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30. June 2010, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Heines E-Gitarre

Vom Trinktourismus, der die europäischen Billigflieger an den Wochenenden füllt, ahnte Bertolt Brecht noch nichts, obwohl es in seiner Hauspostille ganz so klingt: "An einem grauen Vormittag", singen Charlie, Billy und Bobby, "Mitten im Whisky / Kommst du nach Mahagonny." Und manchem mag es, wie Brechts verlorenen Seelen, nach dem Rausch so vorkommen, als habe es den Ort ihrer Exzesse gar nicht wirklich gegeben. "Denn Mahagonny, das ist kein Ort. / Denn Mahagonny ist nur ein erfundenes Wort." Auf Brechts mitunter deutliche Heilsversprechen ("Dort gibt es Pferd- und Weiberfleisch"), mitunter poetisch formulierte Sinnfragen ("Is here no telephone? / Oh, Sir, God damn me: No!"), aber durchweg gut erfundene Worte komponierte Kurt Weill 1927 das im Juli desselben Jahres in Baden-Baden uraufgeführte "Mahagonny. Ein Songspiel".
Wer jetzt im Bockenheimer Depot das Ensemble Modern und Salome Kammer als Jessie mit ihrer feinen, Strawinsky-, Jazz- und Music-Hall-Klänge streifenden, aber sehr entschiedenen Version erlebt hat, mag sich eine andere als diese kluge, im Sprechgesang zurückhaltende, in der Sangesinnigkeit mutige Interpretation gar nicht wünschen. Inwiefern die nachgestellte Auftragskomposition von Helmut Oehring "Die WUNDE Heine" da korrespondiert, ist dagegen nicht sehr einsichtig. Hagen Klennerts im Mahagonny-Teil sehr schöne grafische und filmische Illustrationen, die auf einer Leinwand gezeigt werden, nähern sich wie die stilistisch disparate und zu lange Musik Oehrings schlicht dem Kitsch. Sein emblematischer Sänger Jörg Wilkendorf an der E-Gitarre suggeriert, Heine wäre heute kritischer Rockmusiker. Dann lieber mitten im Whisky.

hue

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