Grenzgänge
Interpretation ***** / Klangqualität **** / Repertoirewert **** / Booklet *** / Features ***
Irgendwo zwischen Jazz und Neuer Musik bewegt sich Mark-Anthony Turnages Suite "Blood on the Floor" für Jazz-Trio und Kammerorchester, und bedient damit im besten Sinne das Genre, das man gemeinhin als Cross-over bezeichnet. Schon als CD publiziert, bringt nun der Arthaus-Verlag eine DVD-Edition des Konzertmitschnitts der Uraufführung heraus. Es spielt das Ensemble Modern, als Jazzsolisten sind John Scofield, Peter Erskine und Martin Robertson am Werk.
Verdienst dieser Produktion ist auf jeden Fall die neue Dimension des Bildes gegenüber der einfachen Audio-Aufnahme. Neue Musik vermittelt sich im Konzertsaal doch einfacher und intensiver als das mit einer rein auf die auditive Wahrnehmung beschränkte Wiedergabe der Fall ist. Dabei verzichten die Herausgeber völlig auf eine visuelle Umsetzung der Musik, gezeigt wird lediglich der Konzertmitschnitt des Hessischen Rundfunks. Interessant wäre es vielleicht gewesen, die Gemälde, nach denen Turnage sein Werk komponiert hat, etwas länger zu zeigen. Francis Bacons "Blood on the Floor" und Heather Betts "Dispelling the fears", titelgebend für den letzten Satz der Suite, werden nur in der gut zehnminütigen Einführung kurz eingeblendet.
Beim Anschauen der DVD vermittelt sich dem Hörer ein guter Eindruck des Werkes. Die Kameraführung verzichtet dankenswerterweise auf peinliche visuelle Effekte wie Überblendungen, gerade in Fernsehproduktionen gerne gesehen. Die Musiker, die gezeigt werden, sind in der jeweiligen Situation wirklich die Hauptdarsteller, und die Kameraperspektive gibt eine gute Darstellung der Ausführenden wieder. Viele klangliche Effekte werden für den Hörer erst in der audiovisuellen Darstellung nachvollziehbar.
Turnages Musik bewegt sich im Grenzbereich zwischen Jazz und "Neuer Musik" und macht deutlich, wie sehr sich beide Bereiche beeinflussen. Teile, in denen das Kammerorchester dominiert wechseln mit reinen Jazzbesetzungen ab, durchkomponierte Strecken mit tatsächlich improvisierten. Der Charakter ist meist stark rhythmisch dominiert, doch auch melodisch eingängige Sätze finden Eingang in die sehr vielfältige Suite. Vor allem Junior Addict und Elegy for Andy haben starken Ohrwurmcharakter. [...]
Das Ensemble Modern beweist wieder einmal seine Vorreiterstellung auf dem Gebiet des zeitgenössischen Musikschaffens. Souverän agieren auch seine Solisten an Flöte, Trompete und Posaune. Das Jazz-Trio aus Schlagzeug, Gitarre und Saxophon besteht ohnehin aus engen Vertrauten Turnages. Als Bonustrack gibt es folgerichtig auch zwei Kompositionen des Schlagzeuges Peter Erskine und des Gitarristen John Scofield, von Turnage für das Ensemble Modern arrangiert. Hier wird noch einmal deutlich, wie sinnfremd die starre Abgrenzung von E- und U-Musik ist, gerade auf dem Gebiet der Neuen Musik.
Die DVD sei all jenen empfohlen, die auf die Sehkomponente beim Hören nicht verzichten wollen: Turnages Suite erschließt sich auf diese Art und Weise einfach besser, und es wird klar, warum es zu den beliebtesten Werken des britischen Komponisten gehört.
Paul Hübner
© Ensemble Modern