Der ungarische Komponist und Dirigent Peter Eötvös, einer der gefragtesten Interpreten und Kenner der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts und mit dem Ensemble Modern seit den frühen 1980er Jahren freundschaftlich verbunden, ist bereits seit längerer Zeit mit dem Ensemble Modern und der Oper Frankfurt im Gespräch über eine gemeinsame Musiktheaterproduktion. Grundlegendes Element diese Produktion sollte gerade nach der Uraufführung das Kriterium einer leichten Transportfähigkeit zu Gastspielen sein. Als weitere künstlerische Partner konnten die Regisseurin Elisabeth Stöppler und der Bühnenbildner Hermann Feuchter gewonnen werden. Der gewählte Stoff „Der Goldene Drache“ von Roland Schimmelpfennig – einer der meistgespielten Dramatiker Deutschlands – gewann nach seiner Premiere am Burgtheater Wien 2009 den Mühlheimer Theaterpreis, wurde zum Theatertreffen 2010 eingeladen und bei der Kritikerumfrage von „Theater Heute“ zum Stück des Jahres gekürt.
Im Mittelpunkt steht das China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurant „Der Goldene Drache“. In der Küche des winzigen Restaurants leidet ein junger Chinese an furchtbaren Zahnschmerzen. Da er ohne Aufenthaltsgenehmigung im Land ist, kommt für ihn ein Arztbesuch nicht in Frage. Also greifen die anderen Köche zur Rohrzange und versuchen sich in der Kunst des Zähneziehens: Der junge Chinese verblutet, der herausgebrochene Schneidezahn landet im Wok, gerät in die Thai-Suppe und schließlich in den Mund einer wenig amüsierten Stewardess, Stammkundin im Schnellrestaurant, das die Anwohner der Umgebung mit seinen asiatischen Schnellgerichten auch als Take-Away zu versorgen weiß. Empört verlässt die Stewardess das Restaurant und wirft den Zahn in den Fluss, in dem sich zur gleichen Zeit der tote Chinese, eingewickelt in einen Drachenteppich, auf eine weite Reise begibt.
Immer wieder durchdrungen, geradezu zersetzt, wird dieser einfache Handlungsablauf von der Fabel von der fleißigen Ameise und der lustigen, aber faulen Grille. Die Grille sang den Sommer lang und kümmerte sich nicht um den drohenden Winter. Bei der fleißig vorsorgenden Ameise sucht sie Unterschlupf und muss als Gegenleistung Unterhaltung produzieren. Schimmelpfennig verschärft die moralische Tonart: Die Grille wird von der geschäftstüchtigen Ameise zur Prostitution gezwungen und von den anderen Ameisen missbraucht, ohne zu merken, dass längst Frühling ist.
„Roland Schimmelpfennig betrachtet die Verhältnisse im und um den Goldenen Drachen aus den verschiedensten Perspektiven. Jedes Verhaltensmuster bekommt durch einen Kunstgriff andere Färbungen, denn die Männer sollen hier von den Frauen, die Frauen von den Männern, die Jungen von den Alten und die Alten von den Jungen gespielt werden. Das Ergebnis ist poetisch, brutal, rätselhaft und berührend (www.theatertexte.de). Peter Eötvös wird diese ungewöhnliche Konstellation musikalisch in virtuoser Weise nutzen.
Peter Eötvös (*1944)
Der Goldene Drache
nach einem Libretto von Roland Schimmelpfennig
Komposition: Peter Eötvös
Libretto: Roland Schimmelpfennig (auf Grundlage des gleichnamigen Theaterstücks)
Regie: Elisabeth Stöppler
Bühnenbild: Hermann Feuchter
Musikalische Leitung: Peter Eötvös
Ein Kompositionsauftrag von Ensemble Modern und der Oper Frankfurt.
Uraufführung
29. Juni 2014, Frankfurt am Main, Bockenheimer Depot
6 weitere Aufführungen im Bockenheimer Depot zwischen dem 20. Juni und 12. Juli 214.
© Ensemble Modern