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12. August 2010, Salzburger Nachrichten
Musik, die zum Körper wird
„Jagden und Formen“. Sasha Waltz und Ensemble Modern bereiteten eine Sternstunde.

Ein Intendant der Salzburger Festspiele könnte sich beinahe unsterblich machen, schüfe er dem Tanz eine Bühne. Bisher spielte dieser eine derart marginale Rolle, dass man sich gar nicht richtig erinnern kann, je etwas Gewichtiges oder gar neu Stilbildendes aus diesem Genre hier gesehen zu haben – mit Ausnahme der von John Neumeier Mitte der Achtzigerjahre phänomenal dem Domplatz eingeschriebenen Hamburger Choreografie der Matthäuspassion. [...]

Nun kamen für zwei Abende Sasha Waltz & guests und das Ensemble Modern auf die Pernerinsel in Hallein, um den Salzburger Festspielen doch eine Sternstunde zu bescheren – „Jagden und Formen“ war sinnfällig eingebettet in den „Kontinent Rihm“. Denn die Grundlage der 2008 in Frankfurt entstandenen und mittlerweile weitum gefeierten Arbeit ist eine aus drei Einzelensemblestücken zur Einheit gewachsene Komposition von Wolfgang Rihm – wohl eine der stärksten, mitreißendsten Partituren des Karlsruhers Großmeisters der Musikmoderne.

Sie wächst von einem phasenverschoben einsetzenden Wechselspiel der zwei Soloviolinen über sich verdichtende Klangenergiefelder der einzelnen Instrumentengruppen (Streicher, Bläser, Schlagzeug) zum großen Orchestersatz, wobei „alte“ musikalische Formen zitiert werden, sich kammermusikalisch bis orchestral verzahnen und in einem hochenergetischen Prozess mit unablässiger virtuoser Motorik und imaginativer Kraft „jagen“.

Sasha Waltz interessiert sich indessen nicht für eine daraus auch ableitbare mögliche Erzählung einer Geschichte, sondern für die direkten Impulse, die aus der Musik kommen und, wenn man so will, durchaus nach „Verkörperung“ schreien.

Je nach dem wachsenden Intensitätsgrad der vom Ensemble Modern sensationell gestaffelten, wie selbstvergessen bravourös gespielten, von Dirigent Franck Ollu meisterlich und souverän geführten Musik wächst auch die Choreografie. Sie geht von abstrakter Zeichenhaftigkeit über skulpturale Körperplastiken einzelner Tänzer, Körper-„Haufen“ des Ensembles, raumgreifende Bewegungs steigerungen zu immer dichter werdendem Kreiseln, Taumeln und rasantem Bodenrollen.

Und immer ist die unbedingte Kontrollinstanz die Musik, aus der heraus, in die hinein Sasha Waltz ihre Tanzkörper wachsen lässt – bis hin zu echten Interaktionen mit Instrumentalsolisten (Englischhorn, Klarinette), die in die Bewegungen aufgenommen werden. Der Höhepunkt: wenn sich die Musiker mit ihren Instrumenten zu den Tänzern auf den Boden legen und einen rihmschen „Liegeton“ weiterspielen. So wurden Klang und Tanz womöglich noch nie zur plastischen Einheit. In keiner Sekunde dieser denkwürdigen Stunde ist auch nur eine Note billig illustriert, sondern alles aus der klingenden, offenen „Werklandschaft“ Wolfgang Rihms entwickelt und geformt – ein Muster an Präzision des Denkens und Intensität der Gefühle.

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Karl Harb

de/presse/pressespiegel/r/805