Berlin - Konzerthaus
Das Ensemble Modern im Berliner Konzerthaus
"Sie hat ihr Portemonnaie in der Hand, kramt mit den Fingern drin, [...] Ihre rechte Hand reicht ihm ein Geldstück hin. Sie hat einen unnatürlichen Ausdruck. Sein Zeigefinger lockt weiter. Sie schüttet ihm das ganze Portemonnaie in die Hand." In diesem Sinne hat das EM im Laufe seines 21jährigen Bestehens freilich einiges zur Weltharmonie beigesteuert, nicht nur musikalisch, nicht nur durch seine Internationalität - acht Nationen vereint das Ensemble unter seinen Mitgliedern und gibt rund 100 Konzerte jährlich von Japan bis Amerika, von Litauen bis Australien - , sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht: Das Jahr 1987 führt zu Mißtönen in der Welt der Neuen Musik, da die notwendige finanzielle Absicherung des EM, das bis heute rund 75 % seines Etats mit Honorareinnahmen decken muß, gefährdet ist. Innerhalb dieser Diskussion zeigt sich, daß das EM auch in der Berliner Kulturlandschaft bereits einen festen Platz eingenommen hat: Elmar Weingarten bekräftigt öffentlich den Kooperationswillen seitens der Festwochen, was schließlich in der Saison 1988/89 zu einer eigenen, allerdings auch eigen-finanzierten, Abonnementreihe im Kammermusiksaal der Philharmonie führte. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch Nele Hertling vom Hebbel-Theater, wo ab Anfang der 90er Jahre außergewöhnliche Musiktheaterproduktionen des Ensemble Modern - wie etwa Mauricio Kagels Variété, Steve Reichs Three Tales. A Video Opera. Act 1: Hindenburg oder Michael Jarrells Kassandra - entstanden. Die Aboreihe war aus mehreren Gründen bedeutend: Das EM war ab diesem Zeitpunkt innerhalb einer renommierten Institution pro Spielzeit mit fünf Konzerten freier Programmgestaltung in Berlin vertreten. Dies war besonders wichtig, obwohl oder gerade weil hier die Neue Musik eher stiefmütterlich behandelt wurde. "Es liegt auf der Hand: in einer großen Stadt wie Berlin bezweifeln, bemängeln, bekritteln viele Menschen vieles..." Berlin - gerade als Bewährugsprobe und Herausforderung für das in Frankfurt beheimate EM immer wieder eine Reise wert. Noch in diesem Jahr wies der kulturSpiegel anläßlich der 18. Musik-Biennale darauf hin, daß "Berlin kein Eldorado für Freunde moderner Musik" sei... Doch war und ist gerade die Musik-Biennale eine der bedeutenden Ausnahmen, innerhalb derer das Ensemble Modern einen sehr frühen und äußerst wichtigen Kontakt zum heutigen Konzerthaus knüpfen konnte. Ebenfalls 1987 spielte das EM als erstes "BRD-Ensemble" auf der 11. Musik-Biennale in Ostberlin. Unter der Leitung von Ingo Metzmacher erhielten die "Musiker des Ensembles Modern [...] den Kritikerpreis der Biennale für hervorragende Interpretationen". Besonders gelobt wurde die hörbare "Verantwortung gegenüber den Werken". Diese Verantwortung steht programmatisch vom ersten Konzert an für Arbeitsweise und Qualität des Ensemble Modern und verblüffte bereits beim Gründungskonzert am 30. Oktober 1980 im Sendesaal des Deutschlandfunks in Köln die Kritiker. Dieser Anspruch ist auch nach zwanzig Jahren nicht verloren gegangen. Dies liegt nicht zuletzt an der besonderen Organisationsstruktur des Ensemble Modern, das seit 1987 eine GbR ist, d.h. die Musiker sind Gesellschafter, ihnen gehört das "Unternehmen Ensemble Modern". Das bedeutet aber auch, daß sie gemeinsam das finanzielle Risiko tragen und eben auch die künstlerische Verantwortung. In enger Zusammenarbeit mit führenden Komponisten, darunter Karlheinz Stockhausen, Helmut Lachenmann, Wolfgang Rihm, Mark Anthony Turnage, George Benjamin, Peter Eötvös, Heiner Goebbels, Frank Zappa oder Steve Reich sowie mit vielen Nachwuchskomponisten aus aller Welt, erarbeiten die Musiker neue Werke. Doch es gibt keinen künstlerischen Leiter oder Chefdirigenten, sondern demokratisch und gemeinsam wird über Programmplanung, Dirigenten und eventuelle Gastsolisten entschieden. Hier bringt jeder Gesellschafter seine persönlichen Erfahrungen und Vorlieben ein, woraus die einzigartige und unverwechselbare programmatische Bandbreite resultiert. Dabei hat das Ensemble inzwischen ein weitgefächertes Netzwerk von Freunden und Beratern aufgebaut, mit denen es in ständigem Austausch steht, um neue spannende Projekte zu entwickeln. Dazu zählen Dirigenten, Regisseure, Videokünstler, Schauspieler und Veranstalter.
Dieses Arbeitsprinzip drückt sich auch im engen Kontakt zwischen Ensemble Modern und Konzerthaus Berlin aus. Nach 10 Jahren übernahm das Konzerthaus die in der Saison 1988/89 begonnene Abonnementreihe im Kammermusiksaal der Philharmonie als Veranstalter - und damit auch die treuen Fans. "Das Konzerthaus hat das EM in Berlin auf die Beine gestellt", bewertet Dietmar Wiesner, Flötist des EM, die für beide Partner relativ neue Situation. Seit der Spielzeit 1999/2000 ist das Ensemble hier mit drei großen Projekten pro Saison vertreten. In der kurzen Zeit wurden bereits vielfältigste Programme realisiert: Von der Dreigroschenoper über Klassiker der Moderne bis hin zum neuen Frank-Zappa-Programm Greggery Peccary & Other Persuasions. Mit Olivier Messiaens Des Canyon aux Etoiles feierte auch das Ensemble Modern Orchestra im Konzerthaus einen beeindruckenden Erfolg: "Die Interpretation [...] besaß unter der Leitung des ehemaligen Messiaen-Schülers George Benjamin eine solche Unbedingtheit und Präzision in der Klangvorstellung, dass sich eine eindringlichere Aufführung kaum denken lässt", urteilten die Berliner Seiten der FAZ. Und für die Zukunft suchen Konzerthaus und Ensemble Modern weiter gemeinsame Wege. Da sich das EM auf vielfache Weise im Bereich Nachwuchsförderung engagiert, lag es nah, daß es ab der Saison 2002/2003 einen Abend in der Jugendreihe gestalten wird. Doch schon zum ersten Abonnementkonzert im November 2001 stehen junge Komponisten auf dem Programm. Eine weitere Neuigkeit im April der nächsten Saison ist ein Konzert in der Reihe "Populär-elitär?" - Zwei Pole, zwischen denen das Ensemble Modern sich seit seiner Gründung erfolgreich und stilsicher bewegt hat. "Das war in Berlin in der zweiten Aprilwoche, als das Wetter schon manchmal frühlingsmäßig war und, wie die Presse einmütig feststellte, herrliches Osterwetter ins Freie lockte". Und wer weiß - vielleicht lockt ein Frühling in der Berliner Neuen-Musik-Landschaft manch einen Neugierigen anschließend ins Konzerthaus! |