10.02.2004, Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Prasselnder Monsunregen
Kratz die Hüllkurve: Ensemble Modern in der Alten Oper
Vier Schlegel, eine Handvoll Trommeln, ein kleiner Amboß, ein Holzblock: Ensemble-Modern-Mitglied Rainer Römer scherte sich beim "Bone Alphabet" für Schlagzeugsolo, 1991 von dem Engländer Brian Ferneyhough komponiert, wenig um traditionelle Vorgaben der Gattung, für die Varese und Stockhausen im vorigen Jahrhundert wegweisende Werke komponiert hatten. Dieser spieltechnisch und mental die Grenzen des Machbaren streifende Diskurs über Holz-, Fell- und Metallklänge floß Römer derart entspannt aus halber Körperdrehung und Handgelenk, daß man den Eindruck haben konnte, ein Jazz-Drummer schlage allein und zeitvergessen einen Beat, bevor gleich mit den Freunden die Post abgehe. Letztere ging beim Konzert im Mozart-Saal der Alten Oper tatsächlich ab, nämlich als Präfix von Modern. Allen drei Komponisten des Abends - neben Ferneyhough waren es der Waliser Richard Barrett und der Grazer Georg Friedrich Haas - war gemeinsam, daß sie, ohne Retroblick und Zitattechnik kompromißloser Materialerprobung (dazu gehört auch der Spieler selbst) verpflichtet, dennoch aber keine "Verweigerer" sind, eher Glücksspieler.
Urmusikantisch mit Lust am Klang und seiner Erzeugung entfachte Römer mit je zwei harten Schlegeln in den beiden Händen eine Quadrophonie, bei der die klassische vierstimmige Harmonielehre auf wenige Tonhöhen der Membrano- und Idiophone reduziert wurde. Der Halbkreis der Instrumente ersetzte den Quintenzirkel. Aus den schier endlos möglichen Schlagkombinationen, einem satt prasselnden Monsunregen, schälten sich immer neue Konstellationen bis hin zu opernhaften Tableaus dieses instrumentalen Theaters heraus - die Geburt des musikalischen Dramas aus dem Affekt.
Nicht minder haptisch, doppelbödig und spieltechnisch überbordend, strich der Geiger Jagdish Mistry Ferneyhoughs "Unsichtbare Farben" auf die imaginäre Leinwand. Das furiose Stück ist eine Hörfilmstudie über die Melodie an sich. Was sich auch immer in der Obertonregion des tatsächlich gestrichenen Klangs, den an dieser Stelle auch möglichen Flageoletts unter ständig wechselnden Vorschriften für Druck und Haltung des Bogens abspielte - Mistry verstand es, mit der entsprechend geforderten Feinmotorik einen weiten Bogen zurück zu Bartóks stilbildender "Melodia" für Solovioline zu spannen, mit innigster Empfindung aus dem Zirkusstück Musik werden zu lassen.
In Georg Friedrich Haas' Sextett für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Violine und Violoncello peitschten die Musiker förmlich die Noten aus der Partitur. Der Klang wurde ständig mit hohem Geräuschanteil aufgerauht - ein klangliches Reizklima, daß jeder ästhetischen Verschnupfung vorbeugt. Ohnehin wurde an diesem packenden Konzertabend der kleine Finger nur dann abgespreizt, wenn man hohe Lagen auf der Violine rasch erreichen wollte: Noch nie war der zeitgenössische Musikbegriff durchlässiger für alle Genres als heute.
Daher hätten Wolfgang Stryi (Baßklarinette), Dietmar Wiesner (Flöte) und Ueli Wiget (Klavier) mit "What remains" von Richard Barrett durchaus unter "The Tremoloes" mit einer zeitgenössischen Dekomposition des Hits "Silence is golden" firmieren können. Tatsächlich gab es in dem zum alles bestimmenden Kompositionsprinzip erhobenen Tremolo des Stücks ständige Stille-Einbrüche. Was hier vom Tremolo übrigblieb, ein entweder leises Zittern oder mächtiges Beben, endete nach einem "Swinging-Tremolo"-Wettstreit zwischen Wiesner und Stryi mit wechselstromartigen Donnerschlägen auf dem Klavier. Ein Konzert voller Naturereignisse und aberwitziger Transformationen. Der Mozart-Saal als Umspannwerk, ein großer Abend für die allesamt wunderbaren Solisten des Ensemble Modern.
