Keine kleine Fluchten
Mag in der Musik der Begriff Fortschritt zweifelhaft geworden sein, der Begriff Fortschreiten ist es nicht. Zumindest nicht bei Rihm. Musterbeispiel dafür ist sein nicht ganz einstündiges Opus "Jagden und Formen". Rihm hat einmal als eines seiner Arbeitsmotive genannt, er wolle "bewegen und bewegt sein". In dieser Partitur vereint er beides. Rihm erinnert sich daran, dass im Wort Fuge der lateinische Wortstamm Flucht (und Eile!) steckt. Nicht nur seine Fugato-Passagen gehen einem in die Nerven und oft auch in die Füße.
Wie das hoch motivierte Ensemble Modern unter Leitung von Dominique My diese kammermusikalische Parforce-Jagd atemraubend exerziert, ist hörenswert.
Rainer Wagner
Malereien mit Tönen
Der Klang ist widerborstig, es brodelt, gärt und wuchert. Daher ist alles in ständiger Bewegung, in einem unablässigen Fluss.
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Eine von Anfang bis Ende unerhört packende Einspielung.
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hz
Vielschichtig
Interpretation ***** / Klang *****
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Das Ensemble Modern und Wolfgang Rihm - diese Namen versprechen musikalische Hochspannung! Tatsächlich lebt das fortlaufende Stück - dessen 15 Takes eher thematisch anhand von "bars" (Takten) unterteilt sind - von schnellen, mitunter gehetzten Bewegungen, die die Instrumentengruppen triolisch durchlaufen. Wir haben es hier mit einer frischen, explosiven Mischung von kalkulierter, wenngleich überbordender Spiellaune zu tun. Und wenn uns in Takt 372 sogar romantische Melodiefetzen in seltsamer Schieflage anwehen, die zum sonstigen Klangeindruck absolut querstehen, mag man begreifen, wie vielschichtig das Werk gedacht ist. Es ist eine Musik, die einen nicht in Ruhe lässt.
Tilman Urbach
Jagden und Formen
Zunächst glaubt man, bei einem amerikanischen Minimalisten angekommen zu sein: Streicher schnurren repetierte Patterns ab. Weitere Linien treten hinzu. Doch bald verzweigen sich die Stimmen weiter, das Ganze wird immer komplexer.
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Polystilistiker Wolfgang Rihm ist auch an seinem 50. Geburtstag für Ã?berraschungen gut. Mit "Jagden und Formen" präsentiert er ein ungeheuer energiegeladenenes, dynamisches Stück, dem nicht zu entkommen ist. Die Sogwirkung der Musik setzt schon nach kurzer Zeit ein.
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Mustergültig ist die Aufnahme mit dem Ensemble Modern unter der Leitung der Dirigentin Dominique My ausgefallen. Das verwundert nicht, begleiten die Frankfurter Spezialisten für Neue Musik doch seit Jahren die Entwicklungen von Wolfgang Rihm. Insofern ist es ein Idealfall, wenn solche Musikerinnen das Produkt einer Work in Progress wie "Jagden und Formen" einspielen. Die Formation erweist sich erneut als Summe profilierter SolistInnen. Dementsprechend sind die einzelnen Stimmen scharf konturiert und schaffen es gleichzeitig, ein organisches, packendes Klanggebilde zu entwickeln.
Eckhard Weber
Ungebändigt
Gut eine Stunde lang toben Wolfgang Rihms "Jagden und Formen" dahin. Und immer, wenn der Hörer denkt, dass dem gerade fünfzig Jahre alt gewordenen Komponisten nun endlich doch einmal die Luft ausgehen müsste, dann setzt Rihm, nach nur einer kurzen Reflexion oder einer allzu kurzen Atempause, schon wieder an zum Losstürmen, Jubeln, die Welt aufrühren, das Lied der Freiheit singen. Das Ensemblestück §Jagden und Formen" gehört zu den unmittelbar faszinierenden Stücken des Komponisten, es ist zugleich eine seiner besten Arbeiten. Wer noch immer glaubt, dass die Musikgeschichte mit Brahms und Puccini endet, der trifft hier auf eine völlig ungebändigte Musik, die direkt aus dem Bauch der Erde durch einen größer und größer werdenden Vulkan ins Weltall geschleudert wird. Treibende Rhythmen, harmonisch dunkel getönt, peitschen immer wieder ein. Dirigentin Dominique My ist vom gleichen Feuer wie der Komponist besessen. So führt sie das Ensemble Modern gerade noch heil und in allen Stimmen triumphierend durch diese atemlos halsbrecherische Mänadenjagd.
