18 December 1999, Münchner Abendzeitung

"Macheath, derr haat ein Messäärr"

So geht es auch: Nina Hagen und Max Raabe frischen mit dem Ensemble Modern die "Dreigroschenoper" auf Sie kreischt und röhrt, sie japst und gurgelt, und das Wort "Hurentreiber" kann man gar nicht ordinärer singen als sie. Wer wohl? Nina Hagen, die verrückteste Nudel, seit es Popmusik gibt - hier als Mrs. Peachum in der "Dreigroschenoper". Und Macheath alias Mackie? "Derr haat ein Messäärr", jedenfalls wenn die Moritat aus dem Munde des swingenden Näsel-Prinzen Max Raabe kommt.

Schon die Besetzung dieser Neuaufnahme von Kurt Weills und Bert Brechts ewigem Anti-Erbauungsstück ist ein Knüller; außer Raabe und Hagen werden etwa noch Sona MacDonald (Polly) und Timna Brauer (Jenny) aufgeboten. Aber auch sonst klingt das Stück hier frisch wie selten. 15 Mitglieder des Frankfurter Ensemble Modern unter HK Gruber richten sich auf der Doppel-CD (BMG 74321 66133 2) nach einer neuen kritischen Kurt-Weill-Ausgabe.

Mal rau schmetternd wie von einer lustvoll drauflos spielenden Kaschemmen-Band, mal mit herrlich überzogenem Jahrmarkts-Pathos, mal wirbelnd in beiläufig brillanten Pointen lebt Weills Musik neu auf. Ganz nach Macheaths Motto: "Es geht auch anders, doch so geht es auch."

Roland Spiegel


16 December 1999, Bonner General-Anzeiger

Jedes rollende "R" eine eisige Bedrohung
Neueinspielung der "Dreigroschenoper"

[...]

Nina Hagen gibt der Celia Peachum ebenso extrovertierten wie ordinären Touch, Max Raabe, berühmt geworden mit nostalgischen Nummer wie "Kein Schwein ruft mich an", näselt als Macheath den "Haifisch"-Song so, dass der Hörer jedes rollende "R" als eisige Bedrohung empfindet. Er ist die eigentliche Entdeckung der Einspielung. Aber auch HK Gruber selbst gefällt mit einem grandiosen Peachum-Rollenporträt.

[...]

Den musikalischen Hintergrund malt das Ensemble Modern in grellen Farben. Die Frankfurter Musiker, alles ausgesprochene Virtuosen, setzen sich gleichsam eine musikalische Maske auf: Mal klingen sie nach schräger Tanzkapelle, mal nach billiger Jahrmarktsmusik. Daneben bleibt dem Ensemble freilich genügend Raum, seine wirklichen Fähigkeiten herauszustreichen: "Der Kanonensong" wird zum echten Knaller.

Die Aufnahme ist ein Lichtblick in der angesichts der Popularität der Oper gar nicht mal so reichen Auswahl an Gesamteinspielungen. Und eine echte, weil zeitgemäße Alternative zu der Lotte-Lenya-Produktion.


10 December 1999, Die Woche

Ensemble Modern mit Max Raabe, Nina Hagen u.a.
"Die Dreigroschenoper" (BMG)

Aus drei Quellen speist sich die Neuaufnahme, Auftakt einer Weill-Ausgabe: der Partitur der Uraufführung, dem Klavierauszug und dem Bühnenmanuskript. Die Diskrepanzen spiegeln auch die Interpreten wider. Da wird man von Max Raabe als Macheath operettenhaft eingeseift, bevor er im Kanonen-Song kraftvoll auftrumpft, während Nina Hagen als Celia Peachum mit dosierter Röchel-Rotzigkeit der â??Ballade von der sexuellen Hörigkeit" überzeugende Frische gibt. Das Ensemble Modern agiert nach dem Uraufführungs-Vorbild eines kleinen Tanzorchesters knapp, hebt Tango- und Foxtrott-Elemente hervor und verblüfft mit jaulenden Hawai-Gitarren.

Helge Hoppa


12/1999, Opernwelt

Denn wovon lebt der Mensch?

