Inspirationen aus dem Pearl River Delta
[...] Fünf ästhetisch sehr unterschiedlich arbeitende Komponisten wurden 2008 und 2009 dazu eingeladen, jeweils einen Monat lang in Hongkong zu leben, um sich dem Wesen und Wandel des Pearl River Delta auszusetzen und ihn – ohne jegliche Vorgaben von Seiten der Auftraggeber – künstlerisch zu reflektieren. Das Ergebnis dieser Aufenthalte, erstmals am 9. Oktober 2009 vom Ensemble Modern unter Leitung von Johannes Kalitzke in Berlin präsentiert, war am Samstagabend im Alfried Krupp Saal der Essener Philharmonie zu hören und brachte [...] eine Reihe außerordentlich spannender »inspirations of China« zu Tage, hinter denen sich höchst unterschiedliche Reaktionen auf das ungewohnte Umfeld verbergen.
Das Ensemblestück 'Niemandsland' des Komponisten Johannes Schöllhorn (*1962), mit dem das Konzert eröffnet wurde, gleicht einem Panoramablick über die Stadt Hongkong, der in Einzeleindrücke aufgelöst wird und deren konkrete visuelle Kennzeichen in musikalische Strukturen transformiert. Gleichsam abstrahiert werden so die Erfahrungen klanglich vermittelt, in der Ferne gelegentlich noch an Elemente wie verspielte Bewegungen der Wellen oder gleichsam mechanische Klänge einer Fabrik erinnernd. Solche Bezüge machen die Musik für den Hörer zu einem stellenweise sehr suggestiven Gebilde – ein Umstand, dem die musikalische Umsetzung, von Kalitzke unter dem Primat einer plastischen Herausarbeitung verschiedener Schichten angelegt, sehr entgegenkam: Zart geformt erklangen die Bläserakkorde und Streichertremoli zu Beginn, präzise und hart waren die ineinander verzahnten rhythmischen Abläufe im späreren Verlauf zu vernehmen, leise und konzentriert gestalteten die Musiker den Schlussteil.
Wesentlich deutlicher auf die kulturellen Hintergründe ist die Auseinandersetzung der heute in Berlin lebenden, aber in Südkorea geborenen Essener Residency-Komponistin Unsuk Chin (*1961): Ihr Ensemblestück 'Gougalōn – Szenen aus einem Straßentheater' bedient sich, Erinnerungen an das Erlebnis von Theatertruppen aus der eigenen Kindheit einbeziehend, einerseits der Klangassoziationen an fernöstliche Musik, andererseits aber auch der Anklänge an die oft eher bescheidenen Fähigkeiten entsprechender Künstler, um vier imaginäre Theaterszenen zu entwerfen. Ergebnis ist eine bewusst mit Pathos aufgeladene Musik voller Hang zur Ironie, die den virtuosen Vortrag – etwa im eng verwobenen Spiel von Schlagzeug und präpariertem Klavier oder dem Ineinandergreifen der leicht gegeneinander verstimmten Streicher – auf vielerlei Weise herausfordert. Kalitzke setzte hier ganz auf Chins theatralische Übertreibungen und arbeitete besonders den damit verbundenen Reichtum an musikalischen Gesten heraus, so dass das Ensemblespiel tatsächlich zu fantastisch-grotesken Theaterszenen zu gerinnen schien.
Einen für den Konzertbesucher ungewöhnlichen, weil lediglich elektroakustisch über Lautsprecher zugespielten Beitrag steuerte der Komponist Heiner Goebbels (*1952) mit 'out of' bei. Grundlage des Werkes ist eine Klangaufzeichnung, die Goebbels während einer 20-minütigen Taxifahrt durch Hongkong gemacht hat. Sie wurde jedoch nachträglich durch die technischen Mittel des elektronischen Studios so gefiltert und klanglich verändert, dass sie als konkreter Hintergrund nicht mehr erkennbar, sondern höchstens an wenigen Stellen noch erahnbar ist. Das alltägliche Ereignis wird so durch gezielt gewählte Arbeitsprozesse überschrieben und in eine kluge klangliche Dramaturgie eingebettet, die sich ungewöhnlicher Hörsituationen wie etwa einem räumlich angeordneten rhythmischen Pulsieren oder auch assoziativer, an Naturklänge wie Vogelstimmen erinnernder Strukturen bedient, wodurch die resultierenden Klänge weit über ihre ursprüngliche Quellen hinaus weisen.
Das Ensemblestück '13 Factories' des Briten David Fennessy (*1976) eröffnete den zweiten Teil des Konzerts, indem es sich gedanklich auf den Kontrast zwischen der radikalen Industrialisierung im Pearl River Delta und dem alten Handwerk der Tweed-Herstellung in Großbritannien stützte. Auf der Folie des elektronisch zugespielten und fast während des gesamten Verlaufs präsenten Klappern eines Webstuhls und den damit kontrastierenden, von vier Musikern veränderten Rückkopplungsklängen vierer Lautsprecher entwirft der Komponist einen strengen, geradezu undramatischen Verlauf, der sich als Abfolge von Strophen und Refrain hören lässt. Faszinierend gerieten die irisierenden Farbveränderungen der immer wieder anders ausgearbeiteten, häufig akkordisch eingesetzten Ensembleklänge, die Kalitzke durch genaues Nachzeichnen der komplexen Klangbestandteile – zu ihnen gehörten auch von den Musikern gesungene Vokalklänge – in ständig sich ändernder Balance zu halten wusste.
Mit einem Film-Musik-Projekt, dessen in chinesischer Kalligraphie gehaltener Titel, so Kalitzke in seiner Einführung zum Konzert, für uns weder lesbar noch verständlich sei, setzte der Brite Benedict Mason (*1955) den Schlusspunkt hinter den abwechslungsreichen Abend. Der visuellen Montage heterogener Eindrücke aus dem Leben in Hongkong, in unterschiedlichem Grad von Verfremdung aneinandergefügt oder auch überlagert, entspricht auf musikalischer Ebene die Arbeit mit einer klanglichen Collagetechnik, die sich auch der Mitwirkung einer ganzen Reihe chinesischer Musikinstrumente versichert. Nicht nur die Einbeziehung der hierfür notwendigen, ungewohnten Instrumentaltechniken, sondern auch die schwierige Koordination von im Saal, auf der Bühne und teils auch außerhalb des Aufführungsraums positionierten Instrumentalisten mit den Filmbildern stellte eine Leistung dar, mit der das Ensemble zuletzt noch einmal ganz besonders beeindrucken konnte. [...]
