit man in der nach wie vor tönenden Formation einen Leichenberg erkennen oder sich an die versunkene Zeile aus dem bemoosten Ernst-Busch-Song erinnern kann: "Äußerst schnell schafft / die Gesellschaft / Menschen auf den Müll". Das ist aber nicht das letzte Wort. Am Schluss tauchen wieder die papierweiß gekleideten Ausschneidepuppen auf, die schon anfangs, zu einem süß-minimalistischen Violinenduett, hoffnungsvoll verkasperte Grußgesten durchgeprobt hatten, wie junge Enten, die sich am Teich treffen.
Nur vier Mal war diese Produktion zu sehen, die das Beste ist, was diese Musiktheatersaison bislang zu bieten hatte. [...]
Eleonore Büning
Auf ewig jung
Die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik
[...] Allmorgendlich standen Komponisten im Festivalbüro und fragten nach der erwarteten Ankunft von Wolfgang Rihm. Er kam, sah, hörte, sprach und wurde auch gespielt. Das Ensemble Modern unter der Leitung von Frank Ollu rockte förmlich die gut fünfzigminütige "Version 2008" seiner "Jagden und Formen". Diese Musik war selbst schon ein Jungbrunnen, von bemerkenswerter Energie. Rihm, der schon als Karlsruher Schüler an den Ferienkursen teilnahm, ist dank der Offenheit und Motivationskraft, die er und seine Musik vermitteln, einer der Erfolgsgaranten der Ferienkurse.
Weiteren Glanz in die Ferienkurse und die schmucklose Sporthalle am Böllenfalltor brachte die Schauspielerin Corinna Harfouch. In Manos Tsangaris' "Haben Sie Zeit?" sprach sie Texte von Karl Valentin in vollendetem Bayerisch. Brian Ferneyhough war neben Rihm der andere Komponist großen ästhetischen Gewichts. Das Ensemble Modern spielte seine klassizistisch anmutende Komposition "Chronos-Aion". Er gab ebenso geduldig Unterricht wie alle jüngeren Kollegen.
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Achim Heidenreich
Der Musik Körper leihen
Sasha Waltz choreografiert zu Rihms "Jagden und Formen"
Als habe er eine Vorahnung, schrieb vor acht Jahren Hans-Klaus Jungheinrich, Musikkritiker dieser Zeitung, über die 2000er-Fassung von Wolfgang Rihms "Jagden und Formen": Es sei ein Stück, das sich "unmittelbar sinnfällig und sinnlich als Bewegung mitteilt". Inzwischen liegt von diesem dauernden work in progress der "Zustand 2008" vor; und dank eines Auftrags der "Frankfurter Positionen", die sich in diesem Jahr unter anderem dem Verhältnis von Musik und Bewegung widmeten, hat die Choreografin Sasha Waltz den aktuellen Rihm'schen "Jagden und Formen"-Zustand entscheidend beeinflusst: Sie bremste die Musik-Wucht hier und da, indem sie sich von Rihm mehr solistische Passagen wünschte - und er dazu bereit war. [...]
So aber war im Frankfurter Schauspielhaus nun - an leider nur zwei Abenden - zum Ende der "Positionen" eine doppelte Uraufführung zu erleben: Bei der der Tanz vorbildlich demonstrierte, wie er der Musik die zusätzliche Sinnlichkeit von Körpern leihen kann, ohne sich ihr zu unterwerfen. Es ist eben nicht nötig, um der Gleichberechtigung willen penibel Abstand zu wahren, wie es Cage und Cunningham taten.
Sasha Waltz hat, wie vor kurzem Wanda Golonka, die abenteuerlustigen Musiker des Ensemble Modern in ihre Choreografie einbezogen. Jedoch wegen der Anforderungen der Partitur (und vielleicht auch aus Klugheit) nur sehr partiell. Das Tanzen überlässt sie, anders als Golonka, den Profis ihrer eigenen Company, deswegen kann sie Rihms Komposition überzeugender die Stirn bieten als Golonka der Musik Alvin Currans.
[...]
Und es passiert etwas an diesem einstündigen Abend im Schauspiel. Es passiert, was man sich nur wünschen kann, wenn man nicht vertraut ist mit einer Musik Rihm'schen Kalibers: Ihre Struktur, ihre Motivfäden werden wenigstens ansatzweise sichtbar, die Schwerpunkt-Verlagerungen von der einen zur anderen Instrumentengruppe werden im wahrsten Sinn des Worts verkörpert - und Spaß kann man dabei auch noch haben. Etwa wenn sich zwei Tänzer umschlingen, fast würgen zu einer Ballung des Klangs, wenn das Ensemble munter einen imaginären Gras-Abhang hinunter kullert, wenn Arme wie Fischchen durchs Meer der Töne flutschen. Die ganze Breite der Bühne nahmen Ensemble Modern (24, musikalische Leitung: Franck Ollu) und Sasha Waltz & Guests (15) beim Verbeugen ein, dann kam noch Wolfgang Rihm aus dem Zuschauerraum und schüttelte mal einem Musiker, mal einem Tänzer die Hand. Er wirkte beglückt und konnte es auch sein. Im Übrigen soll es offenbar weitergehen, "Jagden und Formen" zum gemeinsamen work in progress werden.
