Von wegen harmlos
Ensemble Modern mit Steve Reich
Zu Recht hat diese CD ihren Platz in der aktuellen Bestenliste der Deutschen Schallplattenkritik erhalten. Mit der Sichtweise des Ensemble Modern (Leitung: Peter Rundel und Bradley Lubman) auf vier Steve-Reich-Stücke, deren Entstehungszeitraum sich auf fast drei Jahrzehnte erstreckt, erhält die alte Liebe zu Puls und Pattern neuen Auftrieb. Steve Reich - ein Minimalist? Aber sicher doch. Wenn ein so glasklar konstruiertes Stück wie "Violin Phase" (1967) nicht dem Minimalismus zuzuschlagen wäre, welches dann? Und das Ensemble Modern zeigt, dass daran nichts Anrüchiges ist. Mochte man bislang annehmen, dass ausgerechnet "City Life" (1995), Reichs Hommage an die Hektik New Yorks, ein wenig an Altersmilde leidet und außerdem lediglich mit den Mitteln des Samplers wiederholt, was der Komponist zuvor in "Different Trains" und viel früher in Tonbandstücken wie "Come Out" erprobt hatte, geht das Ensemble Modern mit einer Vitalität an diese Musik, die ihr jegliche Harmlosigkeit nimmt.
Und Ã?hnliches gilt auch für die beiden übrigen Stücke dieser CD, "New York Counterpoint" (1985), wo zehn Klarinettenstimmen übereinander geschichtet werden, und "Eight Lines" (1979/83) für Ensemble. Im Vergleich zu den gängigen älteren Einspielungen sind diese durchweg kraftvoller, härter konturiert, schärfer - und damit auch zeitgemäßer. Der psychedelisch harmonisierende Geist von Rileys "In C", der die älteren Aufnahmen noch zu durchwehen scheint, ist nun aufgegeben zugunsten einer nüchterneren, allerdings nicht weniger suggestiven Urbanität, die exakt den Nerv von Reichs Musik trifft.
Elisabeth Schwind
Ensemble Modern
Steve Reich: City Life u.a.
Mit dieser Neuveröffentlichung gibt eines der weltweit führenden Ensembles für Neue Musik einen vielseitigen Einblick in den Klangkosmos von Steve Reich.
The City never sleeps
Interpretation ***** / Klangqualität **** / Repertoirewert ***
Die Werke der vorliegenden Aufnahme werfen ein Licht auf viele Facetten von Reichs Schaffen, von den 60ern bis zu den 90ern. Dabei ist das Ensemble Modern ein hervorragender Interpret von Reichs Musik.
Für den Fan wie für den Nicht-Fan wird offensichtlich, dass die Musiker die nicht leichte Aufgabe bewältigen, Reichs Musik zu gestalten. Die patterns bleiben stabil in ihrer Wiederholung und werden doch nicht bloß kalt maschinenartig heruntergespielt. Allerdings lösen sich beim Hören die Grenzen zwischen ,lebendigem' Instrument und ,toter' Maschine auf, die Wahrnehmung wird zu Ungunsten der Instrumente betrogen. So einen ,Betrug' kann man in den 15 Minuten von ,Violin Phase' (1967) für vier Geigen erleben. Alle Parts werden von Jagdish Mistry gespielt, doch ist nur der vierte live aufgenommen, die übrigen kommen vom Band. Reich arbeitet mit ,Phasing', einer Methode, bei der die einzelnen Stimmen gegeneinander phasenverschoben werden. Durch diese Kombinatorik entstehen neue hörbare Motive. Die Klangfarbe als Gestaltungskriterium ist absolut zweitrangig. Einen Schritt weg vom rein Strukturellen geht ,New York Counterpoint' für 12 Klarinetten (1985). Auch hier ist nur ein Solist am Werk, Roland Diry, welcher 11 Stimmen auf Band gespielt hat; bei der Orientierungslosigkeit im rhythmisch hochkomplexen Stimmenwirrwarr eine unglaubliche Leistung. Das Phasing ist zu Gunsten einer Art Kanontechnik, die die Stimmen nacheinander zusammenfügt, aufgegeben worden. Die vielen Klangfarben entstehen weniger als bewusst erzeugter Bestandteil der Musik, vielmehr immer noch als Produkt der rhythmischen Kombinationen. [...]
Im jüngsten Stück der Aufnahme ,City life' von 1995 (ein Portrait New Yorks) darf die Klangfarbe als entscheidend gelten. Verglichen mit den anderen Werken wirkt es lebendiger, abwechslungsreicher, trendiger. Das Ensemble Modern passt sich der pessimistischen Entwicklung der Musik an, beinahe aggressiv und schroff geht ihre Interpretation mit. [...]
Thomas Vitzthum
Applaus
Steve Reich
Das Ensemble Modern vereinigt auf dieser Aufnahme vier Werke des amerikanischen Komponisten, die zwischen 1977 und 1995 entstanden. Als das erste professionelle Solistenensemble für Neue Musik hat die Formation mit zahlreichen bedeutenden Komponisten der Gegenwart zusammengearbeitet und mit ihrer einzigartigen programmatischen Bandbreite internationale Reputation erworben.