Dr. Stefan Drees
Unerhörte Metropole
Wie klingt eigentlich Istanbul? Die Frage liegt im Trend, zumal in Essen. Außerdem bekundet sie Interesse an der anderen großen Kulturhauptstadt 2010. Nun formulierte sie das Ensemble Modern aus Frankfurt in der Essener Philharmonie – nicht originär als Teil von RUHR 2010, sondern als Teil des „Into“-Projekts, bei dem sich Komponisten die wirklich spannenden Kapitalen dieser Welt musikalisch erschließen: Johannesburg und Dubai, das südchinesische Pearl River Delta mit Metropolen wie Hongkong und Kanton und rund 45 Millionen Einwohnern sowie Istanbul. [...]
Als wollte er jeden Zweifel über die Sinnhaftigkeit dieses Unternehmens im Keim ersticken, wirft der 1955 in der Ukraine geborene Komponist Vladimir Tarnopolski seine Zuhörer mitten hinein in die Metropole zwischen den Welten: Grell, hysterisch, laut klingt sein Istanbul, mit Horn-Kaskaden wie Autohupen und wild expressiven Klarinettentrillern, die eine immer noch höhere Stufe der Hysterie erklimmen. Aber Tarnopolski hat in „Eastanbul“ auch die andere Seite komponiert: Nicht den Westen – den sollte die Komposition ursprünglich im Namen tragen –, sondern eine Welt aus duftigen Tonwolken, bestehend aus Klängen, die sanft, aber bestimmt ineinandergreifen.
Ähnliche Gegensätze findet Beat Furrer in seiner Komposition „XENOS“. Wo Tarnopolski jedoch das scheinbare Chaos [...] strukturiert, setzt Furrer kantige Klänge, denen Oboe und Klarinetten eisige Schärfe verleihen. Als kontrastierende Basis setzen Subkontrafagott und Posaune tiefe Orgelpunkte entgegen, was in der Gesamtheit die Musik auf ein für den stillen Meister Furrer ungewohntes Energielevel hebt. [...] Doch die Lautstärke nimmt ab, von der grellen, wohlproportionierten Pracht gleitet der Hörer in einen Klangraum von kontemplativer Innerlichkeit, mit luftigen Bläsergeräuschen, sachten Akkorden, einstimmigen Melodien von Klarinette und Bassklarinette, umgeben vom eisigen Hauch elektronisch erzeugter Klangnebel.
Noch einen Schritt weiter geht Mark Andre in „üg“ für Ensemble: Seine Komposition entzieht sich der konkreten Gestalt, verharrt auf einer flüsternden Vorstufe zu eigentlicher Musik, lässt Stimmen das Alphabet und Bibelverse flüstern und im Raum mäandern, entrückt die Stadt, die Tarnopolski so laut pulsieren ließ, in unwirkliche Transzendenz. [...]
Ein Kaleidoskop, vom Ensemble Modern eindringlich vor das musikalische Auge geführt, unter der umsichtigen und präzisen Leitung von Alejo Pérez. Der Argentinier präsentierte die Tableaux trenn- und tiefenscharf – und ludt sie mit Energie auf, die die vier Komponisten aus Istanbul mitgenommen haben, um sie in ihre Werke einfließen zu lassen.
Ralf Döring
Was mir das Pearl River Delta erzählt
Abschluss des „into“-Projekts
„Made in Hongkong“: Diese Herkunftsbezeichnung sagt nicht mehr allzu viel aus, seit die Metropole chinesische Sonderverwaltungszone ist. Ähnliches gilt für die fünf Kompositionen, die im Rahmen des „into“-Projekts von Siemens Arts Program und Ensemble Modern in Berlin und Frankfurt uraufgeführt wurden. So verschieden waren die musikalischen Annäherungen der aus dem Perlflussdelta Heimgekehrten.
Annäherungen? Drei Komponisten machten vielmehr eine innere Distanz zu den Orten zum Thema, in die sie – so die Idee von „into“ – kreativ hätten eintauchen sollen. Heiner Goebbels war in dieser Hinsicht am konsequentesten, nicht nur, weil er sein Stück in hübscher Umkehrung des Projekttitels „out of“ genannt hatte. Anstatt dem Ensemble Modern ein Werk auf den Leib zu schreiben, beschäftigte er lediglich deren Toningenieur Norbert Ommer, der zusammen mit Goebbels für die raumgerechte Realisierung des elektroakustischen Stücks verantwortlich war.
Goebbels holt in seinem Werk das nach, was er eigenen Angaben zufolge vor Ort nicht geschafft hat: aus der ohrenbetäubenden Fülle an akustischen Ereignissen eine Essenz herauszufiltern. Nicht viel mehr als den Mitschnitt einer 20-minütigen Taxifahrt brachte er mit nach Berlin, wo er ihn dann im Studio auf die Klänge hin absuchte, die er bei seinem Aufenthalt vergeblich aufzuspüren versucht hatte. Das Ergebnis ist bis auf kurze Sprachelemente aus dem Radio oder dem Taxifunk keine ortsgebundene „musique concrète“, sondern ein [...] akustischer Allgemeinplatz, dessen Puls sich zur Mitte hin zu einem ordentlichen Groove verdichtet, um sich dann wieder aufzulösen. [...]
Auch Johannes Schöllhorn tut nicht so, als könne er mit seiner Musik vorbehaltlos in die Megastadt eintauchen. Seinen Panoramablick über einen imaginären Tag in Hongkong hat er bezeichnenderweise „Niemandsland“ genannt, Bezug nehmend auf die Durchlässigkeit der Region für täglich Hunderttausende von Pendlern. Sein feinsinnig instrumentiertes, in den ineinandergreifenden Abschnitten sehr schön ausbalanciertes Stück bringt die durch Schlagwerk und Klaviere aufgetürmten Hochhausfassaden und die von zerbrechlichen Streicher- und Bläserklängen durchwehten Hinterhöfe in ein ständig sich veränderndes Verhältnis von Vorder- und Hintergrund. Der faszinierte Blick aus der Distanz, auf den er im Einführungsgespräch Wert legte, ist seiner Musik stets in angenehmer und anregender Weise anzuhören.