Sylvia Staude
Per Kavallerie durch die Galaxis
Sasha Waltz choreographiert Wolfgang Rihms "Jagden und Formen" in Frankfurt
[...] das Experiment der verwobenen Künste in dem einstündigen Werk, das die Berliner Choreographin Sasha Waltz zu Wolfgang Rihms Komposition jetzt uraufgeführt hat [gelingt].
Vermutlich aber wäre die Produktion des Festivals "Frankfurter Positionen" [...] mit keinem anderen Orchester gelungen als dem Ensemble Modern. Schon zuvor, in Wanda Golonkas "Weil Erde in meinem Körper war" zu einer neuen Komposition von Alvin Curran, haben die Musiker gezeigt, wie sie über das Orchester hinaus als Klangkörper oder klingende Körper agieren können. Auch die interessantesten Szenen in "Jagden und Formen" stammen aus diesem direkten Zusammenspiel der Musiker und der Tänzer. Beiden Gruppen bleibt zwar ihr Rückzugsort auf der riesigen leeren Bühne, rechts für die Tänzer, links, in Orchesterformation, für die Musiker. Aber da bleiben sie nicht lang. Nicht nur Geiger werden umgarnt, Antje Thierbach mit ihrem Englischhorn wird gar emporgehoben und schwebt musizierend über die Bühne; und dass dieses formidable Ensemble, geleitet von Franck Ollu, notfalls auch im Liegen, kuschelig umlagert von den Tänzern, phantastisch präzise spielt, demonstriert es in einer schönen Szene - Bauchmuskeltraining für Musiker.
Erstmals sind das Ensemble Modern und Sasha Waltz & Guests aufeinandergetroffen, die einen Arbeitsbegriff der wechselnden Kooperationen teilen. Waltz und Rihm wiederum eint, dass sie ihre Arbeiten als prozessual verstehen, als "Werklandschaft". So begegnet man vielen typischen Waltz-Figuren wieder; isolierten, wiederholten Arm- und Kopfbewegungen, mit denen fünf weißgekleidete Tänzerinnen zu Beginn das Fugenhafte von Rihms Komposition deutlich zutage treten lassen und die am Ende, bevor sich Musiker und Tänzer in einem Fade-out entfernen, wiederkehren. Auch die rollenden Leiber, die aus den Achsen geratenen Drehungen, die Kreisformationen und Körperknäuel, aus denen sich Rümpfe, Beine recken wie aus einer Skulptur, aus früheren Choreographien bekannt, passen überraschend gut zu den Rihmschen Klangmassen.
"Jagden und Formen", entwickelt aus seiner "Gejagten Form" des Jahres 1995, in verschiedenen Stadien vom Ensemble Modern aufgeführt und 2002 auch auf CD eingespielt, ist in der Tat eine "Jagd" in immer neuen Anläufen. Symphonisch stürmt sie voran, getrieben von Klanghölzern, Trommeln und Pauken, unerbittlich tickend wie eine Uhr.
Darüber liegen fast hollywoodhafte, sich übertrumpfende Klänge, eine Jagd ins Offene, als ritte eine Kavallerie durch die Galaxis. Für den Tanz hat Rihm die Komposition weiter verändert, zu den fast ironischen Brüchen kommen ruhige Passagen; Violen und Violinen, Englischhorn und Klarinette, solistisch oder in kleineren Gruppen, bilden Breschen. Wären sie nicht düster gefärbt, unheimlich geradezu, könnte man sie Lichtungen nennen.
Dort findet der Tanz seine größte Chance, kann mit der Musik - und den Musikern - zu einem Mehr finden. Und der Choreographie gelingt es, das zu nutzen, etwa in einem Pas de deux, der zum ebenso schlichten wie ausgeklügelten Spiel von Verwicklungen, Verknotungen, Abhängigkeiten wird. Der Tanz führt die Spannung der Musik weiter und öffnet einen neuen Rezeptionsraum. Auch das ist ein offener Prozess: Die Arbeit an "Jagden und Formen", in Frankfurt begeistert gefeiert, soll weitergehen.
Eva-Maria Magel
Triumph für die Neue Musik
Die 62. Sommerlichen Musiktage in Hitzacker
[...]
