Heines E-Gitarre
Vom Trinktourismus, der die europäischen Billigflieger an den Wochenenden füllt, ahnte Bertolt Brecht noch nichts, obwohl es in seiner Hauspostille ganz so klingt: "An einem grauen Vormittag", singen Charlie, Billy und Bobby, "Mitten im Whisky / Kommst du nach Mahagonny." Und manchem mag es, wie Brechts verlorenen Seelen, nach dem Rausch so vorkommen, als habe es den Ort ihrer Exzesse gar nicht wirklich gegeben. "Denn Mahagonny, das ist kein Ort. / Denn Mahagonny ist nur ein erfundenes Wort." Auf Brechts mitunter deutliche Heilsversprechen ("Dort gibt es Pferd- und Weiberfleisch"), mitunter poetisch formulierte Sinnfragen ("Is here no telephone? / Oh, Sir, God damn me: No!"), aber durchweg gut erfundene Worte komponierte Kurt Weill 1927 das im Juli desselben Jahres in Baden-Baden uraufgeführte "Mahagonny. Ein Songspiel".
Wer jetzt im Bockenheimer Depot das Ensemble Modern und Salome Kammer als Jessie mit ihrer feinen, Strawinsky-, Jazz- und Music-Hall-Klänge streifenden, aber sehr entschiedenen Version erlebt hat, mag sich eine andere als diese kluge, im Sprechgesang zurückhaltende, in der Sangesinnigkeit mutige Interpretation gar nicht wünschen. Inwiefern die nachgestellte Auftragskomposition von Helmut Oehring "Die WUNDE Heine" da korrespondiert, ist dagegen nicht sehr einsichtig. Hagen Klennerts im Mahagonny-Teil sehr schöne grafische und filmische Illustrationen, die auf einer Leinwand gezeigt werden, nähern sich wie die stilistisch disparate und zu lange Musik Oehrings schlicht dem Kitsch. Sein emblematischer Sänger Jörg Wilkendorf an der E-Gitarre suggeriert, Heine wäre heute kritischer Rockmusiker. Dann lieber mitten im Whisky.
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Unter Harrys Wolke
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Helmut Oehring hat seine Aufmerksamkeit auf die chronischen gerichtet. Sein Songspiel "Offene Wunden" geht aus von Brechts pointiert marxoider Zeitdiagnostik und von Kurt Weills diabolischer Spaß-Musik, die in wilden Material-Amokläufen von der deutschen Romantik über Jive und aktuelle Dodekaphonie bis zum Rotgardistenmarsch alles gebrauchen kann, was am Wege liegt. Und sieht in der vehementen Orientierung an der klingenden Oberfläche und in der brachialen Ironie das eigentlich utopische Moment dieser Kunst.
Oehrings aktuelle Antwort auf Brecht und Weill aber rekurriert auf Heine, den wohl ersten überzeugten Ironiker der deutschen Lyrik, und geht weiter zu Rio Reiser, dem pathetischen Un-Ironiker und Radikalutopisten des deutschen Rock.
So begegnet man in "Offene Wunden", die Oehring selbst zusammen mit Stefanie Wördemann, Hagen Klennert (Film, Grafik, Bühne) und Hartmut Keil (musikalische Leitung) inszeniert hat, alten Ton-Steine-Scherben-Bekannten in der ent-kollektivierten Version: Mach kaputt, was dich kaputt macht.
Im Februar bei den Kurt-Weill-Tagen in Dessau war die Uraufführung zu erleben, jetzt hat die Oper Frankfurt, die zu den Koproduzenten gehört, Oehrings eigenwilliges Musiktheaterstück ins Programm genommen.
Das Ensemble Modern spielt Weill mit rasantem Schwung und unerbittlich scharfkantiger Durchhörbarkeit, und das Vokalistenensemble liefert dazu ein Musterbeispiel historisch informierter Aufführungspraxis. Dabei handelt es sich um die ungemein bewegliche Vokalistin Salome Kammer, die ein enormes Spektrum an Klangfarben einzusetzen weiß, die nicht alle der Kulturtechnik des Gesangs zuzuordnen sind; außerdem die präzise intonierende Sylvia Nopper und das Herren-Gesangsquartett aus Oliver Uden, Philipp Neumann, Martin Schubach und Frank Schwemmer.