China, von den Hebriden aus betrachtet: Diesen ebenfalls nicht sonderlich zentralen Blickwinkel hatte sich der Ire David Fennessy ausgesucht. Das rhythmische Surren dortiger Webstühle untermalt in seinem Stück „13 Factories“ recht vordergündig eine Reflexion über die Schwierigkeit, in der Masse seine Stimme vor anderen abzuschirmen. Ähnlich den von Fennessy in seinem Begleittext beschriebenen Mobiltelefonierern im Zug hielten vier Musiker des Ensemble Modern sinustönende Lautsprecher in unterschiedlicher Abdämpfung ans Mikrophon, während andere bisweilen ihr Instrumentalspiel singend verstärkten. [...]
Von ihrem Aufenthalt unerwartet persönlich getroffen wurde die Koreanerin Unsuk Chin, die ihre dort ausgelösten Kindheitserinnerungen dann auch in einem sehr prallen, geistvoll unterhaltenden Stück namens „Gougalon“ verdichtete. Obwohl sie die Satztitel ihrer „Szenen aus dem Straßentheater“ laut Programmtext nicht illustrativ verstanden wissen wollte [...]. Wunderbar vor allem der leicht schwankende „Tanz vor den Baracken“, ein virtuos ineinander verzahntes Geflecht, klanglich beherrscht von den an asiatischem Streichinstrumentenklang orientierten Glissandi. [...]
Konkretes wollte auch Benedict Mason von seiner Reise zurückbringen. Da schien dem Komponisten, der sich auch als Filmemacher betätigt, das bewegte Bild am besten geeignet. So endete das erfrischend unverkrampfte, vom Ensemble Modern unter Johannes Kalitzke ausgezeichnet gespielte Konzert in der Alten Oper Frankfurt mit einem augenzwinkernden Bilderreigen aus Alltagsbeobachtungen, Momentaufnahmen und digitalen Verfremdungen. Die punktgenaue, auch vor sarkastischen Chinoiserien nicht zurückschreckende Filmmusik gibt dazu Kommentar und doppelten Boden. Für diesen etwas zu lang und eine Spur zu selbstgefällig geratenen Videoclip erntete Mason viel Applaus, aber auch das einzige Buh des Abends.
Juan Martin Koch
Rheingold in China
Das Ensemble Modern taucht "Into Pearl River Delta"
Die Überfülle des pulsierenden Leben in den Metropolen dieser Welt ist nicht prädestiniert, um Komponisten schöpferisch zu befruchten. Das Projekt, insgesamt 17 Tonschöpfer zu jeweils einer von vier ausgewählten Megastädten zu schicken, um dem Unverwechselbaren des Ortes Klänge zu finden, ist daher an sich eine Gratwanderung:Das zurückliegende Konzert: "Into Dubai" des Ensemble Modern hat dies eindrücklich gezeigt. Die fünf tönenden Antworten auf die Konfrontation mit dem chinesischen Pearl River Delta erklangen [...] und verdienten nicht zuletzt durch ihre Verschiedenartigkeit Interesse.
[...] So hatte Heiner Goebbels seine elektroakustische Klangkomposition "out of" im Nachhinein aus dem eher zufälligen, zunächst für unbeachtlich gehalten Mitschnitt einer Taxifahrt entwickelt. David Fennessy grundierte seine "13 factories" gar mit den Betriebsgeräuschen alter Webstühle seiner Heimat Schottland, was mehr an Wotans Abstieg zu den Niebelungen in Wagners "Rheingold" erinnerte als an eine chinesische Boomstadt. Benedict Mason präsentierte eine mit alerlei Spezialeffekten angereicherte filmische Collage, mit im Raum verteilten Musikern, als gewandte und humorvoll-geistreiche Kommentatoren. Das kam dem Anliegen, das Spezifische des Ortes abzubilden, schon näher. Einen vielschichtigen, zum Nachdenken anregenden Beitrag lieferte Johannes Schöllhorn mit "Niemandsland". Er stellte sich der komplexen Vitalität betriebssamer Menschenmassen, dem Monströsen einer in alle Richtungen ausgreifenden Architektur, suchte beides abzubilden und zugleich, die dahinter liegende Kehrseite hörbar zu machen. Der inhaltlich virtuoseste Zugriff auf dieThematik stammte aus der Feder der in Südkorea aufgewachsenen Unsuk Chin. Sie gab mit " Gougalon" vor, "Szenen aus einem Straßentheater" nachzugestalten, modellierte aus dem dezidiert artifiziellen Gegenstand ein Objekt der Indentifikation und setzte damit das Kopfkino in Gang. Das Ensemble Modern setzte unter Leitung von Johannes Kalitzke denk kompositorisch ausgearbeiteten Vergleich mitreißend um und zeigte auch bei den anderen Arbeiten ungeachtet der stetig wechselnden und vielfältigen Anforderungen eine durchgehende Präsenz und Frische.
Benedikt Stegemann
Noch nie gehörte Klänge
«Into Pearl River Delta»: Das Ensemble Modern hatte sich in der Alten Oper mit Kompositionsaufträgen in den Dienst des Buchmessen-Gastlands China gestellt.
Das Konzert übers Kanton-Delta begann mit einer Koreanerin, Unsuk Chin, die allerdings China-Erfahrungen gemacht hat. «Gougalon» – Szenen aus einem Straßentheater – entwickeln das, was den ganzen Abend ausgemacht hat: eine Fülle neuer Klänge, manche bis dahin noch nie gehört. [...] Johannes Schöllhorn aus Murnau hat für das «Niemandsland» zum Teil glockenhafte Klänge erdacht, aber auch solche, die gleiten, schrammen, quietschen. Es gibt Ansätze zu Melodien, aber dann peitschen wieder Klänge wie Schüsse – [...]
Heiner Goebbels arbeitet gerne mit der Elektro-Akustik und der wechselnden Rundumbeschallung; [...]. Benedict Mason hat eigentlich eine Filmmusik zu Bildern über China gemacht, gut und wohl charakteristisch. [...]
Schön ist die Idee von David Fenessy mit den «13 Factorys», deren Webstuhlgeräusche samt anderen Tönen – unter anderem mit zwei Klavieren (gute Aufgabe wieder für Kretzschmar/Wiget) – an die ganze nervtötende Brutalität solcher Arbeit erinnert. Kaum jemand anderes als das Ensemble Modern (wohl noch das «Intercontemporaine») kann solche Aufgaben bewältigen. Diesmal stand es unter der Leitung von Johannes Kalitzke.