Kaum fassbar, dass die Festivaldramaturgie dazu noch eine Steigerung bereithielt: nämlich im Orchester-Konzert zwei Tage später. Gegensätzlicher als mit Lachenmanns "Mouvement (- vor der Erstarrung)" und Rihms "Jagden und Formen" hätte eine musikalische Begegnung kaum sein können: Höchst konzentrierte Energiezustände von differenziertester Farbigkeit trafen auf ein polyphon üppiges, sich orgiastisch steigerndes Dahinjagen. Mit dem Ensemble Modern unter Leitung von Sian Edwards wurde dieses Konzert zu einer Sternstunde Neuer Musik - in Hitzacker.
[...]
Gisela Nauck
Temporeiche Jagden
Rihm vom Ensemble Modern
In einer hervorragenden Interpretation durch das Ensemble Modern war im Festspielhaus Baden-Baden die Rihm-Aufführung "Jagden und Formen" zu erleben.
[...] die Musiker des Ensemble Modern verstehen sich glänzend auf die Interpretation sperriger zeitgenössischer Partituren wie den ganz eigenen Stil des international bekannten Starkomponisten aus Karlsruhe, Wolfgang Rihm. Dessen "Jagden und Formen" entstanden aus drei schon bestehenden Stücken ("Gejagte Form", Gedrängte Form" und "Verborgene Form"), alles Auftragskompositionen für das Ensemble Modern. Das Spiel mit der Form ist das Grundthema der "Jagden und Formen", eines 50minütigen Stücks, in dem die musikalische Form immer wieder variiert und durch ein meist irrwitzig rasantes Tempo hindurch gejagt wird; Dirigent Stefan Asbury und das Ensemble Modern behielten den Überblick in der sehr konzentrierten Wiedergabe des im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtigen Werkes. [...]
Viel Beifall gab es für den anwesenden Komponisten und das Ensemble Modern.
Nike Luber
Wolfgang Rihm: Jagden und Formen
"In music, we never say the same thing twice, because the saying is also the thing". Stravinsky's profound observation could be said to be at the heart of Wolfgang Rihm's recent cycle of works in which the pursuit of form becomes the form itself. The present work, premiered in Berlin in November 2001, takes elements of its predecessors, Gedrängte Form, Gejagte Form and Verborgene Formen [...], and quite audibly takes them on a fresh journey whose destination is only discovered when it is reached. And what an astonishing journey it is.
Jagden und Formen is set in motion by the arresting sound of two blurred, overlapping violins engaged in a kind of dislocated folk-fiddling. What follows over the next 50 minutes is an unstoppable torrent of forward motion which practically never lets up (Colin Matthews's Suns Dance and Broken Symmetry explore similar terrain) and which pulls the listener unresistingly in its wake. The work is a species of toccata which propels a fractured, spluttering line through a bewildering variety of incident, all the while maintaining a level of manic activity that beggars belief. Even 'contrasting episodes' such as the one early on led by the cor anglais convey the impression that the torrent has merely gone underground momentarily, only to burst to the surface again with renewed energy.
The only point at which the whirligig is stilled comes after about fifteen minutes, when pools of silence shockingly flood in, in a manner similar in effect to the end of Stravinsky's Les Noces. The opening violin motif reappears on other instruments at several critical points and heralds a sequence of illusory climaxes toward the end of the work, the last of which - a breathtaking passage of blazing brass underpinned by wild drumming - evaporates into a surreal final gesture which is nevertheless deeply satisfying. The exhausted listener can now look back and see the work's form as the by-product sediment of the journey it undertook.
Rihm's ultimate achievement in Jagden und Formen is to marshal what could have been a disparate profusion of material into a single urgent trajectory. In so doing, he has produced a blistering but also accessible experience which is mandatory listening to anyone looking for the cutting edge of contemporary musical thought. The unflagging commitment and virtuosity of Ensemble Modern under Dominique My is equal to the outrageous demands of Rihm's writing. The impact of the work is further enhanced by recorded sound of quite staggering clarity and immediacy, in which every strand of the music can be heard, even where Rihm's 'overpainting' technique is at its densest.
One could have wished for another work, but no one listening to this disc is likely to feel short-changed.
Steve Lomas
Malereien mit Tönen
Der Klang ist widerborstig, es brodelt, gärt und wuchert. Daher ist alles in ständiger Bewegung, in einem unablässigen Fluss.
[...]
Eine von Anfang bis Ende unerhört packende Einspielung.
...]
hz
Compact choice: Wolfgang Rihm
This sensational performance by the Ensemble Modern [...] might make all the difference. They brought it to the Huddersfield Festival in November 2000, where it made an electrifying impression, and subsequently a Royal Philharmonic Society jury chose it as "the year's best composition for large ensemble". Now it's available to everybody.
The version of Jagden und Formen on this recording is slightly different: Rihm has gone on trimming a bit here, adding a bridge-passage there. [...]
