Ensemble Modern - Ensemble des Jahres
Einen Klassik-Preis für ein Frank-Zappa-Album zu bekommen, ist eine bemerkenswerte Leistung. Zumal ja nicht einmal die Rubrik "Klassik ohne Grenzen" bemüht werden musste. Dass das Ensemble Modern ein Faible für Zappa hat, hatte es ja schon Anfang der 90er Jahre durch eine intensive Zusammenarbeit mit dem Rockstar gezeigt. Aber dass es damit auch die Jury überzeugen konnte...
Alter Meister
[...] Konventionelle Orchester konnten Zappas vom Rock her kommende, merkwürdig zwischen U und E pendelnde Kunst weder verstehen noch umsetzen.
Kurz vor seinem Tod kam Frank Zappa dann mit dem Ensemble Modern zusammen, die Frankfurter trugen maßgeblich dazu bei, dass der Ex-Rocker auch von den E-Zeitgenossen ernst genommen wurde. Für das Ensemble erstellte nun Ali N. Askin aus den Synclavier-Dateien Arrangements, durch die Zappa-Werke mit traditionellen Instrumenten spielbar werden. Und Norbert Ommer, der Klangregisseur des Ensembles, hat diese Ensemblemusik wiederum digitalisiert, eben für die CD. Dabei ging man allerdings nicht den sicheren Weg, jede Stimme getrennt aufzunehmen, sondern Ommer hat eine Live-Situation aufgenommen - und das mit bis zu 80 Spuren.
Das Ergebnis ist verblüffend, nicht zuletzt wegen des extrem natürlich wirkenden Klangraums. Was Zappa auf seinem Synclavier ohne spieltechnische Grenzen ablaufen lassen konnte, wenn auch kühl und leicht steril, klingt in der instrumentalen Fassung nun leichtgängig, oft schwebend und sagenhaft präzise. Man hört die Charakteristika der einzelnen Instrumente (klassische wie auch Rockband-typische), man hört Farben, man hört den Raum, es lebt. Kernstück der CD ist die ausgelassene Minioper "The Adventures of Greggery Peccary", das am aufwändigsten besetzte und kontrastivste Werk. Und es ist dasjenige, das Frank Zappa am deutlichsten als einen Komponisten zeigt, über den die Nase zu rümpfen, niemand sich trauen sollte. [...]
Stefan Schickhaus
Fünfhundert Dateien
Der Mann am Synclavier: Das Ensemble Modern interpretiert richtungsweisend Frank Zappas Musik zu seinem zehnten Todestag
Das Ensemble Modern war Zappas letzte Band. Mit dem Programm und der CD The Yellow Shark Im September 1992 hatte es ihn als Komponisten zeitgenössischer E-Musik nachdrücklich ins Gespräch gebracht. Gut acht Jahre später hat das Ensemble mit Greggery Peccary & Other Persuasions diese Sicht revidiert: Zappas Musik ist keine E-Musik. Es Ist die virtuose Verarbeitung der Welt durch einen ruhelosen, von der E-Musik der ersten (Varèse, Strawinski) und dem Blues, Soul und Rock der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gleichermaßen geprägten Komponisten mit nicht eingrenzbarer Fantasie, der sich tonalen Konservativismus und ein pragmatisches Rock-Kostüm ebenso gestattete wie eine hyperaktive Collagentechnik. Also nicht E oder U, sondern etwas ganz Eigenständiges.
Das zweite kleine Wunder war die sehr spezielle philologische Arbeit, die Ali N. Askin leistete, um aus Zappas Musik etwas zu machen, was für ein Instrumentalisten-Ensemble spielbar war und immer noch nach Zappa klang. [...] Todd Yvega und All N. Askin ist es zu verdanken, dass aus den Dateien spielbare Arrangements geworden sind.