GN
Im Fluss: Das Ensemble Modern im Konzerthaus
17 junge Komponisten hat das Siemens Art Program in den letzten Jahren damit beauftragt, klingende Landkarten der Mega-Städte dieser Welt zu erstellen. Die letzte Station, das südchinesische Pearl River Delta, zeigt sich da besonders ergiebig: Fünf Uraufführungen im Konzerthaus, lebendig und engagiert interpretiert vom Ensemble Modern unter Johannes Kalitzke, spiegeln die kulturelle Vielfalt des riesigen industriellen Ballungsraums, zu dem Städte wie Hongkong oder Macao gehören. Nur im Schutzraum eines Taxis kann Heiner Goebbels den Lärm und das Menschengewusel ertragen. Entgegen dem Projektnamen „...into...“ heißt seine elektronische Komposition „out of“, [...].
„Into“ stürzt sich der Ire David Fennessy, der in „13 Factories“ mit feinen Abstimmungen von Instrumentalklang und Elektronik die Poesie des Stimmengewirrs in der U-Bahn einfängt. Johannes Schöllhorn bezeichnet mit klanggewaltigen, scharf abgesetzten Akkordschlägen ein „Niemandsland“; Benedikt Mason widmet sich mit kauzigen Flageoletts zu Bildern etwa eines überdimensionalen Chinakohls oder kleiner roter Heuschrecken eher humoristischen Aspekten. Eine Sonderstellung nimmt Unsuk Chin ein: „Gougalön“ heißt ihr instrumentales Theater, das mit reichem Schlagwerk und schräg- süßer Melodik das Bild eines Markt- und Spelunkenmilieus zeichnet, das es in ihrer koreanischen Heimat schon nicht mehr gibt.
Isabel Herzfeld
Maxi Sickert
Von Ochsen und Fischen
Kulturveranstaltungen rund um Chinas Buchmessenauftritt
[...] Beginnt das von chinesischer Seite organisierte Ehrengastprogramm am 13. Oktober mit einem konzert in der Alten Oper, bringt das Ensemble Modern am selber Ort schon 3 Tage zuvor zeitgenössische Musik zu Gehör. Gedacht ist sie als Annäherung an das Leben im Perlenflussdelta, einem der Kerngebiete von Chinas wirtschaftlichem Aufstieg. [...]
Florian Balke
Wüstenstille und Ländlerluft
Das Ensemble Modern mit „into Dubai“
[...]
„Dubai“ ist die bisher eindrucksstärkste Kompositionsstation des „Into...“-Projekts von Siemens Art Program und Goethe-Institut. Die Stadt scheint zugleich Klarheit und Widersprüchlichkeit zu provozieren, wie keine sonst [...].
Hans-Jürgen Linke
Dubairische Tänze
Siemens Arts Program: Komponisten reisen, das Ensemble Modern spielt
Vielleicht sind all die Vorstellungen von einem besonderen Dialog der Kulturen zu einem guten Teil nur Erfindungen von Menschen, die das Maß an Fremdem innerhalb ihrer eigenen Kultur gar nicht recht wahrnehmen. Jedes Konzert beispielsweise grenzt sich in der Regel durch einen Raum nicht nur gegen Autos oder Telefoniererei ab, sondern auch gegen andere Räume mit anderen musikalischen Ideen und Werten.
Es gibt Parallelwelten, die sich überschneiden können oder sogar durchlässig sein können, oder eben nicht, aber das ist prinzipiell nicht nur eine Frage von, sagen wir, vorgegebenen nationalen oder religiösen Kategorien. Insofern ist der Dialog zwischen den Kulturen auch nur eine Variante des Dialogs zwischen den Subkulturen bis in die feinsten Verästelungen des Individuellen hinein. Ob das eine oder andere gesucht wird oder nicht, das ist wiederum eine Frage, die oft weniger mit im engeren Sinne kulturellen als vielmehr mit gesellschaftlichen Interessen zu tun hat.
Es kommt also auf das Individuum an. Aber warum nur lässt sich ein Komponist nach Dubai verschicken? [...] Jörg Widmann [...]. Seine kunstvoll Heimatliches parodierenden „Dubairischen Tänze“ wirken am Mittwoch im Konzerthaus wie eine zu komischer Verzweiflung gesteigerte krachende Abwehr jeder verordneten Interkulturalität, sind aber eben dennoch eine hintersinnige und tiefgehende Analyse der nahen Fremde in der eigenen Kultur.
Die drei anderen Teilnehmer des Projekts „into Dubai“, die einen Monat dort verbrachten, ließen sich in einer Art aufgeklärtem Exotismus durchaus auf das Erlebnis der Reise und der Fremdheit ein, wenngleich vergeblich hoffte, wer erwartete, etwas Spezifisches zu jenem künstlichen Paradies am Golf, seiner sozialen, urbanen oder musikalischen Prägung zu erfahren. Dies gelang am ehesten noch Vykintas Baltakas, der seinen „Lift to Dubai“ mit einem lakonischen Zweizeiler kommentiert: „Ich war in Dubai. / Und ich hatte ein Mikrophon“. Das Ankommen und der Übertritt in eine andere Welt werden durchaus illustrativ in Stimmen und Geräuschen des Flughafens und der Straße thematisiert, [...].
Markus Hechtle entwickelt die Situation einer unheimlichen Einkreisung durch fremde Blicke, die im Klicken von steinernen Klangstäben zunächst wie zufällig hin und her wandern, und erst in dem lange hinausgezögerten Moment der ersten Setzung eines Tones plötzlich wirklich zu kommunizieren beginnen, um sich dann in einen tragischen Widerstand hineinzusteigern.
Bei Márton Illés schließlich erscheint das Fremde, die Gebetsrufe, als natürliche Bereicherung seines ganz persönlichen Stil einer geräuschhaften, mehrschichtigen Linearität. „....Körök“ darf als das Überzeugendste der in Berlin uraufgeführten Werke gelten.
Martin Wilkening
Im Übermorgenland: „Into Dubai“ mit dem Ensemble Modern
[...]
Unter den vier Uraufführungen trifft Márton Illés am ehesten den Ton mitreißender, zugleich erschöpfender Energie und betreibt behutsame Freilegung iner fremden Kultur: Seine „Scène polidimensional. XVI“ wählt Körök (ungarisch: Kreise) als Zentralfigur, schießt immer wieder feurige Kreisel von Streicher-, Bläser, oder Klaviertönen ab, die manchmal auch zischend in die Erde fahren und dort in Leuchtpunkte zerbröckeln. Über zarten Haltetönen nehmen sie zum Schluss die Gestalt „orientalisch“ anmutender Girlanden an.