From the start, Jagden und Formen teems - seethes - with vivid musical ideas. You don't need to know anything about Rihm's other music: what you hear is immediately striking and cogent, despite its constant, vertiginous wheeling and developing. [...]
Rihm writes superbly for his two-dozen-strong ensemble, sometimes in tight, pithy duets and trios, sometimes with the raw force of a whole orchestra.
The unbroken span of the score is 50 minutes long. It does have one traditional thread running through it: the galloping triplets, often in frank 6/8 time, which have been favoured for "hunt" music since the 19th century and before. Rihm gives them to staccato brass, quacking woodwinds, frantically sawing strings; when occasionally they risk becoming intolerable, the music goes into a brief suspension (dark, haunted sonorities), a re'culer pour mieux sauter before leaping forward again.
[...]
Utterly fascinating, in its relentless way; and brilliantly delivered by Dominique My and the Ensemble Modern players, who have been working devotedly with the score in all its successive versions.
David Murray
Vielschichtig
Interpretation ***** / Klang *****
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Das Ensemble Modern und Wolfgang Rihm - diese Namen versprechen musikalische Hochspannung! Tatsächlich lebt das fortlaufende Stück - dessen 15 Takes eher thematisch anhand von "bars" (Takten) unterteilt sind - von schnellen, mitunter gehetzten Bewegungen, die die Instrumentengruppen triolisch durchlaufen. Wir haben es hier mit einer frischen, explosiven Mischung von kalkulierter, wenngleich überbordender Spiellaune zu tun. Und wenn uns in Takt 372 sogar romantische Melodiefetzen in seltsamer Schieflage anwehen, die zum sonstigen Klangeindruck absolut querstehen, mag man begreifen, wie vielschichtig das Werk gedacht ist. Es ist eine Musik, die einen nicht in Ruhe lässt.
Tilman Urbach
Jagden und Formen
Zunächst glaubt man, bei einem amerikanischen Minimalisten angekommen zu sein: Streicher schnurren repetierte Patterns ab. Weitere Linien treten hinzu. Doch bald verzweigen sich die Stimmen weiter, das Ganze wird immer komplexer.
[...]
Polystilistiker Wolfgang Rihm ist auch an seinem 50. Geburtstag für Ã?berraschungen gut. Mit "Jagden und Formen" präsentiert er ein ungeheuer energiegeladenenes, dynamisches Stück, dem nicht zu entkommen ist. Die Sogwirkung der Musik setzt schon nach kurzer Zeit ein.
[...]
Mustergültig ist die Aufnahme mit dem Ensemble Modern unter der Leitung der Dirigentin Dominique My ausgefallen. Das verwundert nicht, begleiten die Frankfurter Spezialisten für Neue Musik doch seit Jahren die Entwicklungen von Wolfgang Rihm. Insofern ist es ein Idealfall, wenn solche Musikerinnen das Produkt einer Work in Progress wie "Jagden und Formen" einspielen. Die Formation erweist sich erneut als Summe profilierter SolistInnen. Dementsprechend sind die einzelnen Stimmen scharf konturiert und schaffen es gleichzeitig, ein organisches, packendes Klanggebilde zu entwickeln.
Eckhard Weber
Classical CD of the week: Quick thinking
Wolfgang Rihm's Jagden und Formen is a furious rush of musical ideas. But it makes for an exhilarating ride, says Andrew Clements
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This recording establishes the version that was performed in Basle last November as definitive, at least for the moment. The starting point for all of them was a series of three pieces from the mid 1990s, Gejagte Form (Hunted Form), Gedrangte Form (Harried Form) and Verborgene Formen (Hidden Forms). In this most recent manifestation, it is Gejagte Form that is the source of most the ideas and processes in this astonishingly well-sustained 50-minute continuous movement.
This source declares itself at five turning points in the piece, where there are direct allusions to Gejagte Form, but what will strike anyone hearing Jagden und Formen for the first time is the natural flow of the invention, the way in which everything seems to grow organically out of the opening bars. A pair of violins move in and out of phase and gradually introduce the rest of the ensemble, a line-up that is dominated by woodwind and brass, though there are also harp, guitar and piano as well as a string quintet.
The pace is frantic - there are moments when ideas seem to tumble over one another, as if Rihm can scarcely find the musical space to accommodate the richness of his invention - and the instrumental writing astonishingly challenging. Every so often, though, the onward rush is halted and the music pauses for breath; pools of delicate, gentle lyricism appear, only to be swept away as the pace quickens once again.
Through all of this the sense of an over-arching shape, of a profound musical architecture, is always there. The ending, when it comes, seems at the same time unexpected and satisfyingly inevitable. Rihm has produced a number of remarkable works, but Jagden und Formen is one of the very finest, and the performance by Ensemble Modern, conducted by Dominique My, does it justice in a quite outstanding way.