Spielbar? Wie man's nimmt, denn dies ist das dritte kleine Wunder: dass Stücke wie Moggio oder Beltway Bandits oder die titelgebende bizarre Mini-Oper Greggery Peccary ohne die technische Kälte, die den elektronischen Zappa: Greggery Peccary & Other Versionen anhaftet, daherkommen, mit einem feingliedrigen orchestralen Klang, über all die rasanten Tempo-, Klangfarben- und Stimmungswechsel hinweg so groovend und aufgeweckt, dass man geradezu Spielfreude hören kann, die zu der enormen Spielkultur dazukommt. Und eben nicht die Mühe und Arbeit, die sich Orchestermusiker früherer Zeiten mit Zappas Musik machten. Der Motor ist eingebaut. Der pulsierend lebendige, performative orchestrale Ton ist etwas, das bisher nur das Ensemble Modern Zappas Musik geben konnte.
Hans-Jürgen Linke
Masken und Grimassen
Omar Ibrahim und David Moss meisterten die extremen Schwierigkeiten der Intonation, Stimmverfremdungen und schauspielernden Darstellung der Sprech-Sing-Rollen ganz im Sinne zappaesken Slapsticks. An ihren absolut perfekten Interpretationen wird das Niveau künftiger Aufführungen (mit anderen Solisten) gemessen werden. [...]
Ali N. Askin hat mit seinen kongenialen Arrangements wesentlichen Anteil and diesem Erfolg, deren exzentrischen Instrumentierungen und typische flapsigen Phrasierungen haben Zappas Stil optimal assimiliert. Vor allem aber hat er dadurch den Kompositionen ein klares und eindeutiges Profil fürs Kammerorchester gegeben.
Zehn Jahre nach seinem Tod am 18. Dezember 1993 ist nun "A Selection Of Works" dieses Programms inklusive "Greggery Peccary & other Persuasions" als CD erschienen. Die ohnehin halsbrecherische Polyrhythmik dieser Arrangements hat Dirigent Jonathan Stockhammer noch gesteigert,. Bei den rasanten Wechseln in der diffizilen Stimmführung, weit gefächerten Farbspektren sowie der in Volumen und Tiefenstaffelung überragenden Klangregie von Norbert Ommer bersten fast die Lautsprecher.
"Ensemble Modern Plays Frank Zappa" ist ein Album der Superlative.
Hans Dieter Grünefeld
Greggery Peccary & Other Persuasions
[...]
As is well-known, the Ensemble Modern was quite near to Frank Zappa during the last years of his life - in fact, they became a kind of "living laboratory" that stood near the Synclavier, the digital instrument to which the Ensemble line-up was in some ways superior. And it's not really necessary being a superfan to be familiar with the album titled The Yellow Shark (1993), where their meticulous precision went hand-in-hand with the human warmth of their execution.
Greggery Peccary & Other Persuasions follows on that path - successfully and masterfully, with the help of some former Zappa collaborators: Ali N. Askin (arrangements and transcriptions), Todd Yvega (the code wizard) and Harry Andronis (of really precious ears). Excellent (and live!) recordings, the music played "con sentimento", a very good sound, a CD that I bought at the mall near my home... In a word, simply perfect.
We find a beautiful and varied repertory. Moggio is the opener, then we have Night School and The Beltway Bandits: even without the beautiful precision of Jazz From Hell (some people at the time called it "aseptic" - boo!), they are rich with a precise kind of exuberance; while A Pig With Wings and Put A Motor In Yoursef (those who remember 'em, please raise your hands!) come from the double album Civilization Phaze III (1994), released after the post-mortem attention span was over. Revised Music For Low Budget Orchestra reminds me of Ponty, Duke and a Fowler (Bruce), hitting the bull's eye by way of complexity. The same can't really be said of the fine Peaches En Regalia (too simple? Get a rock group!). After Naval Aviation In Art? (you remember it, right?), the real surprise comes at the very end: The Adventures Of Greggery Peccary, with Omar Ebrahim and David Moss on vocals. How does it sound? Quite good, which is really the best we could expect and absolutely the best possible compliment I can pay. (Like ghosts, some uncredited arias from 200 Motels follow.)
Beppe Colli
© Ensemble Modern