[...]
Isabel Herzfeld
Metallische Untergründe
Nach Johannesburg! Der Reiz des "Into..."-Projekts, dessen zweiten Teil das Ensemble Modern jetzt präsentierte, besteht darin, der Musik einen räumlichen und zeitlichen Entstehungs-Kontext zu geben, die verschiedenen Stücke damit vergleichbar zu machen und mit impliziten zusätzlichen Informationen über künstlerischen Stoffwechsel und persönliche Handschriften der Komponisten anzureichern.
Die Anordnung im Konzert gruppiert die Stücke nach dem Abstraktionsgrad in bezug auf das material. "Rumori da monumenti" von Lucia Ronchetti am Anfang springt mit eingespielten Textpassagen aus Ivan Vladislavic' Johannesburg-Buch "Portrait with Keys" mitten hinein in eine konkrete Stadt, und die Musik reagiert auf den Text bilderreich, untermalend, überlagernd, zurückweichend und mit der Plastizität von Filmmusik. Der Gleichzeitigkeit sinnlicher Wahrnehmung setzt sie eine literarische Ordnung entgegen, die Synchronität des heranstürmenden Materials ist gemäßigt durch prägnante Farbgestaltung und variierende Kompaktheit der Klangbilder.
Luke Bedfords kompositorischer Ansatz ist eher historisch akzentuiert. Er blickt nicht auf vieldeutige Oberflächen, sondern entdeckt darunter einen gemeinsamen Materialtypus: Metall. Von einem verlassenen Autokino auf einer Abraumhalde im Süden Johannesburgs blickt er auf das Stadtzentrum (im Norden), auf Soweto (im Westen) und die heruntergekommene nahe Umgebung und entdeckt das unterirdische Gold, das die Geschichte der Stadt geschaffen und geprägt hat: eine Geschichte von tödlicher Arbeit und tödlicher Gewalt. [...]
Der Norweger Lars Petter Hagen, Komponist der "Johannesburg Hymns", lässt noch am ehesten einen Nationalstil erkennen: So verbotsschildfrei mit Naturtonskalen und folkloristischen Verweisen zu arbeiten, trauen sich in Europa zurzeit wohl nur Norweger. Seine Musik bildet einen vielgliedrigen Klangstrom, der sich auf das äußerst einfache Blasinstrument Vuvuzela stützt. Es wird heute aus Plastik gefertigt und als Anfeuerungsinstrument in Fußballstadien verwandt, geht aber auf die alte Tradition zurück, Versammlungen mit dem Kuduhorn einzuberufen. Hagen entkommt den Fallen ironisch verbogener Folklore durch einen langen Brief an sein Frankfurter Publikum, den Jagdish Mistry, Geiger des Ensemble Modern, liest. Er skizziert darin sympathisch humorvoll und subjektiv den Horizont seiner Musik, [...]. So entsteht aus vergleichsweise konventionellen Elementen eine komplexe Komposition mit ausgeprägter formaler Freiheit.
Jörg Birkenkötters vierteilige Komposition "with keys" steckt randvoll mit Anspielungen und Verweisen, aber sie ist von dem Grundsatz geprägt, dass all das nur in verarbeiteter Form in Musik auftauchen dürfe. Seine "keys", die auf Vladislavic' Johannesburg-Buch weisen, sind zwei Klaviere (Ueli Wiget, Hermann Kretzschmar). Zwischen der Wahrnehmung von Umgebung und der Verarbeitung in Klangbildern liegt ein langer Übersetzungsweg, in dem sich die Dinge vermischen, konkretisieren oder ent-konkretisieren und neu zusammensetzen. So wirkt sein Stück im Kontext des Johannesburg-Abends wie eine Verteidigung der Autonomie der Musik gegenüber dem Überborden der Wirklichkeit. Birkenkötter präsentiert nicht Materialien, sondern Resultate künstlerischer Verarbeitung. Er nimmt eine Position aus der Ferne ein, aber es ist keine Ferne, in die er geflohen ist, sondern die er erarbeitet hat.
An der Arbeit der Dirigentin Sian Edwards ist die Wachheit hervorzuheben, mit der sie die Musik belebt, und die Souveränität, mit der sie ohne Selbstinszenierungsgestik auf Augenhöhe mit den Musikern des Ensemble Modern agiert - als wäre Dirigentenarbeit Ausdruck einer utopischen Volonté générale, die die Verschiedenheit musikalischer Handschriften auskostet. Damit die Hörer die Briefe nicht als einheitliche Deklamation verstehen, obwohl sie vom gleichen Ort abgesandt wurden.
Hans-Jürgen Linke
Suche nach dem inneren Südafrika
"Into Johannesburg": Vier Uraufführungen beim Ensemble Modern in der Frankfurter Alten Oper suchten nach fremder Musik ohne Folklorismus.
Dass Kunst meist auch multikulturell ist, passte nicht ins nationalistische Credo der Vergangenheit. Aber genau so, wie nordische Maler im südlichen Licht gerade nicht die Farbe, sondern das Zeichnen, die Linie entdeckten, so fanden manche Musiker nicht nur zur naiven Sinnlichkeit, sondern radikalisierten sich experimentell. Das Fremde ist der Katalysator des Eigenen - vorausgesetzt, man will es nicht nur bei Exotismus, Folklore-Zitat oder tönender Postkartenfotografie belassen.
[...] Eindrücke aus dem Erdteil, den man einmal die Dritte Welt nannte, in die Sphäre westlicher Avantgarde zu transformieren war das Prinzip; wobei es allerdings ein Tabu zu geben schien: Unmittelbare Kopien ethnischer Eigentümlichkeiten waren zu vermeiden. Der klingende Reiseführer war nicht gefragt.
Dies zumindest war der Eindruck auch nach der zweiten Uraufführungs-Serie in Frankfurt und Berlin, der Johannesburg-Tetralogie, nach dem Istanbul-Quartett. Die Suche nach dem Echten, Authentischen, ohnehin heikel zu definieren, sollte sich keineswegs im Deskriptiven - als Sammelsurium etwa von Orientalismen oder Chinoiserien - erschöpfen. Schon Mauricio Kagel, wahrlich ein Sammler, hat in seinen entsprechenden Stücken ("Exotica") auf dem Vorrang des Fiktiv-Synthetischen bestanden. Fast noch deutlicher schienen sich die acht Komponisten an Beethovens Pastorale-Motto zu halten: "Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei".