(Achim Heidenreich)
09.02.2004, Wiesbadener Kurier
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Thema: Mikrointervalle
Ensemble Modern in der Alten Oper
Mikro-Intervalle waren ein Thema, das die drei Komponisten im jüngsten Konzert des Ensemble Modern im Mozart Saal der Alten Oper miteinander verband: Der "Klassiker" des Komplexismus Brian Ferneyhough benutzte sie in seinem Geigen-Solostück "Unsichtbare Farben", um die Melodilinien zu verkomplizieren [...] Dem Österreicher Georg Friedrich Haas dienen die Mikrointervalle dazu, Schwebungen zu erzeugen, die intensiver sind als die, die das temperierte System ermöglicht. In der ersten Komposition mit dem von Hölderlin inspirierten Titel "... aus freier Lust... verbunden" fächerten sich die Klänge von Kontrabass, Cello und Bratsche zu reichen Farbspielen auf. Noch faszinierender war Haas' Sextett für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Violine und Violoncello, in dem ein stehender Mollklang sich zu krümmen schien, als führe man mit dem Objektiv eines Mikroskops in ihn hinein. Das Vibrieren in den Obertonspektren war von prickelnd erotisierender Intensität - ein Beispiel dafür, wie neue Musik im alltäglichsten Sinne "schön" sein kann.
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(Doris Kösterke)
07.02.2004, Frankfurter Rundschau
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Ohne Double
Das Ensemble Modern spielt Haas, Barrett und Ferneyhough
Woran erkennt man nachts auf dem Opernplatz, wer beim Ensemble Modern im Mozartsaal den mikrotonalen Raffinessen von Georg Friedrich Haas und Richard Barrett sowie Brian Ferneyhoughs Vertracktheiten gelauscht hat [...] Die Mozartsaal-Besucher haben eindeutig die größeren Ohren. Denn diese Musik, die nun unter der Leitung von Erik Charles Nielsen in einer Art Zusammenfassung der letzten zehn Jahre des 20. Jahrhunderts erklang, macht mehr Arbeit. Auch den Hörenden.
Im Idealfall hat sie trotzdem die Energie einer Improvisation. Das wünscht sich Richard Barrett ganz explizit. Trotzdem ist dem 1959 geborenen Waliser die planvolle Verbindung aller Stimmen wichtig, erklärte er im einleitenden Gespräch mit den Ensemble-Modern-Musikern Dietmar Wiesner, Hermann Kretzschmar und Rainer Römer. Pingelig ist er, schreibt genau vor, damit seinen Stücken nichts passiert, lernt schon mal, sagen wir, Klarinette, um zu erkunden, was für Töne sich dem Instrument entlocken lassen. Diese Selbststudien waren sowohl Trawl (1995/7) für Flöte, Bassklarinette, Violine, Violoncello und Klavier als auch dem abschließenden Höhepunkt mit what remains (1990/1) für Flöte, Bassklarinette und Klavier deutlich anzumerken, einem eruptiven Stück voll extremer Dynamik, konstant zwischen Vehemenz und Vagheit oszillierend./Dazwischen buchstabierte Römer sieben fast unspielbar verflochtene Stimmen von Brian Ferneyhoughs Bone Alphabet (1991) für Schlagzeug solo so virtuos, dass man sich unwillkürlich nach mindestens einem geheimen Double umsah. J Strukturell spiegelte dieser Teil die Haas gewidmete erste Hälfte. Die begann mit dem Trio aus freier lust .. verbunden ... (1996), stellte Ferneyhoughs 1997/8 auf Anregung von Irvine Arditti komponiertes Violin-Solo Unsichtbare Farben in die Mitte (grandios: Jagdish Mistry) und schloss mit dem 1996 überarbeiteten Sextett für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Violine und Cello. Darin löste Haas die Klangfarben der Instrumente auf und kontrastierte genüsslich Tonales und Mikrotonales. [...]