Und dann ist da noch Jörg Wilkendorf, der mit dem Bühnennamen Harry (Harry war der jüdische Geburtsname Heinrich Heines) und einer E-Gitarre Reisers Songs auf eigene Weise intoniert. Reiser kündet einerseits von einer mindestens seit den Zeiten Heinrich Heines offen gehaltenen und sehr deutschen Wunde, andererseits vom Ende der Kunstperiode, das schon Heine als notwendige Konsequenz aktueller Entwicklungen ansah. So ist wohl auch das textkünstlerische Gefälle zu erklären oder vielleicht auch nur zu entschuldigen, das von Heine und Brecht zu Rio Reiser steil bergab geht; auch musikästhetisch ist Reiser durchaus nicht auf einer Augenhöhe mit Weill.
Das ist aber auch nicht notwendig, denn seine Lieder sind in Oehrings weitläufig collagiertem Songspiel nicht die Spitze der aktuellen Möglichkeiten, sondern Material, das der Komponist respektvoll, aber nicht affirmativ verwendet.
Denn das Ende der Kunstperiode ist ja nicht das Ende künstlerischer Anstrengung. Und so ist es doch vor allem eine tief bohrende Ironie, die das Werk durchzieht, die das Abgleiten in die Beliebigkeit einer Sammlung utopiesüchtigen Liedgutes verhindert und Antidot ist gegen das Überhandnehmen des ebenso notwendigen Anteils von Pathos.
Oehrings eigentliche Kompositionsarbeit bewegt sich auf den Spuren, die Weill ausgelegt hat: Sie ist materialreich, gestisch und auf subtile Art besserwisserisch und dramatisch; zuweilen wählt sie einen atmosphärisch Farbauftrag, der die Szene kommentiert.
"Offene Wunden" ist also komplexer und auf viel hintergründigere Weise stimmig, als man auf den ersten Blick erkennt. Dass das Stück als visuell geprägtes Bühnenereignis bestehen kann, hängt vor allem an der klaren Struktur der Raumnutzung und der Schwarz-Weiß-Grau-Ästhetik, die auf einer rückwärtigen Leinwand durch Hagen Klennerts filmisch-grafische Arbeit betont wird. Und an der E-Gitarre, einem emblematischen Musikinstrument, das jedes Bühnenereignis an sich zu reißen vermag.
Hans-Jürgen Linke
Oper Frankfurt zeigt »Offene Wunden« mit dem Ensemble Modern
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Doch zunächst ging es um Kurt Weills »Mahagonny«. Die sechs Liednummern des Singspiels wurden von Salome Kammer und Sylvia Nopper (Jessie und Bessie) sowie vom Atrium Ensemble aus Berlin mit Oliver Uden, Philipp Neumann, Martin Schubach und Frank Schwemmer gesanglich und darstellerisch eindrucksvoll umgesetzt. Ein sparsames Bühnenbild in Schwarz-Weiß mit zehn Theatersesseln und Schwarz-Weiß-Film im Hintergrund bot die wirkungsvolle Folie für die verruchte Stadt Mahagonny, in der jeder, der dort sein Glück machen will, zugrunde geht. Wichtiges Element der Produktion waren die zum Teil synchronen Bewegungsmuster der Ausführenden, mit denen die Textinhalte unterstrichen oder kontrapunktiert wurden.
Das Ensemble Modern spielte lebendig und zupackend und brachte die laszive und gleichzeitig resignative Stimmung des Weill-Singspiels ausgezeichnet zur Geltung. Daran schloss sich nahtlos »Die Wunde Heine« von Oehring mit ebenfalls sechs Liednummern an.
Bei der Inszenierung spielten Gesten und Gebärden eine zentrale Rolle, sodass eine zusätzliche Ebene der Textvermittlung entstand. Verschiedene Sprachgesten wie abgehacktes Rezitieren erzeugten weitere Textbrechungen, ebenso die sehr vielfältige Musik, die dem Text stützend oder auch konträr begegnete. Bei der sich so ergebenden Komplexität der Partitur waren die durch die Regie zusätzlich eingefügten sechs Rio-Reiser-Songs (gekonnt dargeboten von Jörg Wilkendorf) etwas zu viel des Guten, zumal die Songs eher wie Fremdkörper in der recht elaborierten Komposition wirkten. Insgesamt ein musikalisch hoch professioneller Sing- oder auch Songspiel-Abend, bei dem vor allem die Inszenierung von Weills »Mahagonny« begeisterte.