[...] Johannesburg ist eine relativ junge Stadt und weder landschaftlich noch architektonisch so einzigartig. Istanbul ist uns scheinbar näher, die Hauptstadt Südafrikas überaus fern [...] War man in Südafrika und versetzt sich in die Lage eines europäischen Komponisten, so kann man eine gewisse Ratlosigkeit nachempfinden. Denn was man in den Townships, aber auch in Lokalen an Ethno, Pop und Jazz hört, erweist sich nicht selten als Vier-Viertel-Mainstream. "Ursprüngliche" schwarze Musik stellt man sich anders vor, sie scheint aber schwer zu finden. Kein Zufall, dass die vier Uraufführungen, sofern sie auf lokalen Impressionen beruhten, eher defensiv gefiltert klangen. [...]
Doch gerade darin lag der Reiz der Resultate, in denen auf durchweg heterogene Weise nicht wenig von der Offenheit, Vitalität, Lebenslust, aber auch Armut und Bedrohlichkeit der Kapitale durchklang, weniger hingegen mystische Introversion wie in einigen der Istanbul-Stücke. Plausibler war dies allemal als der Versuch, mit unmittelbar akustischen Wiedererkennungsmerkmalen aufzuwarten, gar nach Art neokolonialistischer Klang-Trophäensammlung. So wurde in keinem Werk auf archaische Kraft gesetzt. Die "Rumori da monumenti" der Italienerin Lucia Ronchetti erweisen sich als multiperspektivisches Stadtporträt in divergierenden Stillagen. Da hört man Choral- und Madrigalhaftes in den Bläsern, hochexpressiv instrumentaltheatralische Soli von Posaune und Bassklarinettistin, auf die auch einmal gleichsam die Peitsche niedergeht, Symbol der Unterdrückung; dann gibt es immer wieder manische Repetitionen, Tremoli, schrille Floskeln, eine Sprecherstimme, sogar das Ensemble skandiert, und am Schluss wurde sprachlich "die Muschel dieser Stadt ans Ohr gehalten": Johannesburg als tönendes Palimpsest.
Der Engländer Luke Bedford wiederholt in "By the Screen in the Sun at the Hill on the Gold" wie besessen eine melodische Akkordbrechung als mögliche Anspielung auf gleißendes Gold, steigert den Verlauf bis in nahezu brucknersche Hymnik - so, als wolle er musikalisch den unterschwellig immer noch immensen Reichtum der Stadt übersteigern. Der Norweger Lars Petter Hagen nennt sein Stück lapidar "Johannesburg Hymns", bedient sich dabei zitathaft dreier Vuvuzelas, Plastikblasinstrumente, von südafrikanischen Fußballfans zur ohrenbetäubenden Mannschaftsverstärkung benutzt. Doch das Ganze ist eher leise, additiv, unterlegt mit einem ironischen Brief des Komponisten über die Allgegenwart der Sicherheitsmaßnahmen, vor allem Zäune jeder Art. Fast beiläufig erscheint Johannesburg als eine Stadt der Angst.
Jörg Birkenkötter gibt sich anspruchsvoller, überführt Marimba-Assoziationen in quirlige Klavierfloskeln als Bach-Hommage, zitiert ein Altenberg-Lied Alban Bergs und versucht irreguläre Taktarten im Sinne des authentisch Afrikanischen zu evozieren: insgesamt ein freundlicher Scherzando-Typus als Huldigung an die auch fröhliche Seite Johannesburgs. [...]
Gerhard R. Koch
Unterm Schmiedehammer
Lars Petter Hagen war von Johannesburg wie erschlagen. Die Spannung zwischen Arm und Reich hat dort stacheldrahtgekrönte Mauern emporschießen lassen, die nur noch mit Vuvuzelas zu durchdringen sind, den Plastiktröten südafrikanischer Fußballfans. Der norwegische Komponist kreuzt sie dezent mit klassischem Instrumentarium und lässt in seinen "Johannesburg Hymns" einen Brief verlesen, in dem er sich von seinem Werk ironisch distanziert: Mission impossible. [...]
Nach "Into Istanbul" hat das Ensemble Modern jetzt "Into Johannesburg" im Konzerthaus präsentiert. [...] Für Luke Bedford hat sich die Reise gelohnt: In "By the Screen in the Sun at the Hill of the Gold" härtet der 31-jährige Brite die Aggressivität der Stadt zu fremden Mischklängen, metallisch, kompakt, reiht Ketten von Tönen wechselnder Legierung zu Bögen, in denen man die Brandung vernimmt, aber keinen Ausweg. Die Freiheit dieser Musik, von Sian Edwards glasklar dirigiert, liegt darin, dass Bedford die Schläge der Stadt nicht abwehrt, sondern unter ihnen seine Klänge schmied.
Volker Hagedorn
Souvenirs vom Bosporus
Großstadtinspirierte Kompositionen beim Projekt "into..."
[...]
Denn Istanbul hin oder her: Entscheidend ist die Musik, die am Ende herauskommt. Der Franzose Mark Andre, der wie der geborene Israeli Odeh-Tamimi in Berlin lebt, interessiert sich nicht für Istanbuls Klänge, sondern für ein gleichsam strukturelles Moment: den Wechsel der Religionen im Lauf der Jahrtausende, die Grenzlage zwischen Europa und Asien. Der Titel seines Stücks "üg" steht für "Übergang". Wir hören todkranke Menschen verschiedener Kulturen ihre Namen flüstern. Flüstern ist ohnehin die bevorzugte Artikulationsform von Andres Musik. Selten ringt sie sich zu Tönen durch, meist werden die Instrumente nach Art seines Lehrers Helmut Lachenmann in verdrehter und erstickter Weise zum Klingen gebracht. Der Höhepunkt tonloser Erfindung ist die mit etwa 20 Lautsprechern in den Saal projizierte Akustik Istanbuler Moscheen, Kirchen und Synagogen, die den leisen Klängen der räumlich verteilten Instrumente unterschiedlichen Hall aufprägt. Ohne Frage ist das überwältigend. Es ist allerdings eine Überwältigung durch Gewaltlosigkeit, die schon an Wagners "Parsifal" mit seiner ähnlich penibel ausformulierten Klangaura nicht ganz sauber war; und nicht anders als Wagners choralhaftes Frömmeln streift das Flüstern der Kranken am Kitsch entlang. Wie der bekennende Christ Andre die klanglichen Ideen Lachenmanns vom Aufklärerischen ins Mystische umdeutet, das ist ein Beispiel für die postmoderne Kritikmüdigkeit der Intellektuellen: Endlich ist einer der wichtigsten lebenden Komponisten einmal nah am Zeitgeist — kein Wunder, dass Andre bereits als "Kult"-Komponist gilt. Das Ensemble Modern spielte unter Alejo Pérez stets stilsicher und mit ausdrucksvoller Präzision.
