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30. January 2012, Frankfurter Neue Presse
Wabernde Klangmassen schimmern so blau wie Eis
Das "Ensemble Modern" begann in der Frankfurter Alten Oper seine neue Serie "Prisma Darmstadt" mit einem mühevollen, erlebnisreichen Abend.

›Prisma Darmstadt‹ soll die Ideen, Entwicklungen, Tendenzen und Deutungen der Darmstädter Internationalen Ferienkurse für Neue Musik (vor 65 Jahren ins Leben gerufen) mit eigenen Auftragskompositionen kritisch auf ihre heutige Bedeutung und "Brauchbarkeit" untersuchen.

Manfred Stahnke (*1951 Kiel) hat sich für seine Komposition ›Such(t)maschine‹ vorgenommen: »das Hören ein Lauschen sein lassen.« Und das trifft auf beide zu, auf den experimentierenden Klanghersteller ebenso wie auf den Zuhörer im Parkett. Man muss lauschen auf das kleinteilig musizierende Schlagwerk, das unter hellen Klanggleitern liegt. Kantilenen rutschen fort, Töne werden angerieben, aufgeraut, Miniereignisse reihen sich aneinander. Es scheint in dieser kunstvoll hergestellten Mikrotonalität, die jegliche Harmonie austreibt, keinen sicheren Ton mehr zu geben, aber ständig die Chance auf Klangüberraschung. Für das Ensemble bedeutet das bei elektronischer Unterstützung höchste Klangsensibilität auf dem einzelnen Instrument.

Michael Gordon (*1956 Florida) hat in ›Cold‹ mit der Klangfarbe experimentiert: »Ich habe mir vorgestellt, ein Musikstück erkalten zu lassen.« Das ist dem bewundernswert präzisen Ensemble unter Stefan Asbury gelungen. Kleinstbewegungen summieren sich zu größeren rythmischen Formen, beginnen in immer neuen Farben zu pulsieren, bekommen psychedelisches Volumen, werden kühler, ja frostiger, gewissermaßen eisblau schimmernd, wenn Figuren, scharfgeschnitten wie die Spur von Schlittschuhkufen, über die unterschwellig wabernde Klangmasse gleiten.

Gérard Grisey (*1946 Belfort) hat in ›Vortex Temporum‹ ein opulentes dreiteiliges Werk für Klavier und fünf andere Instrumente geschaffen, das vornehmlich dem (präparierten) Klavier (Hermann Kretzschmar) heftige sprunghafte Soli abverlangt. Der übrige Klang atmet im Changieren. Teil zwei gibt sich härter (schreitende Klavierklänge), Teil drei erreicht in der Addition von schillernden Kleinstfiguren 3-D-Wirkungen.

Das Publikum schien fast ein wenig benommen.GN

GN

de/presse/pressespiegel/905