Die Platte beginnt nicht mit Musik, sondern mit Text, wie Brecht ihn nach dem Krieg für eine Konzertaufführung schrieb. Thomas Holtz imitiert in diesen Ansagetexten ironisch den Tonfall der zwanziger Jahre Und das paßt ganz wunderbar zu der Doppelbödigkeit Max Raabes, dem Mackie-Messer-Fiesling aus zweiter Hand und eigenem Recht: Wer sonst kann den Zitatcharakter der Moritat so wunderbar beleuchten? Und die Belehrung von Mackies junger Braut Polly durch ihre Eltern über die Schlechtigkeit der Welt hat ätzenden Witz: Pollys dumme Schwärmerei wird in Sona MacDonalds blondinenhafter Kantilene zugleich denunziert wie gerettet, während Gruber und Hagen alle Niedertracht der Welt beschwören und dabei so ernsthaft sind wie die Hexe und der Mann im Mond. Und bei der Ballade von der sexuellen Hörigkeit weiß Nina Hagens Reibeisenorgan erst recht, was es da singt. Timna Brauers Jenny bringt einen naiv-sentimentalischen Ton in die Sache, der zum Zuhören zwingt, und wenn sie mit Max Raabe das Zuhälter-Duett bringt, stehen dem Zuhörer die Haare zu Berge angesichts der Ungeheuerlichkeit dieser Ã?ußerungen zu so schöner Musik.

Brechts Texte werden hier nicht glattgesungen, sondern erhalten ihre Explosivkraft zurück. Der Kunstmittel sind viele, die Flottheit der Marsche unterstreicht die Tücke ebenso wie die schmalzige Süße des Liebeslieds als Zwischenaktmusik. Das ist eben Oper: Wechselbad der Gefühle, geballte Dramatik, wüste Intrige, absolutes Glück und durchschlagende Gesangswucht! Das Ensemble Modern garantiert messerscharfe Präzision und sanften Swing, schräge Verrücktheiten und subversive Phantasie ohne Ende, HK Gruber dirigiert mit Besessenheit am Detail und Liebe zum Stück.

Die Aufnahme ist nicht nur Ohrenbalsam und interpretatorischer Glücksfall, der den Ã?bergang Weills ins nächste Jahrtausend vorzeichnet, sondern auch eine editorische Pioniertat.

Bernd Feuchtner


12/1999, Stereo

Kurt Weill - Die Dreigroschenoper
Musik-Check ***** / Hifi-Check *****

Kurt Weills Musik, eine Mixtur aus Jazz und Bankelsang, widerfährt durch das Ensemble Modern unter HK Gruber die ihr gebührende tonlich ironisierende Schärfung. Das schmeckt alles wie ein scharfes Pfefferminzbonbon und reibt sich an Ecken und Kanten.

Egon Bezold


11/1999, Kultur Spiegel

SCHRILL

Es gibt viele gute Aufnahmen der "Dreigroschenoper", doch HK Gruber und das Ensemble Modern setzen neue Maßstäbe. Schrill und ironisch klingt bei den Frankfurter Musikern das geniale Werk von Kurt Weill, auch die Besetzung ist stark: Nina Hagen krächzt die "Ballade von der sexuellen Hörigkeit", Max Raabe schnulzt den Mackie Messer, Sona MacDonald trällert die Polly. Fabelhaft fies ist auch Dirigent Gruber als Peachum: "Wach auf, du verrotteter Christ!"

Eckhard Roelcke


11/1999, Neue Musikzeitung

Kultiviert knarzend

Mit Nina Hagen, Max Raabe und dem Ensemble Modern wird diese original-textlich fundierte Neueinspielung der Dreigroschenoper einer schillernden Besetzungstradition gerecht. Vor allem Raabe als blasiert plauderndem, im Ansatz gepflegt bösartigem Macheath ist hier eine überzeugende Interpretation jenseits der legendären Lenya-Aufnahme gelungen, welche aber im Einzelnen immer noch Maßstäbe setzt.

[...]

Und das versierte Ensemble Modern bringt pointiert ein dezent dilettierendes Tanzkapellenidiom zum Einsatz, lässt die Tempi in Maßen stolpern und das Blech gekonnt knarzen. Kraftstrotzend plärriges Jahrmarkt-Ambiente klingt allenfalls gedämpft an, keine in allen Nähten ächzenden Gassenhauer Originale werden hier rekonstruiert. [...]

Eva Katharina Klein


23 October 1999, Märkische Allgemeine

Berlinisch

Kaum zu glauben, aber wahr: Sogar einem Schlachtross wie der "Dreigroschenoper". das sich längst auf jedem halbwegs intakten Stadttheatergeläuf über die Runden quält, lassen sich noch Sporen geben. Dem Frankfurter Ensemble Modern und seinem Brecht/Weill-Jockey HK Gruber jedenfalls ist das Unmögliche gelungen: Der vermeintlich durchgerittene Gaul springt wie ein frischgeborenes Zirkuspferd herum, das im Berlin der 20er-Jahre Varieteblut geleckt hat. Für die Entschlackungskur zeichnet zum einen das vokale Pflegepersonal verantwortlich: Nicht nur Max Raabes schmieriger Macheath und Nina Hagens röhrende Celia Peachum suchen ihresgleichen." Den launigen Rest besorgen die Solisten des Ensemble Modern: Spritziger, schnauziger, "berlinischer" kann man den designierten Jubilar Kurt Weill (2000 steht der 100. Geburts- und der 50. Todestag an) nicht feiern.

at


11 October 1999, Der Musikmarkt

Frech-skurril

[...] Brecht und Weill realisierten hier erstmals in großer Form die Idee des verfremdeten Theaters. Für die Musik heißt das: eine frech-skurrile Mischung aus Song, Chanson, Jazz, persiflierter Klassik und Tanzmusik.

