Unerklärliche Schönheit
Interpretation ***** / Klangqualität **** / Repertoirewert *****
Das Label HAT HUT Records aus Basel hat nun eine seit längerer Zeit nicht mehr erhältliche Produktion aus dem Jahr 1991, Feldmans letzte Komposition 'For Samuel Beckett' (1987) beinhaltend, neu aufgelegt. Obgleich das Werk mittlerweile in einer hervorragenden alternativen Aufnahme mit dem Klangforum Wien unter Leitung von Sylvain Cambreling veröffentlicht wurde (Kairos 1999), bleibt die ältere Einspielung mit dem Ensemble Modern unter Arturo Tamayo ein echtes Highlight der Feldman-Diskografie. Zusammen mit anderen bedeutenden Produktionen des schweizerischen Labels[...] trug sie seinerzeit ganz wesentlich zur Verbreitung von Feldmans Werken bei.
Was nun aber ist das Faszinierende dieser Musik? In Anbetracht der Klangwirkungen von 'For Samuel Beckett' würde ich es im Umgang mit den Instrumenten suchen, in den sorgfältig aus bestimmten Klangfarben und Mixturen zusammengesetzten Klängen, die sich für den Hörer unvorhersehbar verhalten und mit ihrer seltsamen Mischung aus Bewegung und Erstarrung die Hörerfahrung und das Zeitempfinden permanent herausfordern. Die Musik scheint ständig ziellos zu fließen, kommt dabei nicht über den Pianissimobereich hinaus und leuchtet dennoch sehr intensiv in immer neuen Farbwechseln, wenn engschrittige Akkordbildungen als eigentümliches Schwirren im Raum hängen bleiben und bei ihrem nächsten Einsatz unmerklich verändert werden. Ganz gleich, wie man sich auch wendet: Feldmans Musik haftet letzten Endes etwas Rätselhaftes an.
Bleibt also noch der Blick auf die unterschiedlichen Aufnahmen zweier exzellenter Ensembles: Beide haben ihre Qualitäten, unterscheiden sich jedoch auch in wesentlichen Aspekten voneinander, vor allem in der Zeitdifferenz von zehn Minuten: Arturo Tamayo und das Ensemble Modern bleiben klanglich homogener, versuchen die Herkunft der Klänge aus bestimmten Instrumenten möglichst zu verschleiern, legen viel Wert auf das gleichsam hybride Element des Ensembleklangs und gleichen dies dann durch ein flüssigeres Zeitmaß aus, dessen Puls zwar nie zu spüren ist, das aber immer den Eindruck des Gehens in eine bestimmte Richtung vermittelt. Demgegenüber sind bei Sylvain Cambreling und dem Klangforum Wien die Bewegungsvorgänge innerhalb der Klangereignisse stärker profiliert und instrumentale Linien treten deutlicher hervor, was jedoch durch einen bewusst starren Gesamteindruck kompensiert wird. Jemand, der diese Musik nicht mag, wird wahrscheinlich beide Einspielungen für überflüssig halten; der Liebhaber von Feldmans Werk hingegen kann sich darüber freuen, dass aufgrund der wieder veröffentlichten historischen Aufnahme nun erneut zwei so verschiedene und spannende Blickwinkel auf diese Klangwelt erhältlich sind.
Dr. Stefan Drees
© Ensemble Modern