Nachwuchsforen

© Neue Zeitschrift für Musik

Erfolgsmodell aus dem Dachjuchhe

Sechs Jahre Nachwuchsforum aus der Sicht des Kritikers

Zwischen alten Handelskontoren und neu angesiedelten Medienbetrieben, gewissermaßen ganz oben drauf, im letzten Stock einer ehemaligen Schuhfabrik ist sie angesiedelt - die neue Musik in Frankfurt am Main. Das Haus ist der Brain-Trust der klangproduzierenden Avantgarde, denn die Deutsche Ensemble Akademie mit ihren Klangkörpern Junge Deutsche Philharmonie und Ensemble Modern hat hier ihre Büros, Probenräume und eben m luftiger Höhe einen Aufführungssaal, der gerne dann für musikalische Veranstaltungen genutzt wird, wenn das Programm nicht zu den viel repräsentativeren Konzertsälen der Stadt passt. "Konzerte unterm Dach" nennen sich die Darbietungen und spielen sicherlich ungewollt, aber doch zutreffend mit dem Spitzweg-Idyll vom "Armen Poeten", der als "armer Neue-Musik-Komponist", ohne Anschluss ans pulsierende Leben draußen, im Dachjuchhe isoliert daliegt.
Hier hat von seinem erstmaligen Stattfinden 1996 bis heute das Nachwuchsforum der Gesellschaft für Neue Musik seinen passenden Ort gefunden, denn eben dieser Anschluss ans Leben aus luftiger Komponierhöhe herab ist eines der zentralen Motive des Forums: "Die jungen Komponisten, Interpreten und Musikologen haben unmittelbar nach ihrem Studium erst einmal Probleme, überhaupt Fuß zu fassen", hatte der rührige spiritus rector des Forums, Reinhard Oehlschlägel, im ersten Programmheft geschrieben.
Mit dem Platz unterm Dach ist aber nicht nur die pragmatische Problemzone der neuen Musik thematisiert, sondern zugleich auch bekundet, was man auf keinen Fall sein will: kein großmächtig-repräsentativer Neue-Musik-Parnass, wo die längst ausgeguckten Lorbeerträger glänzen sollen, aber auch keine langwährende Sommerakademie, in der die neuen Komponier-Rezepte ausgestellt werden. Klein und beweglich sollte das Förderprojekt schon sein, aber doch zugleich mit öffentlichkeitswirksamer Schlagkraft ausgestattet. Man konnte mit der Standortwahl der Rhein-Main-Metropole beiläufig auf all die Elemente zugreifen, die die kleinste Veranstaltung genauso notwendig braucht wie jeder der Festival-Kolosse: Ideal die Voraussetzungen von drei Tageszeitungen und ortsansässigem Sender als medialen Verstärkern, ideal auch das Ensemble Modern, mit dem man gleichsam als Hausensemble einen der besten Klangkörper der neuen Musik zur Verfügung hat. Also nicht die eingeflogenen Gastkonzerte mit Programm im Koffer, sondern die Produktion des Stücks am Probenort mit den Komponisten als Beteiligten von Anfang an.
Drei bis fünf Konzerte bietet die sich jetzt vom Forum zum Festival wandelnde Werkstatt, wo es nicht mehr um eine reiz- und störanfällige Auswahl- und Probenarbeit geht, in der aus den oft mehr als siebzig eingereichten Arbeiten die von Jahr zu Jahr neu bestimmten Juroren die etwa 15 aufführungsreifen Stücke ausgewählt haben. Jetzt ist die Stress- und Schockerfahrung des Probierens vorbei, wo manche Aufführungsschwäche des bis dato ja nur im Kopf oder auf dem Klavier gehörten Stücks offenbar geworden ist. All dies bleibt dem Besucher, der sich wegen der nachmittäglichen und abendlichen Aufführungen in der Schlussphase des einwöchigen Projekts auf den Weg in die Schwedlerstraße im Frankfurter Osthafengebiet macht, verborgen. Belohnt wird er in der Regel mit einem gut sortierten Gemisch an Komponiertem und Improvisiertem, frisch einstudiert und nicht selten hart erkämpft im Dialog zwischen Komponist und Interpreten. Nicht jeder Jahrgang eingereichter Arbeiten hat Gelegenheit geboten, den gesamten Darbietungsrahmen des Festivals mit interessanten Stücken zu füllen. Und nicht jede der jährlich wechselnden Auswahljurys (bestehend aus einem Komponisten, Musikologen und Musiker des Ensemble Modern) hat aus der zweifellos gewollten ästhetischen Differenz seiner Mitglieder Zündspannung zu erzeugen vermocht. In solchen Fällen jedoch, die bisher eher selten waren, war für das Veranstalterteam der negative Erkenntnisgewinn genauso groß wie für die Komponisten, die sich dabei ihrer eigenen Grenzen bewusst wurden.
Dass man sich in letzter Zeit immer öfter, und besonders bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik nach dem Kennenlernen neuer Werke dabei ertappt zu fragen, woher man diesen oder jenen Namen denn schon kenne, und dann beim Blättern in den grellgrünen Programmheften des Nachwuchsforums den Grund erfährt, ist als Erfolgskriterium sicherlich nicht zu unterschätzen. Wichtiger aber vielleicht ist noch, dass es großen Sinn macht, den Titel "Nachwuchsforum" als Kennzeichnung eines nachwachsenden Forumstyps zu begreifen: so klein, so effektiv, so beweglich, ohne viel Reibungsverlust, aber auch so ungewiss im Resultat - das Forum unterm Dach ist ein Nachwuchsmodell. Es müsste eigentlich sofort in Serie gehen.
(Bernhard Uske)

Weitere Texte zum Nachwuchsforum:

zurück