RJB
Die wilde Hatz eines Unruhegeistes
Wolfgang Rihm und sein rasendes Orchesterstück "Jagden und Formen"
Gerade ist eine Aufnahme mit dem in den letzten Jahren entstandenen Stückkomplex Jagden und Formen (virtuos und präzise gespielt vom Ensemble Modern unter der Dirigentin Dominique My) erschienen, in dem man hörend nachvollziehen kann, was passiert, wenn Rihm das Gaspedal richtig durchdrückt. Dann jagen die gezackten Motivlinien im durchbrochenen polyphonen Satz vorüber wie Strommasten und Sonnenlichtblitze beim Blick aus dem Fenster während einer rasend schnellen Zugfahrt. Immerzu wechseln die (instrumentalen) Farben. Jeder Akkord scheint einen neuen Bewegungsimpuls auszulösen. Die wenigen Unterbrechungen im motorischen Fluss - in Form verschleifter Klangflächen - wirken nicht wie Ruhepunkte, sondern wie eine andere Ausprägung von Rasanz, ähnlich dem optischen Täuschungseffekt, wenn sich die Speichen von schnell drehenden Rädern plötzlich langsam rückwärts zu bewegen scheinen.
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Schon nach wenigen Hörminuten in Jagden und Formen hat man das Gefühl, dass sich solche rastlose Getriebenheit unmöglich über die ganze Aufführungsdauer von 50 Minuten durchhalten lässt. Aber die wilde Hatz geht immer weiter. Was treibt Rihm an? Wo eilt er hin?
Claus Spahn
Ereignisstrudel galore
Das Stück knattert durch, sagt Wolfgang Rihm über seine im November 2001 in Basel uraufgeführte Komposition "Jagden und Formen". Zu Rihms 50. Geburtstag am 13. März erschien nun eine endgültige Fassung in der Einspielung des durch seine Interpretationen zeitgenössischer Musik immens einflussreichen Ensemble Modern. [...]
"Bewegen und bewegt sein", kommentiert Rihm fast cool, der das Ensemble Modern mit dieser Komposition durch seine Vorstellung von Neuer Musik treibt. [...] An Pause und Stille nicht zu denken - es knattert wild und exakt.
Hetzjagden und Frühlingsgefühle
Rihm atemlos
Aufgenommen hat das Geburtstagsgeschenk das Ensemble Modern unter seiner Dirigentin Dominique My, und was die Neue-Musik-Spezialisten eine runde Stunde lang hören lassen, ist mit dem Begriff "atemberaubend" trefflich beschrieben. In exzellenter Klangqualität und hochvirtuos setzt das Ensemble Modern die komplexe Triolenhetzjagd um. In liegenden Akkorden, in schwelgenden Tristan-Anklängen gewährt Rihm kurze Verschnaufpausen, dann zieht er Musiker und Hörer wieder hinein in den wirbelnden Strudel der Ereignisse - frei nach Rihms Beschreibung: "Das Stück knattert durch."
Ralf Döring
Jagden und Formen / Wolfgang Rihm
Wolfgang Rihms (50) neue Komposition "Jadgen und Formen" verlangt Aufmerksamkeit.
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Zeit muss er sich nehmen, mehrmals eine Stunde für den "Ereignisstrudel über hart geschnittenen hohen Geschwindigkeiten" (Rihm über sein Werk) frei machen, um zu entdecken, was hier klingt, mit den Mustern von Ton, Raum und Zeit geschieht. Lässt er sich ein auf die Erfahrung neuer Musik, gewinnt er mit jedem weiteren Hören neue Erfahrungen und Empfindungen hinzu. [...] Als Ziel seiner Komposition nennt er "bewegen und bewegt sein" - und genau das tut seine Musik.
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FAZIT: Eine Offenbarung für ernsthafte und hartnäckige Hörer.
Klaus Andriessen
Wolfgang Rihm: Jagden und Formen
"In music, we never say the same thing twice, because the saying is also the thing". Stravinsky's profound observation could be said to be at the heart of Wolfgang Rihm's recent cycle of works in which the pursuit of form becomes the form itself. The present work, premiered in Berlin in November 2001, takes elements of its predecessors, Gedrängte Form, Gejagte Form and Verborgene Formen [...], and quite audibly takes them on a fresh journey whose destination is only discovered when it is reached. And what an astonishing journey it is.