Ensemble Modem: Steve Reich - City Life
So minimal, wie die Lexika es verbreiten, ist Steve Reichs Musik gar nicht: In seiner Suite "City Life" von 1995 etwa bündelt er verfremdete Straßengeräusche, Huptöne und vieles mehr zum kaleidoskopischen Klangbild einer Welt-Metropole. Auch die übrigen, oft hoch virtuosen Stücke sind Meditationen über die Mechanik heutigen Lebens, überzeugend präsentiert von den Experten des Ensemble Modern.
Johannes Saltzwedel
Steve Reich: "City Life"
Als das World Trade Center einem Attentat noch standhielt - jenem von 1993 -, da befand sich der Komponist Steve Reich mit einem Tonband in der Nähe. Er sammelte gerade akustische Spuren und O-Töne für sein Porträt der gigantischen Großstadt New York, und nun erlebte er das Präludium eines Infernos. Er hörte die Schreie der Feuerwehrmänner ("Heavy Smoke!") und beschloss, auf dieses Dokument in "City Life" nicht zu verzichten. Hier sind alle musikalischen Beschreibungen des Big Apple auf höchste Intensitätsstufe gehoben.
Es sind der Puls und die Ereignisdichte, die dieses Stück so erregend und auch bedrückend machen. Menschliche Mobilität mit Musik: zu Fuß durch Straßenschluchten, mit der Subway, im Taxi, unter Sirenen, ratternden Rhythmen und Klangfetzen. "City Life" ist der akustische Brennspiegel der gefräßigen und labilen Weltstadt.
Ein griesgrämiger Existenzialist ist er nicht: Seine "Eight Lines" (die Berarbeitung des Octet von 1979) sind an fröhlich zwirbelnder Munterkeit nicht zu überbieten.
Wolfram Goertz
Steve-Reich-Phase
Wer Kammermusik für Bläserensembles schon immer so unnötig fand wie Schmelzkäse und Fußgängerzonenskulpturen, sollte sich ein Werk anhören, das Steve Reich vor siebzehn Jahren für elf Klarinetten und Bassklarinetten komponierte und New York Counterpoint nannte. Es ist eine der anregendsten, intelligentesten und sogar erheiterndsten Arten von Musik, die sich denken lässt. Vielleicht auch deshalb (wir wollen nicht gleich alle Vorurteile fahren lassen), weil nur ein einziger Bläser gebraucht wird. Der allerdings elf Stimmen spielt, zehn davon auf Band.
Roland Diry vom Ensemble Modern hat sich perfekt geklont. In Gleichschritt und Staccato kommt uns ein Grüppchen dieser Rohrblasstimmen entgegen und spielt, lauter werdend, eine Folge gleicher Notenwerte, in der sich stufenweise ein Akkord aufbaut und wieder abbaut, während von weiter rechts schon die nächste Gruppe naht. [...]
Volker Hagedorn
Reich: Eight Lines; City Life; New York Counterpoint; Violin Phase: Ensemble Modern
*****
Ensemble Modern follows its outstanding version of Steve Reich's longest instrumental work, Music for 18 Musicians, with an equally accomplished clutch of his smaller-scale pieces. The collection ranges right across his career in a slightly haphazard but always intriguing way, for the stylistic journey that links the early Violin Phase (1967) with the mature masterpiece City Life (1995) has been both surefooted and eventful.
Though some important landmarks are inevitably omitted, the result is a potted history of minimalism in its purest and most musically acute form, for Reich has always had such a phenomenal ear for rhythmic subtlety and harmonic colouring that every step of his musical journey has been marked with distinction and discrimination.
Violin Phase (written for four violinists, but played on this disc by Jagdish Mistry with recordings of the other three parts) is characteristic of Reich's first acknowledged pieces in its exploration of the shifting patterns created from layered musical lines that gradually move out of step, generating melodic shapes that are very different from the originals; the result is rhythmically and harmonically complex but always precise.
How the music operates is obvious, even when the end product is much harder to pin down. By the time he wrote the octet Eight Lines (played here in its later expansion for chamber orchestra) at the end of the 1970s, however, Reich's music was far less process-based, far richer in its incidents and implications; a constant pulse is still the backbone of the construction, defined by a pair of rhythmically interlocking pianos, but it is overlaid with chordally based string passages and a repeated sinuous phrase from the wind.
It is not a major landmark in his development but still a finely honed example of what might be called his middle-period style, just as the throbbing 1985 New York Counterpoint for 12 clarinets (played by Roland Diry with multiple versions of himself on tape) harks back to the sound world of Music for 18 Musicians of a decade earlier.
City Life, though, presents another world altogether. Reich had first used pre-recorded tapes alongside live instruments in his string quartet Different Trains, and in this portrait of urban life extended the idea to a chamber orchestra, this time storing the sound bites on a pair of sampling keyboards.
The music grows organically out of these aural snapshots of real-life: the speech rhythms, the sounds of a pile-driver, a ship's bell or a car horn, are motives developed by the ensemble. The rhythmic energy is enormous and the collision of mechanical and musical sound exhilarating; the ending, in a sombre Stravinskian chorale, is darkly mysterious.
Hard-core Reich fans will already have recordings of all these works as part of the magnificent 10-disc survey of his achievement that was released by Nonesuch in 1997, but this is music that deserves and benefits from multiple interpretations. For those coming to Reich's music for the first time, it would provide an excellent introduction to one of the most remarkable musical achievements of our age.
Andrew Clements
© Ensemble Modern