Die Besetzung scheint im vorliegenden Fall geradezu prädestiniert, die satirischen Ebenen voll auszuspielen: Mackie Messer ist Max Raabe, gefeierter Interpret nostalgischer Schlager; als Celia Peachum wirkt die Rock-Röhre Nina Hagen mit. Das Ensemble Modern wird geleitet von HK Gruber, Komponist, Sänger und Dirigent, der in seinen eigenen Arbeiten ganz in Weills Tradition steht und mit dem Album "Roaring Eisler" als Chansonnier und Dirigent in der Diskographie des Ensembles vertreten ist. In der "Dreigroschenoper" singt er auch die Rolle des Jonathan Jeremiah Peachum. [...]

Peter Bitterli


11 October 1999, Musik Woche

Freche Mischung mit modernem Schliff
Nina Hagen und "Die Dreigroschenoper"

Für die Produktion "Roaring Eisler" kassiert das Ensemble Modern unter der Leitung von HK Gruber am 17. Oktober einen Echo Klassik. Schon vorher steht der nächste Gruber-Coup in den Läden.

Die Besetzung dieser Oper, die Weill zusammen mit Bertolt Brecht schrieb, läßt aufhorchen: In der Rolle des Mackie Messer glänzt Max Raabe, mit seinem Salonorchester gefeierter Interpret nostalgischen Schlagerrepertoires. als Celia Peachum läuft Nina Hagen zu Bestform auf, und in der Rolle der Hure Jenny brilliert Timna Brauer. [...] Auch Dirigent HK Gruber greift zum Mikrophon und singt - und zwar als Jonathan Jeremiah Peachum. [...] Diese Besetzung erscheint prädestiniert, die satirische Ebene der "Dreigroschenoper" voll auszuspielen, und sie tut es auch. So wirkt die freche Mischung aus Song, Chanson, Jazz, persiflierter Klassik und Tanzmusik noch ebenso frisch wie bei der Uraufführung 1928 in Berlin.
[...] Und weil sich Gruber und sein modernes Ensemble bei ihrer Aufnahme an die neue Gesamtausgabe der Werke von Kurt Weill halten, gewinnt diese Doppel-CD zum doppelten Weill-Jahr zusätzlich an Gewicht. Mit dieser Ausgabe darf man schon jetzt auf den Echo Klassik im Jahr 2000 gespannt sein.

gil


02/2000, Opera News

Weill: Die Dreigroschenoper

The musicians of the Lewis Rüth Band, the show's original orchestra, were extremely versatile; the Dreigroschenoper score required the band's seven members to perform on twenty-three instruments. It is a testament to the talent of the Rüth musicians that today's most appropriate Threepenny "band" is the virtuoso Frankfurt-based Ensemble Modern. It is a rare treat to to hear Weill's ingenious score - which calls for flute, bassoon, cello and Hawaiian guitar, as well as saxophones, trumpet, trombone and bandoneon - played with elegant precision and dash.
The casting of Max Raabe as Mackie Messer (Macheath) is a clever choice. Raabe's tenor - reminiscent of salon orchestra singers - can be insinuating or gush with creamy charm, as in the "Ballad of the Easy Life" (Ballade vom angenehmen Leben). [..] Inexplicably but happily, Raabe also sings the famous "Moritat" (Ballad of Mack the Knife), a song assigned in the play to a streetsinger or balladeer.
Similarly, Sona MacDonald captures the range of Polly Peachum's personality in "Pirate Jenny" and "Barbara Song." Both numbers are narratives with a punch, comparable to the miniature drama of an opera scena, their success dependent on the diction and vocal expressivity a singer such as MacDonald can provide.

Mario R. Mercado

en/archive/press/cd_reviews/35

Bertolt Brecht, Kurt Weill
Die Dreigroschenoper

Musiker:
Ensemble Modern
Max Raabe (Macheath), HK Gruber (Jonathan Jeremiah Peachum), Nina Hagen (Celia Peachum), Sona MacDonald (Polly Peachum), Hannes Hellmann (Brown), Winnie Böwe (Lucy), Timna Brauer (Jenny), Jürgen Holz (Ein Ausrufer)

Dirigent:
HK Gruber

Audio sample:
Weill: Kanonensong fuer Orchester