10/2009, das Orchester

Rezensionen: CDs
rounds per minute

[...] Sich im eigenen Album als Musiker zu eliminieren, zeugt von Witz und Selbstironie. Dies und das unbemühte, schlüssige Konzept, gepaart mit dem hohen musikalischen Niveau, machen das Album zu einem echten Vergnügen. Besonders empfohlen sei es all jenen, die erfahren wollen, was sich aus einem Cello, den eigenen Händen und einem Gaspedal so alles rausholen lässt.

Astrid Bernicke


2009/07, neue musikzeitung

CD-Tipps
Michael M. Kasper: rounds per minute

Eine wunderbare Konzept-CD hat der Cellist des Ensemble Modern hier vorgelegt. Mit einer brillant gespielten Programmfolge von den Solosonaten Ligetis und Zimmermanns über Lachenmanns "Pression" bis hin zu Michael Gordons brachialem "Industry" spürt er dem nach, was er in dem schönen Bookletinterview als das allmähliche Verschwinden des Interpreten aus der Musik beschreibt. Konsequenterweise legt er danach das Cello aus der Hand, klatscht mit Jagdish Mistry die "Clapping Music" von Steve Reich und endet mit Alvin Luciers Gaspedal-Solo "RPM's". Ein Abgesang. Ein Neuanfang?

Juan Martin Koch


05/2009, Musik der Zeit

rounds per minute
Werke von György Ligeti, Bernd Alois Zimmermann, Helmut Lachenmann, Michael Gordon, Steve Reich und Alvin Lucier

Den technischen Titel rounds per minute erhielt die programmatisch regelrecht als Album gestaltete CD durch Alvin Luciers RPM's von 1987, einem Stück, bei dem ein Sechszylinder-Aston Martin nach exakt ausgearbeiteten Vorgaben auf Touren zu bringen ist. Auch die Uminstrumentierung für den 200 PS-Bassbariton eines Jaguars lässt ein raubkatzen­artiges Schnurren schlummernder Kräfte vernehmen, die den Sportwagen bei kleinster Reizung seines Vergaserhebels wild auffauchen lassen.

Der langjährige Cellist des Ensemble Modern, Michael M. Kasper, stellt Luciers Stück an das Ende der ihm gewidmeten Porträt-CD, um eine Entwicklung zu dokumentieren, die er im Beiheft lapidar auf den Nenner bringt: «Der Cellist verabschiedet sich.» Die versammelten sechs Stücke spiegeln die musik­historischen Prozesse weg von der Tonalität zur Zwölf­tonmusik, zur Emanzipation des Geräuschs, zum Einsatz von Elektronik und schließlich zur Aufhebung erst sämtlicher cellistischer, dann auch allgemein musikalischer Spiel- und Klangpraktiken.

Den Anfang macht György Ligetis frühe Cellosonate aus den Jahren 1948-53, deren erster Satz mit vollen Doppelgriffen, weichen Pizzikato-Arpeggien und in weiten Bögen ausgesungenen Kantilenen noch ganz aus der Tradition des Instruments heraus erfunden ist. Das gilt auch für die neoklassische Spielfreude des zweiten Satzes, dessen launige Tremoli und Läufe dem Titel Capriccio alle Ehre machen. Bernd Alois Zimmermanns 1960 für den legendären Siegfried Palm komponierte Sonate für Cello weist dann bereits den Weg, der zur radikalen Erweiterung der Spieltechniken in Helmut Lachenmanns Pression führt. Die in diesem Schlüsselwerk der «musique concrète instrumentale» zu Anfang ohne Bogenstriche ausgeführten, folglich fast tonlosen Finger-Glissandi über die Saiten wirken auf der CD zunächst etwas stumpf, als wäre bei der Aufnahme der Abstand zwischen Instrument und Mikrofon zu groß gewesen, so dass sich die Distanz nun auch zwischen Musik und Hörer drängt. Die anschließenden Perforationen dagegen springen den Hörer förmlich aus den Lautsprechern an, als wäre er unmittelbar Zeuge der mechanisch-energetischen Hervorbringung dieser Klänge.

Nach Lachenmanns Detailanalyse der Auswirkungen verschiedenster Druckverhältnisse von Griff- und Bogenhand lassen die naiven Dur- und Moll-Dreiklänge in Michael Gordons Industry zunächst regelrecht zusammenzucken. Im weiteren Verlauf werden die sonoren Doppel- und Tripelgriffe des Stücks jedoch zunehmend elektronisch verstärkt, klanglich überformt und durch Bebungen schließlich so stark verzerrt, dass das Instrument seinen spezifischen Eigenklang völlig verliert. Folglich geht es ganz uncellistisch weiter, mit Steve Reichs Clapping Music und zum Abschied des Cellisten Alvin Luciers hochmotorisiertem RPM's.

Rainer Nonnenmann


07/2002, FonoForum

Soloinstrumente
Musik **** / Klang ****

[...] Gerade ein weltberühmte Ensemble für zeitgenössische Musik beherbergt Musiker, die sihc nicht nur im orchestralen Verbund behaupten müssen, sondern vielfach über solistische Qualitäten verfügen. Immerhin schreiben ihnen heutige Komponisten manch heikle Spezialaufgabe auf ihr Instrument.
Michael M. Kasper spielt dort Cello, aber er dreht den Spieß um: Nicht nur die vom Hörer erwartbare Musik seines Soloinstrumentes stellt er vor, sondern eine, aus der sich das Cello nach und nach verabschiedet. Was bleibt, ist ein Fragezeichen, das Kasper schmunzelnd an den Hörer weiterreicht. Dabei geht es vergleichsweise konventionell los, mit der frühen, noch tonal gebundenen Sonate für Violoncello (1948-1953) von György Ligeti. Aber schon Bernd Alois Zimmermanns Sonate von 1960 zeigt ruppige Muster, eine nervöse Textur, ein wüstes, wenn auch gut geformtes expressives Auf und Ab, in dem der Solist sein ganzes Können im Gestalterischen aufbietet. [...] Und am Schluss, bei Alvin Luciers "RPM's", scheint der Cellobogen nur noch im Kofferraum eines (in der Tat wunderschönen) Oldtimers zu liegen, dessen Gaspedal Kasper lustvoll bedient.

Tilman Urbach


1 November 2010, Positionen 85

Reihe Portrait CDs des Ensemble Modern

[...] Aufhorchen lässt [...] der Violoncellist Michael M. Kasper [...]. Er betitelte die von ihm zusammengestellte CD rounds per minute und gerät mit den Umdrehungen pro Minute ganz in die Nähe eines hochtourigen Autofans, genauer in den Bann von Alvin Lucier, der 1987 RPM's für einen sechszylindrigen Aston Martin konzipiert hat. Kasper griff zu einem Jaguar, ersetzte dessen Gaspedal durch die sensibler zu handhabende Feder am Vergase und terminierte Luciers Konzeptkomposition - Cage lässt grüßen - exakt auf 4'33''. [...]

Ludolf Baucke

en/archive/press/cd_reviews/69

Portrait Michael Kasper
rounds per minute

Michael M. Kasper (violoncello, clapping, accelerator)

Audio sample:
Ligeti: Sonate für Violoncello solo