Andrew Clements
Ungebändigt
Gut eine Stunde lang toben Wolfgang Rihms "Jagden und Formen" dahin. Und immer, wenn der Hörer denkt, dass dem gerade fünfzig Jahre alt gewordenen Komponisten nun endlich doch einmal die Luft ausgehen müsste, dann setzt Rihm, nach nur einer kurzen Reflexion oder einer allzu kurzen Atempause, schon wieder an zum Losstürmen, Jubeln, die Welt aufrühren, das Lied der Freiheit singen. Das Ensemblestück §Jagden und Formen" gehört zu den unmittelbar faszinierenden Stücken des Komponisten, es ist zugleich eine seiner besten Arbeiten. Wer noch immer glaubt, dass die Musikgeschichte mit Brahms und Puccini endet, der trifft hier auf eine völlig ungebändigte Musik, die direkt aus dem Bauch der Erde durch einen größer und größer werdenden Vulkan ins Weltall geschleudert wird. Treibende Rhythmen, harmonisch dunkel getönt, peitschen immer wieder ein. Dirigentin Dominique My ist vom gleichen Feuer wie der Komponist besessen. So führt sie das Ensemble Modern gerade noch heil und in allen Stimmen triumphierend durch diese atemlos halsbrecherische Mänadenjagd.
RJB
Ereignisstrudel galore
Das Stück knattert durch, sagt Wolfgang Rihm über seine im November 2001 in Basel uraufgeführte Komposition "Jagden und Formen". Zu Rihms 50. Geburtstag am 13. März erschien nun eine endgültige Fassung in der Einspielung des durch seine Interpretationen zeitgenössischer Musik immens einflussreichen Ensemble Modern. [...]
"Bewegen und bewegt sein", kommentiert Rihm fast cool, der das Ensemble Modern mit dieser Komposition durch seine Vorstellung von Neuer Musik treibt. [...] An Pause und Stille nicht zu denken - es knattert wild und exakt.
Wolfgang Rihm - Meister und Schüler
"MaerzMusik" - Komponisten-Portraits
[...]
Die fast unglaubliche Musizier-Power seines - erst vor einigen Monaten vom Ensemble Modern in Basel uraufgeführten - Jubiläumsstückes "Jagden und Formen" wirkte unwiderstehlich und suggestiv: Man fühlte sich als Teilnehmer eines klingenden Parforce-Ritts, der so harmlos fugierend in den Streichern beginnt, und sich in frenetischem Prestissimo zur draufgängerischen Jagd aller mit allen steigert, mehr als eine - doch erschöpfende - Stunde lang. Das Ensemble Modern präsentierte unter seiner energievoll agierenden Dirigentin ein virtuos brillantes Spiel.
[...]
Liesel Markowski
Was mir der Wald sagt
Das Ensemble Modern spielt Widmann, Eichmann, Rihm im Rahmen der MaerzMusik
[...]
Und was immer sich nun über Wolfgang Rihms "Jagden und Formen" sagen lässt, dem Material seinen Willen zu lassen und es doch zu lenken, diese Souveränität lässt sich Rihm nicht absprechen, und das Ensemble Modern hat sich unter der Leitung von Dominique My denn auch mit deutlicher Lust in die Sache gestürzt. Die kuriose Entstehungsgeschichte - angeblich hat Rihm dafür die Notenblätter von fünf anderen Kompositionen zusammenmontiert - merkt man dem Werk nicht an; die Idee, das Fließen der musikalischen Zeit zur Hetzjagd über Stock und Stein zu gestalten, ist beeindruckend umgesetzt, gerade weil Rihm nicht die bloße Furie des Verschwindens walten lässt.
Das Eingangsduo für zwei swingende Violinen, in das sich der Kontrabass einschaltet, die fast körperhaften akkordischen Einwürfe der Blechbläser, aber auch die Momente fiebrig-vibrierenden Rasens gewannen aus der Jagd Form.
Wolfgang Fuhrmann
Das Ensemble Modern brillierte mit Rihm
Deutsche Erstaufführung von Wolfgang Rihms "Jagden und Formen" in der Kölner Philharmonie.
[...]
