29. Juni 2010, Frankfurter Rundschau
Unter Harrys Wolke
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Helmut Oehring hat seine Aufmerksamkeit auf die chronischen gerichtet. Sein Songspiel "Offene Wunden" geht aus von Brechts pointiert marxoider Zeitdiagnostik und von Kurt Weills diabolischer Spaß-Musik, die in wilden Material-Amokläufen von der deutschen Romantik über Jive und aktuelle Dodekaphonie bis zum Rotgardistenmarsch alles gebrauchen kann, was am Wege liegt. Und sieht in der vehementen Orientierung an der klingenden Oberfläche und in der brachialen Ironie das eigentlich utopische Moment dieser Kunst.
Oehrings aktuelle Antwort auf Brecht und Weill aber rekurriert auf Heine, den wohl ersten überzeugten Ironiker der deutschen Lyrik, und geht weiter zu Rio Reiser, dem pathetischen Un-Ironiker und Radikalutopisten des deutschen Rock.
So begegnet man in "Offene Wunden", die Oehring selbst zusammen mit Stefanie Wördemann, Hagen Klennert (Film, Grafik, Bühne) und Hartmut Keil (musikalische Leitung) inszeniert hat, alten Ton-Steine-Scherben-Bekannten in der ent-kollektivierten Version: Mach kaputt, was dich kaputt macht.
Im Februar bei den Kurt-Weill-Tagen in Dessau war die Uraufführung zu erleben, jetzt hat die Oper Frankfurt, die zu den Koproduzenten gehört, Oehrings eigenwilliges Musiktheaterstück ins Programm genommen.
Das Ensemble Modern spielt Weill mit rasantem Schwung und unerbittlich scharfkantiger Durchhörbarkeit, und das Vokalistenensemble liefert dazu ein Musterbeispiel historisch informierter Aufführungspraxis. Dabei handelt es sich um die ungemein bewegliche Vokalistin Salome Kammer, die ein enormes Spektrum an Klangfarben einzusetzen weiß, die nicht alle der Kulturtechnik des Gesangs zuzuordnen sind; außerdem die präzise intonierende Sylvia Nopper und das Herren-Gesangsquartett aus Oliver Uden, Philipp Neumann, Martin Schubach und Frank Schwemmer.
Und dann ist da noch Jörg Wilkendorf, der mit dem Bühnennamen Harry (Harry war der jüdische Geburtsname Heinrich Heines) und einer E-Gitarre Reisers Songs auf eigene Weise intoniert. Reiser kündet einerseits von einer mindestens seit den Zeiten Heinrich Heines offen gehaltenen und sehr deutschen Wunde, andererseits vom Ende der Kunstperiode, das schon Heine als notwendige Konsequenz aktueller Entwicklungen ansah. So ist wohl auch das textkünstlerische Gefälle zu erklären oder vielleicht auch nur zu entschuldigen, das von Heine und Brecht zu Rio Reiser steil bergab geht; auch musikästhetisch ist Reiser durchaus nicht auf einer Augenhöhe mit Weill.
Das ist aber auch nicht notwendig, denn seine Lieder sind in Oehrings weitläufig collagiertem Songspiel nicht die Spitze der aktuellen Möglichkeiten, sondern Material, das der Komponist respektvoll, aber nicht affirmativ verwendet.
Denn das Ende der Kunstperiode ist ja nicht das Ende künstlerischer Anstrengung. Und so ist es doch vor allem eine tief bohrende Ironie, die das Werk durchzieht, die das Abgleiten in die Beliebigkeit einer Sammlung utopiesüchtigen Liedgutes verhindert und Antidot ist gegen das Überhandnehmen des ebenso notwendigen Anteils von Pathos.
Oehrings eigentliche Kompositionsarbeit bewegt sich auf den Spuren, die Weill ausgelegt hat: Sie ist materialreich, gestisch und auf subtile Art besserwisserisch und dramatisch; zuweilen wählt sie einen atmosphärisch Farbauftrag, der die Szene kommentiert.
"Offene Wunden" ist also komplexer und auf viel hintergründigere Weise stimmig, als man auf den ersten Blick erkennt. Dass das Stück als visuell geprägtes Bühnenereignis bestehen kann, hängt vor allem an der klaren Struktur der Raumnutzung und der Schwarz-Weiß-Grau-Ästhetik, die auf einer rückwärtigen Leinwand durch Hagen Klennerts filmisch-grafische Arbeit betont wird. Und an der E-Gitarre, einem emblematischen Musikinstrument, das jedes Bühnenereignis an sich zu reißen vermag.
Hans-Jürgen Linke
© Ensemble Modern