Anita Kolbus
Heine ist jetzt Hausbesetzer
Im Bockenheimer Depot vereinte die Premiere in zwei Singspielen die Dichter Bertolt Brecht und Heinrich Heine.
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Oehrings Antwort heißt «Die Wunde Heine», fußend auf einem über fünfzig Jahre alten, von Theodor W. Adorno formulierten Mantra, das den Deutschen ihren schwierigen Umgang mit dem Dichter Heinrich Heine vorwarf. Oehring und seine Librettistin Stefanie Wördemann nehmen sich einige Gedichte Heines vor, um ihren Text hier mit sphärisch feinen und farbigen, dort mit lustvoll lärmenden, rockig rhythmisierten Klängen zu musikalisieren. Eingeschoben werden sogenannte «Songfenster», Lieder des Rockmusikers Rio Reiser, der in den 70er und 80er Jahren solo oder mit seiner Band «Ton, Steine, Scherben» emotionale, aber auch politische Befindlichkeiten auf den Punkt gebracht hat. Ist das noch aktuell?
Jörg Wilkendorf, mit E-Gitarre auf einem Podium im hinteren Bühnenzentrum postiert, bringt diese Stücke sehr engagiert, Sentimentalitäten und Fragen weckend, wie aktuell das alles noch ist. Text und Musik dieser Songfenster transportieren eine klare, in ihrer Einfachheit triviale Botschaft von einer besseren Welt, die bei Brecht und Heine einfach unterstellt wird, aber viel eindringlicher hätte befragt werden müssen, vor allem szenisch. Das «Ensemble Modern» sitzt links von der Bühne. Unter Leitung von Hartmut Keil produziert es perfekt den jazzig-songhaften Weill-Sound wie auch die vielfältigen, subtilen Klangwelten der Antwort-Musik.
Ebenso professionell agieren die vier singenden Männer des Berliner «Atrium-Ensembles», während Oehring den bekannten Vokal-Virtuosinnen Salome Kammer und Sylvia Nopper spezifischere Künste hätte abverlangen können. Die Personen werden für die einzelnen Nummern auf der Bühne arrangiert – mal sitzen sie vorne in Kinosesseln, mal wälzen sie sich am Boden, mal bewegen sie sich in einem Milchglas-Geviert. Projiziert werden dazu bewegte Bilder und Grafiken von Hagen Klennert; bisweilen erkennt man Anregungen aus Schlüsselwörtern der gesungenen Texte, oder sie bereiten solche Wörter bildlich vor.
Das alles läuft nebeneinander her, mit ästhetisch perfekten Zutaten; bei der wichtigen gedanklichen Arbeit nach Anlass und Sinn dieser multifunktionalen Collage wird der Zuschauer aber doch alleingelassen. Das kongeniale Duo Weill und Brecht hatte die Moral der Geschichte augenzwinkernd betrachtet, schließlich hielt man sich selbst nicht an die antikapitalistischen Vorgaben und erklärte zum Schluss des Songspiels den Projektionsort Mahagonny kurzerhand für gar nicht existent. Diesen Witz, diese Selbstironie unterschlägt der Abend – angefangen bei der Frage, warum einmal mehr der alte Heine für politisch-moralische Projektionen herhalten muss. Wäre der Lyriker heute wirklich Punker und Hausbesetzer, wie Oehring keck mutmaßt? Eher würde sich Heine wehren gegen seine Vereinnahmung und die Komponisten auffordern: greift zu Autoren Eurer Zeit! Und macht den Leuten mehr Freude im Theater!
Anadreas Bomba
Songspiele von Oehring und Weill bei Kölner Triennale
Sein Songspiel "Die Wunde" bezeichnet der Komponist Helmut Oehring als "Antwortmusik" auf das bahnbrechende Mahagonny-Songspiel von Kurt Weill und Bertolt Brecht, dessen Uraufführung 1927 im beschaulichen Baden-Baden zu einem Skandalerfolg wurde.