Peter Uehling
Mit Geige und Hupe
Komponierter Orient in Frankfurts Alter Oper
Der nasale Klang einer Oboe dringt aus einer offenstehenden Tür, eine klagende Geige mischt sich ein und wird sogleich übertönt von einem grellen Hupton. Die verblüfften Zuhörer im Mozartsaal der Alten Oper in Frankfurt hören hier keine O-Ton-Collage aus Istanbul. Nein, das Ensemble Modern interpretiert eine aktuelle Komposition aus dem Okzident.
Vier quasi musikalische Tagebucheintragungen aus Istanbul sind der erste Teil eines ehrgeizigen Musikprojektes, das die Musiker aus Frankfurt in den nächsten Monaten beschäftigen wird. Seit Februar 2008 hatten und haben die beteiligten Komponisten einen Monat lang Gelegenheit, in einer der vier Megastädte Istanbul, Dubai, Johannesburg oder Pearl River Delta (ein Städteverbund am südchinesische Meer, zu dem Macao und Guangzhou gehören) zu leben und in der Auseinandersetzung mit diesen ein Werk für das Ensemble Modern zu komponieren.
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Diese leicht kakophonische Sicht auf die Millionenstadt teilt auch der Kollege Samit Odeh-Tamimi. Wie Tarnopolski liefert der in Berlin lebende Palästinenser eine Klangcollage aus sinnlichem Melos und rauem Getöse. Setzt im Mittelteil indes noch eine kleine Etüde hinzu, eine fast besinnliche Melange aus Folklore und Jazz.
Soviel Schalk und Unbekümmertheit findet sich nicht in den Arbeiten von Marc André und Beat Furrer. Schon die Herangehensweise der beiden ist anders, strenger und auch selbstbewusster. André wie Furrer gehen mit festen Klangvorstellungen ans Werk und suchen nach religiösen Wurzeln. Dem einen liefern die klagenden Gesangslinien eines Muezzins letzte Mosaiksteinchen vor Ort, der andere sammelt mit der Akribie eines Musikethnologen die Klangmuster verschiedener Gotteshäuser Istanbuls. Die aufwändige Collage wird realisiert mit Hilfe einer ausgeklügelten Technik, die das Experimentalstudio des SWR beisteuert.
Gerd Döring
[...] Die kompositorischen Ergebnisse der Istanbuler Impressionen waren am Wochenende als Uraufführungen in Frankfurts Alter Oper zu hören: Beeindruckend.
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Im Mozart-Saal der Alten Oper entstand so ein tief berührendes Spannungsfeld aus Fremdsein und Annäherung, aus Sehnsucht und Begreifen weit über all die sattsam bekannten Merian-Sichten der Metropole hinausreichend. Das bestens präparierte Ensemble Modern präsentierte die Werke transparent und hochengagiert einem begeisterten Publikum.
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Alte Oper: Ensemble Modern mit "Into Istanbul"
Alte Oper: Ensemble Modern mit "Into Istanbul"
[...] Jens Cording wollte das Wesen einer Stadt über Musik kennen lernen. Als Projektleiter bei der Siemens Kulturstiftung begeisterte das Ensemble Modern dafür, jeweils vier Komponisten für vier Wochen in vier besondere Städte der Welt zu schicken, um die Essenz dieser Städte in ihre musikalische Sprache zu fassen. Das Goethe-Institut organisierte die nötigen Kontakte vor Ort, die Stadtverwaltung von Istanbul ermöglichte sogar eine menschenleere Blaue Moschee. Unter dem Titel "Into Istanbul" erlebten im ausverkauften Mozart Saal der Alten Oper jetzt vier Kompositionen ihre Uraufführung durch das Ensemble Modern, angefangen mit "Cihangir" von Samir Odeh-Tamimi.
Der in Israel aufgewachsene Palästinenserhat ein Klangtagebuch geschrieben, so unmittelbar körperlich mitempfindbar, wie schon sein Werk "Hálatt Hissár", das gut eine Woche zuvor im Sendesaal des Hessischen Rundfunks begeistert hatte. Es begann mit einem dreifachen Aufschrei aus dem Undurchsichtigen, wobei der dritte Schrei schon leiser war und das Gegenüber durchsichtiger. Klangschilderungen von Gerüchen, Geschäftigkeit und Muezzins. Ein paar besonders schöne ihrer Gesänge übersetzte er in dieSprache von Geige, Viola und Oboe, berückend schön gespielt von Jagdish Mistry, Tony Nys und Christian Hommel.
Ein Muezzin-Ruf mit seinen verschiedenen Registern und Klangfarben hatte auch den Schweizer Komponisten Beat Furrer zu seinem Stück "Xenos" inspiriert. [...]
Mit einem "brodelnden Kessel von Lava" verglich der Ukrainer Vladimir Tarnopolski die Metropole zwischen Orient und Okzident. In "Eastanbul" wollte er die Erfahrung vermitteln, dass das Chaos ein wunderschöner Teppich sei. Die metrischen Differenzen in den rasend schnellen Stimmen stellten selbst das Ensemble Modern vor Herausforderungen. Eindrucksvoll die jeweils von zwei Hörnern und zwei Flügeln symbolisierten Erdteile, die sich einander annähern, abstoßen, Schwung geben.
Mark Andre wusste von Anfang an, dass er sich vor dem Getümmel würde schützen müssen, und beschränkte sich auf den Aspekt der verschiedenen Religionen, verkörpert durch verschiedene Orte und Menschen. Für sein Stück "üg" ließ er meist alte und kranke Menschen verschiedenster Herkunft ihre Vornamen flüstern.
