Nachwuchsforen
© Neue Zeitschrift für Musik
Dem Nachwuchs eine Chance geben
Das Nachwuchsforum den GNM aus der Sicht des Veranstalters
Die Gesellschaft für Neue Musik (GNM) sieht die Notwendigkeit, jüngeren Komponistinnen eine Starthilfe und ein Sprungbrett in die musikalische Öffentlichkeit zu bieten. Kompositionsstudierende haben in ihrer Hochschulausbildung über das Handwerkliche und die ästhetische Ausrichtung hinaus höchst selten echte Chancen zur Erprobung von originellen kompositorischen Ideen, insbesondere von solchen, die den Umgang mit größeren, professionellen Klangkörpern voraussetzen. Deswegen hat sich die GNM im Jahr 1996 den Ideen des damaligen Redakteurs für neue Musik am Deutschlandfunk Köln (heute DeutschlandRadio) und Herausgebers der Zeitschrift MusikTexte Reinhard Oehlschlägel angeschlossen und gemeinsam mit dem Ensemble Modern ein Nachwuchsforum geplant und durchgeführt, das so erfolgreich verlief, dass sie bis 2001 im Jahresrhythmus fünf weitere Nachwuchsforen abhielt.
Dabei hatte von Anfang an die Idee Pate gestanden, nicht nur den Nachwuchskomponistlnnen eine Möglichkeit zum Experimentieren zu bieten, sondern auch talentierte InstrumentalistInnen und SängerInnen hinzuzuziehen, die sich im Kontakt mit den Musikern und Dirigenten des Ensemble Modern profilieren und bei entsprechender Eignung auch auf längere Sicht mit dem Ensemble zusammenarbeiten konnten. Schließlich wurde auch der Nachwuchs bei den MusikwissenschaftlerInnen angesprochen, der bei entsprechender Qualifikation an den Workshops teilnehmen und seine Kenntnisse und Reflexionsfähigkeit auf dem Gebiet der neuen Musik weiterentwickeln konnte.
Im Zusammengehen mit dem Ensemble Modern hat sich die GNM erfolgreich um eine Finanzierung bemüht und in ihren Nachwuchsforen bisher insgesamt 55 Komponisten, 33 Interpreten und 31 Musikologen eine Plattform geboten TeilnehmerInnen siehe unten. Den Konzerten attestierte die Presse durchweg allerhöchstes Niveau und bestätigte, dass "die Vorlagen der jungen Komponisten mit höchstem interpretatorischem Einfühlungsvermögen und brillanter spieltechnischer Präzision "bewältigt" wurden. Alle Konzerte sind von öffentlich-rechtlichen Hörfunkanstalten gesendet worden, während die Referate und Vortragstexte in der Zeitschrift MusikTexte publiziert wurden. Darüber hinaus haben sich im Anschluss an die Nachwuchsforen den meisten der Komponisten, Interpreten und Musikwissenschaftler gute Möglichkeiten zur Fortsetzung dieser Zusammenarbeit in Form von Konzerten, Auftragserteilung und Rundfunksendungen aufgetan. Dass das Nachwuchsforum tatsächlich eine Lücke im Musikleben zu füllen vermag, bestätigen die Stellungnahmen der Teilnehmer.
Es ist nach sechs Jahren an der Zeit, Bilanz zu ziehen und der Öffentlichkeit in strenger Auswahl einige Ergebnisse zu präsentieren, wobei aus gutem Grund das Augenmerk schwerpunktmäßig auf den Sektor Komposition gerichtet wurde. Immer wieder waren die Komponisten bei den Ausschreibungen auf innovative Fragestellungen hingewiesen worden. So hieß es beispielsweise beim dritten Nachwuchsforum (1998) "Live & Elektronik", um möglichst zielgerichtet verschiedene Ansätze einer Begegnung zwischen elektronischer und instrumentaler Klangerzeugung ausprobieren und diskutieren zu können. Grenzbereiche zwischen Komposition und Improvisation wurden im Jahr 2000 ausgelotet, wohingegen es 2001 ästhetisches Neuland zu betreten galt. Gastreferenten, erfahrene Komponisten und Spitzenmusiker wurden regelmäßig zur schärferen Profilierung hinzugezogen und haben in Vorträgen, Workshops und Konzerten das von den Nachwuchskünstlern Geleistete kontrapunktisch überhöht und pointiert. Eine unabhängige Jury hat aus den Mitschnitten der Konzerte eine kleine Auswahl getroffen, die nunmehr im Sinn von Dokumentation auf Tonträgern veröffentlicht wird.
Die CD Nachwuchsforum versteht sich nicht als repräsentativ für das Gesamtprojekt, sondern lediglich für einen zentralen Teil desselben. Soviel indessen dürfte die vergleichsweise schmale Auswahl belegen, dass hier dank des großen Engagements aller Mitglieder des Ensemble Modern und der Projektleiter eine künstlerische Arbeit geleistet wurde, für die es anderweitig kaum Vergleichbares gibt. Nicht zuletzt ist hierfür auch das aufmerksame Tutoren- und Vorbereitungsteam verantwortlich, dem sich die GNM zu besonderem Dank verpflichtet weiß, weil es keine Chance zur angemessenen materiellen Vergütung gab.
Und eben dies ist der Stichpunkt für eine zentrale Frage, die über das Gelingen und die Zukunft des kulturpolitisch so vernünftigen und notwendigen Projekts den Ausschlag gibt: Wird es eine finanzielle Basis für weitere Nachwuchsforen geben? Wird sie ausreichen, dass wirklich effektiv gearbeitet werden kann, oder wird das Geld nur für Alibiveranstaltungen reichen? Die Erfahrungen der bisherigen sechs Foren haben gezeigt, dass Begeisterung und Zweckoptimismus zwar vieles ausgleichen können, wo es am Nötigsten mangelt, doch sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ressourcen an künstlerischem Potenzial noch längst nicht ausgenutzt wurden, die sich bei entsprechenden Geldmitteln und konzeptioneller Planung hätten mobilisieren lassen. Ungeachtet aller Dankesschuld, deren sich die GNM gegenüber den bisherigen Sponsoren gern und aus Überzeugung entledigt, und verbunden mit der Hoffnung, nicht als unbescheiden zu gelten, soll hier auf etwas hingewiesen werden: Der bisherige Erfolg sollte den für eine zukünftige Mittel vergäbe Verantwortlichen die Augen dafür öffnen, was hier durch Optimierung noch geleistet werden kann. Im Zusammengehen mit dem Ensemble Modern und auf der Grundlage einer finanziellen "Anschubförderung" hat die GNM ein Modell entwickelt, das nicht einfach fortgeschrieben werden sollte, sondern nunmehr durch inhaltliche Akzente und strukturelle Verbesserung beweisen muss, welche Chancen sich auf dem Gebiet der neuen Musik für den Nachwuchs auftun. Dass der Beweis für die Richtig- und Notwendigkeit einer solchen Idee überhaupt erbracht und solche Ideen entwickelt werden konnten, ist der Großzügigkeit aller bisherigen Sponsoren zu danken.
(Klaus Hinrich Stahmer)
Weitere Texte zum Nachwuchsforum:
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