Von der ebenso mitreißenden wie geschmeidigen Modellierungskunst der Interpreten profitierten vorab schon zwei - uraufgeführte - Neuschöpfungen von ehemaligen Schülern Rihms. Jörg Widmanns "Freie Stücke" für Ensemble sind virtuos komponierte, charakteristisch miteinander verknüpfte Streifzüge durch Zeit und Raum: von zeremonienhafter Getragenheit bis zu schäumenden Energieströmen, von himmlischen Sphären und einem imaginären Choralvorspiel über höllische Tiefen bis zur entrückten" Kantilene. Zielt Widmann, besonders im Einsatz der Holzbläser, subtil auf Imitation der menschlichen Stimme, so beschreitet Rebecca Saunders in "albescere" ("ins Weiß hineingehen") den umgekehrten Weg: Sie behandelt Stimmen wie Instrumente, was aber nicht der einzige bemerkenswerte Aspekt des Werks ist. Sensibel loteten Ensemble Modern und Mitglieder der Neuen Vocalsolisten Stuttgart die Grenzen zur Stille und zum Geräusch aus, hielten mythische Intensität und dezente magisch-theatralische Wirkungen in der Waage. Das Publikum schätzte es, einem ausgezeichneten Abend mit zeitgenössischer Musik beizuwohnen.
Egbert Hiller
Hetzjagden und Frühlingsgefühle
Rihm atemlos
Aufgenommen hat das Geburtstagsgeschenk das Ensemble Modern unter seiner Dirigentin Dominique My, und was die Neue-Musik-Spezialisten eine runde Stunde lang hören lassen, ist mit dem Begriff "atemberaubend" trefflich beschrieben. In exzellenter Klangqualität und hochvirtuos setzt das Ensemble Modern die komplexe Triolenhetzjagd um. In liegenden Akkorden, in schwelgenden Tristan-Anklängen gewährt Rihm kurze Verschnaufpausen, dann zieht er Musiker und Hörer wieder hinein in den wirbelnden Strudel der Ereignisse - frei nach Rihms Beschreibung: "Das Stück knattert durch."
Ralf Döring
Jagden und Formen / Wolfgang Rihm
Wolfgang Rihms (50) neue Komposition "Jadgen und Formen" verlangt Aufmerksamkeit.
[...]
Zeit muss er sich nehmen, mehrmals eine Stunde für den "Ereignisstrudel über hart geschnittenen hohen Geschwindigkeiten" (Rihm über sein Werk) frei machen, um zu entdecken, was hier klingt, mit den Mustern von Ton, Raum und Zeit geschieht. Lässt er sich ein auf die Erfahrung neuer Musik, gewinnt er mit jedem weiteren Hören neue Erfahrungen und Empfindungen hinzu. [...] Als Ziel seiner Komposition nennt er "bewegen und bewegt sein" - und genau das tut seine Musik.
[...]
FAZIT: Eine Offenbarung für ernsthafte und hartnäckige Hörer.
Klaus Andriessen
Music
[...]
The first weekend focused on Germans Helmut Lachenmann and Wolfgang Rihm. The 48-year-old Rihm has been a big hitter for many years, but in this country he has made less headway than many inferior figures. That served only to make the British premieres of two massive works-in-progress all the more startling.
Jagden undFormen -"Hunts and Forms" - has crystallised from various pieces all concerned with the search for form. Now an unbroken 50 minutes, and for the most part sustained at a fearsome gallop, it presents a phenomenal challenge to its 24-piece orchestra. Thanks to its astonishing fecundity of invention and to the unwavering virtuosity of Ensemble Modern and their conductor, Dominique My, it felt not a second too long.
[...]
Die Form geht auf die Jagd
Werke von Wolfgang Rihm beim Festival "Musica" in Straßburg
[...]
"Jagden und Formen" (Zustand X/2000): Die Komposition ist ein Experimentierfeld, ein Labor der Formentwicklung. Ein "work in progress", das für das Ensemble Modern geschrieben wurde und seit Entstehungsbeginn 1995 stetig weiter wuchs.
Ausweitungen, Überformungen und Übermalungen, Auswucherungen geben dem Werk Jahr für Jahr ein verändertes Erscheinungsbild. Der Werkstatt-Charakter, das Dynamische eines Kunstwerks, seine stetige Formbarkeit ist ein Moment, das den handwerklich wie geistig höchst Begabten in seinem künstlerischen Selbstverständnis sehr interessieren muss. [...]
Unter Leitung der Dirigentin Dominique My entwickelte das Ensemble Modern enormen spielerischen Schneid und rhythmische Gelenkigkeit, um dieser hochvirtuos gearbeiteten Partitur ihre fesselnde Wirkung zu verleihen.
Ein reiner Rihm-Abend war dieses Musica-Schlusskonzert im Palais de la Musique et des Congres; nach der Pause gab es noch das Violinkonzert "Gesungene Zeit" (1991/92), das eine recht stille Gegenwelt zu den furiosen "Jagden und Formen" darstellt. Das Statische dieser Musik singen zu lassen, das gelang der Solistin Freya Ritts-Kirby und dem Ensemble Modern ganz vorzüglich. Mit sehr viel Feingefühl formte die Geigerin die introvertiert hingehauchten Klänge und weiten Intervallsprünge. Die große Ruhe und Stille dieser Musik - in den zart aufglimmenden Tönen wurde sie bestechend eingefangen.