(Annette Becker)
07.02.2004
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Der Klang der Knochen
Das Ensemble Modern, diesmal in kleinerer Formation, setzte in der Alten Oper auf Zwischentöne
Im Mozart-Saal hatte man es mit einer Fülle von Klangextravaganzen und Irritationen des Ohrs zu tun. Glaubt man einen Ton erfasst zu haben, färbt er sich unmerklich und übergangslos in einen anderen um, reibt sich am nächsten, schmiegt sich an den dritten, erinnert plötzlich an Vertrautes und entweicht dann doch unbestimmt. Dies war experimentelle Musik, die dem Ohr die Grenzen aufzeigt. Sie auszuführen, mit enorm geschärftem Sinn und großem "handwerklichen" Können, gelang dem Ensemble aufs Trefflichste. Der 1953 in Graz geborene Georg Friedrich Haas, in seinem Stück-Werk "... aus freier Lust .. .verbunden..." noch auf die Zufälligkeiten des Zusammenklangs angewiesen, schuf im "Sextett" eine Komposition von großer klanglicher Spannweite, in der sich die Instrumente auf Ausdrucksparallelen, ja Einklangversuche einigen. Richard Barrett (* 1959 in Wales) trennt in "Trawl" schon räumlich die Bläser von den Streichern, so dass Korrespondenzen und Reaktionen umso deutlicher werden. Sein "what remains", Teil einer Serie, versammelt Aufstand neben Ermattung, Aggression neben Ungreifbarem, so recht nach dem Temperament der drei Spieler. Am Spektakulärsten, weil eben zwei Solostücke: "Unsichtbare Farben" für Violine und "Bone Alphabet" für Schlagzeug - beide von dem 1943 in Coventry geborenen Brian Ferneyhough. Schier Unglaubliches leistete der Geiger Jagdish Mistry an feinsten Saitenschwingungen und Tonsignalen. Rainer Römer, langjähriger Schlagzeuger des Ensembles, machte sich mit einem praktikabel kleinen Arsenal von Schlaginstrumenten an die Klangvielfalt des "Knochenalphabets". Der junge Erik Charles Nielsen dirigierte kundig die größeren Ensembles.
(GN)
07.02.2004, Offenbach-Post
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Im Zwischenreich von Klang und Geräuschen
Ensemble Modern mit Musik der Wende zum 21. Jahrhundert
Ein Bild vom Stand der Kompositionskunst um die Wende zum 21. Jahrhundert, so etwa könnte man das Thema des Konzerts des Ensemble Modern in der Alten Oper Frankfurt umreißen, das den Komponisten Richard Barrett, Brian Ferneyhough und Georg Friedrich Haas gewidmet war, die ausgewählten kammermusikalischen Arbeiten stammen allesamt aus den 1990er Jahren.
Am Schluss standen Momente der Klanganarchie: "What remains" von dem in Berlin lebenden Engländer Richard Barrett ist ein Zeugnis der vermehrten Zuwendung dieses Komponisten zur improvisatorischen Musik. Ein Dialog der gleichberechtigten Stimmen von Flöte, Bassklarinette und Klavier, der in seiner furiosen Expressivität an den Free Jazz der 1960er Jahre erinnert. Am anderen Ende der Skala steht das vom famosen Jagdish Mistry gespielte Stück "Unsichtbare Farben" des zehn Jahre älteren Briten und Barrett-Lehrers Brian Ferneyhough. Obgleich aus disparatem Material zusammengesetzt und strukturell daher nicht vergleichbar, erinnert es von seiner auratischen Wirkung her an ein barockes oder klassisches Solostück. Die Anforderungen an den Instrumentalisten sind von enorm virtuoser Natur. Das gilt nicht minder für Ferneyhoughs zweites Stück, das effektvolle "Bone Alphabet" für Schlagzeug solo mit dem grandios spielenden Rainer Römer.
[...]
(Stefan Michalzik)
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