Außerdem vermaß er zusammen mit dem Musikinformatiker Joachim Haas die akustischen Eigenschaften einer Moschee, einer Kirche und einer Synagoge. Was das Ensemble Modern spielte, wurde von Haas zusammen mit Michael Acker und Norbert Ommer am Mischpult teilweise in die Akustik dieser sakralen Gebäude versetzt. Ein Vexierspiel von Intimität, Verfremdung und Erhabenheit.
Doris Kösterke
Klingt wie Istanbul
Vier Komponisten auf der Suche nach Stadttonarten
Sechzehn ausgewählte Komponisten, eingeteilt in Vierergruppen, sind vom Siemens Arts Program und vom Ensemble Modern ausgesandt worden, vier Metropolen in der Welt vier Wochen lang zu besuchen, musikalisch zu erkunden und die Beobachtungen anschließend in einer Art komponiertem Tagebuch festzuhalten. Das Ergebnis "Istanbul" liegt als erstes vor: In der Alten Oper Frankfurt wurden die ersten vier Stadtmusiken von Beat Furrer, Vladimir Tarnopolski, Samir Odeh-Tamimi und Mark André vom bestens disponierten Ensemble Modern uraufgeführt. Die anderen drei Megastädte Dubai, Johannesburg und das chinesische Pearl River Delta folgen in den nächsten Monaten.
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Was bei der Frankfurter Premiere des "into"-Unternehmens trotz aller leisen Bedenken beeindruckte, war die Sensibilität, mit der sich die vier Komponisten ihrem Thema widmeten. Dabei näherten sich die Komponisten durchaus sehr unterschiedlich ihrer Aufgabe. Der in Berlin lebende palästinensisch-israelische Samir Odeh-Tamimi kam ohne Erwartungen in die Stadt, von deren Faszination er aber immer wieder von Freunden gehört hatte. Er hat sich vor allem intensiver mit der Musik und den "alltäglichen Klängen" in der Stadt beschäftigt, wobei er schon vorher von seinem Stück, das er nach dem Stadtviertel, in dem er wohnte, "Changir" betitelte, eine bestimmte Vorstellung besaß. "Changir" darf man sich nach den Bekundungen des Komponisten als musikalisches Tagebuch vorstellen, dessen Worte Klangimpressionen sind einschließlich der singenden und schreienden Muezzin-Klänge. Odeh-Tamimis "Changir" wirkt trotz eines leicht additiven Charakters sehr konzentriert.
Den in Moskau lebenden Vladimir Tarnopolski beeindruckte bei der Ankunft zunächst die Energie, die diese Stadt abstrahlt. Seine Komposition "Eastanbul", die ursprünglich "Westanbul" heißen sollte, setzt diesen Eindruck in treibende rhythmische Energien um, daneben entfalten sich zugleich heterophone Elemente, inspiriert durch den Besuch eines Gottesdienstes in der Chora-Kirche im islamischen Stadtbezirk, wo die Gebetsformeln, zeitlich leicht versetzt, an den verschiedensten Raumstellen aufklangen. Tarnopolski erschien Istanbul auch musikalisch wie ein "brodelnder Kessel von Lava", und etwas davon prägt auch sein heftig bewegtes Stück: insofern auch ein komponiertes "Tagebuch".
Auch Beat Furrer empfing für seine "Xenos"-Komposition den entscheidenden Impuls während eines Gebetes in der Sultan-Ahmet-Moschee: eine vom Imam der Moschee vorgetragene arabische Melodie, deren Klanglichkeit ihn faszinierte. Furrer hat dann die Körperlichkeit des ständig wechselnden Stimmsitzes analog in instrumentale Gestalten überführt, Furrer nennt sie "spektrale Filter", denn jeder Ton der Melodie sei ein anderer Filter, es entstehe eine kontinuierliche Bewegung. [...]
Der in Berlin lebende französische Komponist Mark André hatte sich auf seine eigene Art auf das Istanbuler Abenteuer vorbereitet. Der Begriff "Übergang" spielt in seinem Schaffen ohnehin eine wichtige Rolle. "Übergang" in spirituellen, religiösen, existentiellen Sinngebungen. Aus der Geschichte Istanbuls bieten sich solche Übergänge geradezu in Fülle an. Mark André, der sein Stück für Ensemble und Live-Elektronik kurzerhand "üg" nennt, bat darum, ihm die "Blaue Moschee" für einige Stunden leer zur Verfügung zu stellen. Die Akustik des leeren Raumes wurde elektronisch raffiniert förmlich abgetastet, das so gewonnene Klangmaterial in die "üg"-Komposition live-elektronisch eingespeist. In die Klangspuren des Raumes sprechen Menschen in der Stadt flüsternd ihre Vornamen ein, auch jüdisches Alphabet und Koranstellen werden integriert. Mark Andrés Istanbul-Beitrag enthält außer der klanglich fein ausgehörten Musik auch ein großes Humanum, in dem von den Menschen in dieser Stadt und ihrer langen Geschichte erzählt wird.
Gerhard Rohde
Konzertante Städtereise: Ensemble Modern mit �into Istanbul� Melancholie der Metropole
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Das Ergebnis der Expedition ist wie bei jedem echten Abenteuer völlig offen - von der tönenden Urlaubspostkarte mit kitschigen Multikultimotiven bis zum erhellenden Echo auf eine faszinierende unüberschaubare Stadtentwicklung ist bei der Teilnehmerzusammenstellung von "into Istanbul" alles möglich. Und wer musikalischen Pauschaltourismus schon immer langweilig fand, sollte den Weg ins Konzerthaus unbedingt wagen.
Carsten Niemann
Im Übergang ankommen - ein spirituelles Roadmovie Mark Andre sammelt in Istanbul Klänge und Intuitionen für sein neues Orchesterstück "üg"
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Fakt ist, Mark Andres Werke sind Musik von hoher Spiritualität, die er durchaus existenziell und metaphysisch verstanden wissen will.
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Hier in dieser Stadt, an der Grenze zwischen Asien und Europa, zwischen Orient und Okzident, wollte Andre den für sein Werk so bedeutenden Begriff des Übergangs musikalisch untersuchen und reflektieren. Am ehemaligen Oststrom, Konstantinopel, Byzanz und heutigen Istanbul interessieren ihn in erster Linie die Übergänge zwischen Religionen und Kulturen.
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Seine religiösen Überzeugungen, wie auch sein kompositorisches Konzept - in beiden spielen Ökumene und Diakonie eine wichtige Rolle - besitzen nicht nur in Istanbul Sprengkraft.
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Andreas Kolb
© Ensemble Modern