Rainer Kohl
Das letzte Halali
Zwei Rihm-Werke mit dem Ensemble Modern in Frankfurt
Eine Herbsttournee mit Stücken von Wolfgang Rihm führte das Ensemble Modern auch in die Alte Oper Frankfurt. In deren Mozartsaal [...] kamen zwei sehr verschiedene Stücke zu Gehör: Jagden und Formen (1995-2000) und das Violinkonzert Gesungene Zeit (1991/92) mit der Solistin Freya Ritts-Kirby.
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Es war an dem minuziös präparierten und märchenhaft souverän agierenden Ensemble Modern und seiner unerschütterlichen (trotz mäßiger Taktwechsel in ihrer Koordinationsfähigkeit enorm geforderten) Dirigentin Dominique My, die elaborierte Undeutlichkeit des Rihmschen Dauerprestos aufs deutlichste, schneidendste zu artikulieren. Jagdmusik, und was für eine! Ein letzthinniges Halali, wenn auch ohne aufgepfropfte katastrophische Finalität. Musik ohne Ziel und nicht am Ende, Musik in Bewegung. Perhorreszierter Stillstand. Gefundene Form wäre das Ende.
Dass Rihm es auch anders konnte und kann, zeigte das Komplementärstück, die Gesungene Zeit, ein ruhevoller Monolog der Geige (sorgfältig ausgebreitet von der Solistin), vom klein besetzten Orchester weniger eigenständig kommentiert oder durch Widerrede skandiert als "doppelgängerisch" (Rihm) begleitet und gespiegelt. Gesang hier auch wieder als elementare musikalische Äußerung, als (überwiegend) sanft und lyrisch erfüllte Zeit (die Titel-Assonanz zu Ingeborg Bachmanns Gestundeter Zeit kommt nicht von ungefähr), auch als respektvoller Versuch, den schönen Ton und die Geigenkantilene zu rekonstruieren, nein neu zu erfinden.
Hans-Klaus Jungheinrich
Wie ein ins All geschleudertes Uhrwerk
In Paris würde Wolfgang Rihms Orchesterstück "Jagden und Formen" uraufgeführt
Der Krimi der neuen Musik, könnte diese denn kriminalistisch erzählt werden, wäre eine Geschichte von Voranstürmen, Verfolgung, Innehalten und jäher Umkehr. Nur - wer verfolgt wen, die Tradition das Neue oder umgekehrt? Was da etwa seit dem Barock in der Fugenform flieht, erscheint plötzlich als "Jagd": Und der Komponist Wolfgang Rihm, dessen "vollständige" Fassung des 1995 begonnenen Orchesterstücks "Jagden und Formen" nun in Paris uraufgeführt wurde, flieht seit zwanzig Jahren vor dem Ruf des Neotraditionalisten. Mit den neu in die Komposition integrierten Teilen läuft er dem üblen Ruf weiter davon. Nur die Frage, wie "integral" das Stück .Jagden und Formen" nun sei, bleibt offen, denn Rihm komponiert seit Jahren keine abgeschlossenen Werke mehr, sondern Prozesse. So hat das Endgültigkeitsprädikat des vierzigminütigen Stücks wohl eher mit der Konzertsituation des Pariser Festival d'Automne zu tun, dem Auftraggeber der hinzugefügten Teile, der den Komponisten auch zwei neue Sätze für das Stück "Trigon" für Orchester und Frauenstimme schreiben ließ.
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Der neu hinzugekommene Einleitungssatz zu Rihms "Trigon" entspringt aus dem Nichts erwartungsvoller Stille, das die im Orchester versteckte Sängerin Salomé Kammer mit gleichsam nach innen gekehrter Stimme pianissimo mit Vokalminiatur belebt.
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Salomé Kammer formte im Pariser Théâtre du Châtelet ihre reinen Vokalstimmlaute mit plastischem Juweliersgespür und ließ wunderliche Glanzeffekte über die Klangarabesken huschen. Die Dirigentin Dominique My leitete das Frankfurter Ensemble Modern mit einer Präzision, die die auskomponierten Zeitlöcher verklingender Perkussion bündig rahmte.
Auch in den rasenden Triolenläufen von "Jagden und Formen" bestach das Orchester mit jener Exaktheit, die stets den zweiten und dritten Sinngrad der Komposition noch vernehmbar machte. So schwer die barocken Fughetti in der Klangmasse zwischen Streichern und Bläsern toben mochten, drifteten in der Makrostruktur des Werks die großen Perioden magistral umeinander in einem Bewegungsablauf, als tickte da ein ins All geschleudertes Uhrwerk polyform immer weiter.