Jagden und Formen is set in motion by the arresting sound of two blurred, overlapping violins engaged in a kind of dislocated folk-fiddling. What follows over the next 50 minutes is an unstoppable torrent of forward motion which practically never lets up (Colin Matthews's Suns Dance and Broken Symmetry explore similar terrain) and which pulls the listener unresistingly in its wake. The work is a species of toccata which propels a fractured, spluttering line through a bewildering variety of incident, all the while maintaining a level of manic activity that beggars belief. Even 'contrasting episodes' such as the one early on led by the cor anglais convey the impression that the torrent has merely gone underground momentarily, only to burst to the surface again with renewed energy.
The only point at which the whirligig is stilled comes after about fifteen minutes, when pools of silence shockingly flood in, in a manner similar in effect to the end of Stravinsky's Les Noces. The opening violin motif reappears on other instruments at several critical points and heralds a sequence of illusory climaxes toward the end of the work, the last of which - a breathtaking passage of blazing brass underpinned by wild drumming - evaporates into a surreal final gesture which is nevertheless deeply satisfying. The exhausted listener can now look back and see the work's form as the by-product sediment of the journey it undertook.
Rihm's ultimate achievement in Jagden und Formen is to marshal what could have been a disparate profusion of material into a single urgent trajectory. In so doing, he has produced a blistering but also accessible experience which is mandatory listening to anyone looking for the cutting edge of contemporary musical thought. The unflagging commitment and virtuosity of Ensemble Modern under Dominique My is equal to the outrageous demands of Rihm's writing. The impact of the work is further enhanced by recorded sound of quite staggering clarity and immediacy, in which every strand of the music can be heard, even where Rihm's 'overpainting' technique is at its densest.
One could have wished for another work, but no one listening to this disc is likely to feel short-changed.
Steve Lomas
Compact choice: Wolfgang Rihm
This sensational performance by the Ensemble Modern [...] might make all the difference. They brought it to the Huddersfield Festival in November 2000, where it made an electrifying impression, and subsequently a Royal Philharmonic Society jury chose it as "the year's best composition for large ensemble". Now it's available to everybody.
The version of Jagden und Formen on this recording is slightly different: Rihm has gone on trimming a bit here, adding a bridge-passage there. [...]
From the start, Jagden und Formen teems - seethes - with vivid musical ideas. You don't need to know anything about Rihm's other music: what you hear is immediately striking and cogent, despite its constant, vertiginous wheeling and developing. [...]
Rihm writes superbly for his two-dozen-strong ensemble, sometimes in tight, pithy duets and trios, sometimes with the raw force of a whole orchestra.
The unbroken span of the score is 50 minutes long. It does have one traditional thread running through it: the galloping triplets, often in frank 6/8 time, which have been favoured for "hunt" music since the 19th century and before. Rihm gives them to staccato brass, quacking woodwinds, frantically sawing strings; when occasionally they risk becoming intolerable, the music goes into a brief suspension (dark, haunted sonorities), a re'culer pour mieux sauter before leaping forward again.
[...]
Utterly fascinating, in its relentless way; and brilliantly delivered by Dominique My and the Ensemble Modern players, who have been working devotedly with the score in all its successive versions.
David Murray
Classical CD of the week: Quick thinking
Wolfgang Rihm's Jagden und Formen is a furious rush of musical ideas. But it makes for an exhilarating ride, says Andrew Clements
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This recording establishes the version that was performed in Basle last November as definitive, at least for the moment. The starting point for all of them was a series of three pieces from the mid 1990s, Gejagte Form (Hunted Form), Gedrangte Form (Harried Form) and Verborgene Formen (Hidden Forms). In this most recent manifestation, it is Gejagte Form that is the source of most the ideas and processes in this astonishingly well-sustained 50-minute continuous movement.
This source declares itself at five turning points in the piece, where there are direct allusions to Gejagte Form, but what will strike anyone hearing Jagden und Formen for the first time is the natural flow of the invention, the way in which everything seems to grow organically out of the opening bars. A pair of violins move in and out of phase and gradually introduce the rest of the ensemble, a line-up that is dominated by woodwind and brass, though there are also harp, guitar and piano as well as a string quintet.
The pace is frantic - there are moments when ideas seem to tumble over one another, as if Rihm can scarcely find the musical space to accommodate the richness of his invention - and the instrumental writing astonishingly challenging. Every so often, though, the onward rush is halted and the music pauses for breath; pools of delicate, gentle lyricism appear, only to be swept away as the pace quickens once again.
Through all of this the sense of an over-arching shape, of a profound musical architecture, is always there. The ending, when it comes, seems at the same time unexpected and satisfyingly inevitable. Rihm has produced a number of remarkable works, but Jagden und Formen is one of the very finest, and the performance by Ensemble Modern, conducted by Dominique My, does it justice in a quite outstanding way.
Andrew Clements
© Ensemble Modern