26. June 2010, Frankfurter Rundschau
Weimarer-Republik-Romantik
Kein Fertigteig-Produkt bekomme man heute zu hören, sondern die einzelnen Zutaten des Kurt-Weill-Klangs - so Happy- New-Ears-Moderator und -Dirigent HK Gruber in der Oper Frankfurt. Es gab also bei dem Thema der frühen Werke Kurt Weills viele Ausschnitte mit Mittelstimmen - den wahren Pigment- und Reizstoffgebern in jeder Musik, so Gruber, die kein avantgardistisches Grau-in-Grau malen wolle, sondern farbige, attraktive Klanggebung schaffe.
Gruber ist ein leicht zu begeisternder und andere entsprechend mitreißender Künstler. Seine eigene Mittelstimme, ein wunderbarer Bariton, ist eine Mischung aus einerseits romantischer Sehnsucht nach der guten alten Weimarer Republik, wo Weills Songs einen Teil der linken Intelligenz ansprachen.
Und zum anderen eine lockere Zunge: "Adorno, der ihm nicht verzieh, statt ins KZ nach New York gegangen zu sein, um ein erfolgreicher Broadway-Komponist zu werden". Das Bandoneon wird als Orgel, das Banjo als Cembalo des Proletariats bezeichnet. Ansonsten singt der Mann Weill-Songs wie weiland Ernst Busch - nur etwas fisteliger.
Das machte Laune im gut besetzten Parkett und das Ensemble Modern, diesmal als Marsch-Kapelle gebraucht, war ein scharf rasselnder und blechstrahlender Klang-Agitator mit eben jenen aus der Reihe tanzenden Mittelstimmen, die das Salz in der Suppe sind.
Als Weill-Informanten im biographischen Sinn standen zwei Experten Rede und Antwort: Elmar Juchem und Ulrich Fischer. Der eine von der New Yorker Kurt-Weill-Foundation, der andere Kuratoriums-Mitglied der Dessauer Kurt-Weill-Gesellschaft.
Das Ganze war eine Art Warming-Up für die Weill-Premiere "Offene Wunden" der Oper im Bockenheimer Depot - das könnte etwas werden.
Bernhard Uske
© Ensemble Modern