Joseph Hanimann
Wilde Jagd mit offenem Ende
"Happy New Ears" mit dem Ensemble Modern und Wolfgang Rihm
Auf einer wilden Jagd waren sie in Frankfurts Oper tatsächlich, die bravourösen Instrumentalisten des Ensemble Modern, das sich in der Werkstatt-Reihe "Happy New Ears" mit Feuereifer zwei Kompositionen Wolfgang Rihms widmete: "Trigon" für Frauenstimme und Orchester sowie "Jagden und Formen". Beide Stücke, hier in Ausschnitten dirigiert von Dominique My, begreift Rihm als "Halbfertiges" aus seiner Werkstatt, von dem er überhaupt nicht weiß, "ob ich zum Ende komme". Das Unfertige wird nicht als Defizit begriffen, sondern ist Programm.
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Im Gegensatz zu Werken wie dem Violinkonzert "Gesungene Zeit", bei dem Rihm "keine generative Energie" mehr spürt. Im Aufgreifen und Verwerfen, in der "Übermalung" ursprünglicher Strukturen kann Rihm den Kompositionsprozess ohne Zwang zum Abschluss reflektieren. Auf so einem Weg ohne Ziel sind Betrachtungen. Ausblicke, Funde am Rand, Einblicke in die Werkstatt besonders interessant.
Es gibt wohl keinen deutschen Komponisten der Gegenwart, der verbal so virtuos und so lustvoll der Wirkung seiner Werke Konkurrenz macht. Er ist ein Plauder-Meister in eigener Sache. Die Findekunst des Redners Rihm entspricht der rhetorischen Potenz seiner Kompositionen. Dabei hat er immer noch etwas vom hoch begabten Gymnasiasten, der sich freut, über ganz viel tolles Bildungsgut zu verfügen. Die wie auch immer geartete Eingebung scheint, da ist er ganz Rhetor, weniger wichtig zu sein als das Finden durch Erinnerung: Erinnerung innerhalb des Werkes oder Erinnerung des Mythos, die in "Trigon" von Salome Kammers faszinierendem Sirenen-Gesang ausgelöst wurde.
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In "Jagden und Formen" dagegen konkretisiert sich die Vergangenheit nicht mythisch, sondern als Spiel mit barocker Form. Die "Jagd" erinnert tatsächlich an ein groß angelegtes Fugato, in dem es für die Ensemble-Mitglieder kaum Ruhepunkte gibt. "Das Stück knattert durch", meint Rihm dazu. Oder, etwas poetischer: "Aufenthalt im Ähnlichen bei ständiger Differenzierung". Es habe "fast etwas mit Bach zu tun". [...] Sie wurde vom Ensemble Modern mit sichtlicher Lust am zackigen Rhythmus und an saftiger Klangfülle musiziert.
Volker Milch
Odysseus' Rheinfahrt
Wolfgang Rihm als Work-in-Progress-Komponist
Wolfgang Rihm wäre nicht das in allen Gattungen und Klanggestaltungen bewanderte Talent, wenn er nicht auch die Kompositionsform des work in progress beherrschte. In der mittlerweile sehr langen Werkliste des heute 47-Jährigen gibt es nicht nur Konzerte, Quartette und Orchesterwerke gleichsam von letzter Hand, sondern auch Werkstücke, die sich in ständiger Neuformung, Umbesetzung, Verrückung, Verdichtung oder Vertauschung befinden.
Solcherart "Stückwerk" bot der in der Happy-New-Ears-Reihe als Gast auftretende Komponist gemeinsam mit dem Ensemble Modern unter Leitung der Dirigentin Dominique Mys. Der seit vergangenem Jahr auch als künstlerischer Berater der Oper tätige Rihm erwies sich nicht nur als mit allen Tönen, sondern auch mit bildhafter Sprachgestik gewandt umgehender Künstler.
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Jagden und Formen - Komponierstand Oktober '99 -, wo unter anderem Gejagte Form, 1996 für die USA-Tournee des Ensemble Modern entstanden, ein zentraler Bestandteil ist. Auch er wird, durch "Übermalungen", Ausweitungen, Wucherungen im disponiblen Zustand gehalten. In einer Mischung aus Brillanz und Stoizismus meisterten die Musiker des Ensemble Modern die Attacca-Permanenz - gut überwacht von Dominique Mys rhythmischer Stabilität.
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Wie sehr Rihm es versteht, an den dramaturgischen Klischees jeder Hörerwartung anzuknüpfen und sie zugleich zu überbieten, wurde vom Schlussteil der vorgetragenen Jagden und Formen-Ausschnitte belegt. Im heftigen Schlagzeug-Gehämmere dröhnten Wagner-Akkorde in schönster Cinemascope-Instrumentation auf wie eine Apotheose aus Götterdämmerung und Ben Hur. Vielleicht war Odysseus auf seiner Rheinfahrt doch nur den Walküren begegnet.
Bernhard Uske
© Ensemble Modern