29. Juni 2010, Frankfurter Rundschau
Heine ist jetzt Hausbesetzer
Im Bockenheimer Depot vereinte die Premiere in zwei Singspielen die Dichter Bertolt Brecht und Heinrich Heine.
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Oehrings Antwort heißt «Die Wunde Heine», fußend auf einem über fünfzig Jahre alten, von Theodor W. Adorno formulierten Mantra, das den Deutschen ihren schwierigen Umgang mit dem Dichter Heinrich Heine vorwarf. Oehring und seine Librettistin Stefanie Wördemann nehmen sich einige Gedichte Heines vor, um ihren Text hier mit sphärisch feinen und farbigen, dort mit lustvoll lärmenden, rockig rhythmisierten Klängen zu musikalisieren. Eingeschoben werden sogenannte «Songfenster», Lieder des Rockmusikers Rio Reiser, der in den 70er und 80er Jahren solo oder mit seiner Band «Ton, Steine, Scherben» emotionale, aber auch politische Befindlichkeiten auf den Punkt gebracht hat. Ist das noch aktuell?
Jörg Wilkendorf, mit E-Gitarre auf einem Podium im hinteren Bühnenzentrum postiert, bringt diese Stücke sehr engagiert, Sentimentalitäten und Fragen weckend, wie aktuell das alles noch ist. Text und Musik dieser Songfenster transportieren eine klare, in ihrer Einfachheit triviale Botschaft von einer besseren Welt, die bei Brecht und Heine einfach unterstellt wird, aber viel eindringlicher hätte befragt werden müssen, vor allem szenisch. Das «Ensemble Modern» sitzt links von der Bühne. Unter Leitung von Hartmut Keil produziert es perfekt den jazzig-songhaften Weill-Sound wie auch die vielfältigen, subtilen Klangwelten der Antwort-Musik.
Ebenso professionell agieren die vier singenden Männer des Berliner «Atrium-Ensembles», während Oehring den bekannten Vokal-Virtuosinnen Salome Kammer und Sylvia Nopper spezifischere Künste hätte abverlangen können. Die Personen werden für die einzelnen Nummern auf der Bühne arrangiert – mal sitzen sie vorne in Kinosesseln, mal wälzen sie sich am Boden, mal bewegen sie sich in einem Milchglas-Geviert. Projiziert werden dazu bewegte Bilder und Grafiken von Hagen Klennert; bisweilen erkennt man Anregungen aus Schlüsselwörtern der gesungenen Texte, oder sie bereiten solche Wörter bildlich vor.
Das alles läuft nebeneinander her, mit ästhetisch perfekten Zutaten; bei der wichtigen gedanklichen Arbeit nach Anlass und Sinn dieser multifunktionalen Collage wird der Zuschauer aber doch alleingelassen. Das kongeniale Duo Weill und Brecht hatte die Moral der Geschichte augenzwinkernd betrachtet, schließlich hielt man sich selbst nicht an die antikapitalistischen Vorgaben und erklärte zum Schluss des Songspiels den Projektionsort Mahagonny kurzerhand für gar nicht existent. Diesen Witz, diese Selbstironie unterschlägt der Abend – angefangen bei der Frage, warum einmal mehr der alte Heine für politisch-moralische Projektionen herhalten muss. Wäre der Lyriker heute wirklich Punker und Hausbesetzer, wie Oehring keck mutmaßt? Eher würde sich Heine wehren gegen seine Vereinnahmung und die Komponisten auffordern: greift zu Autoren Eurer Zeit! Und macht den Leuten mehr Freude im Theater!
Anadreas Bomba
© Ensemble Modern