17. Mai 2010, klassik.com
State of the Art
Die Sammlung der ‚Edition zeitgenössische Musik‘ des Deutschen Musikrates, die beim Label WERGO veröffentlicht wird, erlaubt nicht nur einen recht umfangreichen Überblick über das aktuelle Musikschaffen in Deutschland, sondern bietet dem Hörer mitunter auch die Gelegenheit, das Werk eines Komponisten in seiner stilistischen Entwicklung zu erfassen. In der neuesten Folge, die dem Schaffen Arnulf Herrmanns gewidmet ist, erlebt der Hörer beim chronologischen Hören der CD eine rückläufige Entwicklung, vom jüngsten Werk bis zum ältesten (das allerdings erst sieben Jahre alt ist). In dieser Werkschau versammelt sind fünf Ensemblestücke, alle in referenzhaften Interpretationen des Ensemble Modern eingespielt.
'direkt entrückt‘ aus dem Jahre 2003 zeigt bereits wesentliche Aspekte des Komponierens von Arnulf Herrmann auf: ein großer Sinn für dramaturgische Gestaltung und die Anordnung von Klängen mit klangfarblicher Phantasie und logischer Stringenz. Die Dialektik von Nähe und Ferne, die bereits der Titel evoziert, wird im Verlaufe des Stückes durch sich ständig wandelnde thematische Zellen ausgebreitet. Herrmann bearbeitet die Frage, wie musikalische Ereignisse im Gedächtnis des Hörers transformiert werden, wie der individuelle Hörprozess am Verlauf der Musik sich aktiv beteiligt. Das Material, aus dem er seine Werke ableitet, ist immer bereits ein genuin musikalisches. Außermusikalische Fragen sind hier nicht nötig, um der Musik ihren poetischen Impetus zu verleihen. Es ist alles bereits in der Musik enthalten, und wartet nur darauf, freigelegt zu werden.
Um historische Grundlagen des Kompositionsprozesses geht es Arnulf Herrmann in seinem Werk 'Anklang' für zwei Keyboards und Ensemble und im 2005 zum Mozartjahr entstandenen Stück 'Terzenseele'. Beide verweisen, ohne in die Nähe des Zitats zu kommen, auf jenen ‚historischen Resonanzraum, in dem sich jeder Komponist, ob er will oder nicht, bewegt.‘ Hier entsteht ganz neue Musik auf dem Nährboden einer Tradition, die nicht direkt wahrnehmbar ist, aber im Untergrund immer mitschwingt. Sie ist ein Ausgangspunkt, von dem aus Herrmann seinen eigenen Weg hin zu neuen Pfaden beschreitet.
Die jüngsten Stücke der Zusammenstellung sind zwei Auftragswerke der Donaueschinger Musiktage, 'Monströses Lied' für Klarinette und Ensemble aus dem Jahre 2007 und der erste Band der 'Fiktiven Tänze', entstanden 2008. Hier wird ein weiterer, neuerer Aspekt von Herrmanns Arbeiten deutlich, nämlich die Wiederentdeckung eines Pulses in der Musik. Dabei geht es nicht um amerikanisch-minimalistische Pulsationen à la Steve Reich sondern um einen variablen Puls, welcher der Realität eher gerecht wird. Besonders in den Fiktiven Tänzen entsteht so ein Spiel von Ordnung und Unordnung, Regelmäßigkeit und Unregelmäßigkeit.
Die Musik Arnulf Herrmanns ist von harmonischer Konsequenz, ohne sich in satztechnische Korsette zu zwängen. Die Tonhöhenorganisation ist mikrotonal differenziert ausgearbeitet, kombiniert mit einem experimentierfreudigen klangfarblichen Reichtum, von der gerne eingesetzten Kontrabassklarinette bis zum Eierschneider. Hinzu kommt der Einsatz von Samplern, die die Intonation des Ensembles stützend bereichern und wie ein modernes Continuo für eine eigene Klangfarbe sorgen.
Das Ensemble Modern ist hier einmal mehr Garant für Interpretationen auf allerhöchstem Niveau und zudem Wegbereiter für die instrumentale Virtuosität, die Herrmanns Werke durchzieht. Seiner Instrumentalbehandlung merkt man die enge Vertrautheit mit dem Ensemble an, gleichsam einem Regisseur, der Schauspieler und Rolle verschmelzen lässt. Moderne SACD-Audiotechnik im Surroundklang garantiert zudem eine optimale Wiedergabe der Musik, so dass mit dieser neuen Folge eine wirkliche Bereicherung der Edition entstanden ist – ein State of the Art der Ensemblemusik.
Paul Hübner
© Ensemble Modern