Oehring bezieht sich erkennbar auf das Vorbild und greift ästhetisch die Idee des epischen Musiktheaters mit seinen relativ klaren Songstrukturen und seinem nüchtern-analytischen Erzählstil auf. Auch die Vokal- und Instrumentalbesetzung ist in beiden Werken identisch.
Insofern ist die direkte Gegenüberstellung, wie sie die von Oehring selbst inszenierte Produktion "Offene Wunden" zeigt, überaus sinnvoll. Premiere feierte das Songspiel-Doppel bereits im Februar beim Kurt-Weill-Fest in Dessau, jetzt war es als Gastspiel beim Co-Auftraggeber, der Musiktriennale, im Kölner Schauspielhaus zu erleben.
Den Abend hat Oehring mit Unterstützung von Stefanie Wördemann selbst inszeniert. Die Szene ist klar gegliedert: Links sitzen die von Franck Ollu dirigierten Musiker des Frankfurter Ensemble Modern, von dem der Auftrag für das Werk ausging, in der Mitte eine Video-Leinwand, davor agieren die sechs Darsteller und Vokalisten.
Die Thematik beider Werke fügt sich gut ins aktuelle Triennale-Motto "Heimat - heimatlos". In "Mahagonny" ist man eben nicht nur auf der Suche nach der nächsten Whisky-Bar, wie es im berühmten "Moon of Alabama" heißt, sondern nach einer neuen Heimat, dem Paradies. Und findet die Hölle. In Oehrings Songspiel geht es um Heine, dessen Texte etwa aus "Deutschland ein Wintermärchen" neben eigenen Texten von Oehring Grundlage des Librettos sind.
Anders als das Mahagonny-Personal ist Harry, wie der Protagonist bei Oehring heißt, gar nicht erst auf der Suche nach dem Paradies, sondern schaut als Heimatloser mit Ironie, Spott und Zynismus auf seine Heimat: "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht", singt ein Männerquartett in Oehrings "Wunde". Harry selbst sitzt mit einer E-Gitarre bewaffnet im Bühnenhintergrund und schreit und singt sich die Wut und den Zorn von der Seele. In der Inszenierung öffnen sich zudem einige sogenannte Songfenster, durch die Lieder wie "Junimond" oder "Macht kaputt, was euch kaputt macht" von Rio Reiser ins Spiel kommen. Jörg Wilkendorf kann sich hier redlich austoben.
Dass Harrys Frau Mathilde von Salome Kammer gespielt und gesungen wird, die in Edgar Reitz' legendärer Fernsehserie "Heimat" die Rolle Clarissa Lichtblau spielte, ist in diesem Heimat-Kontext ein schöner Zufall. Eine bessere Besetzung findet man für diese Partie freilich kaum. Sie kann singen, sie kann sprechen und sich bewegen, sie agiert mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit zu der Musik, die vom Ensemble Modern mit größter Intensität und Konzentration gespielt wird.
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Bernhard Hartmann
Kooperationen tragen Fest-Gedanken weiter
Weill-Gesellschaft: 85 Prozent der Karten sind verkauft - 45 Veranstaltungen in zehn Tagen
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Oehring, Komponist und Artist-in-Residence des 18. Kurt-Weill-Festes in Dessau, steht zwar unter Uraufführungsstress, ist aber doch zu Scherzen aufgelegt, als er am Freitag zur Eröffnungspressekonferenz des Festes verspätet eintrifft. Von ihm war am Abend zum Auftakt des zehn Tage dauernden Festes die Komposition "Die Wunde Heine" zu hören. Im Eröffnungskonzert "Offene Wunden" erklang zudem Kurt Weills "Mahagonny Songspiel", beides musiziert vom Ensemble Modern.
Vier Veranstaltungen insgesamt widmen sich dem Künstler Oehring. Schon am Samstag beim Festivalcafé wird man ihn als Mensch näher kennen lernen. Im noch folgenden Porträtkonzert und bei einer Filmaufführung zeigt sich an den kommenden Tagen die Bandbreite des kompositorischen Schaffens Oehrings. "Ich bin glücklich, so viele Seiten meiner Arbeit vorstellen zu können", so der Künstler. Für seine Uraufführung am Freitag habe er Bedingungen vorgefunden, die "nahezu paradiesisch" seien. Musiker, Solisten und Produktionsbedingungen lobte er als optimal, wenngleich wie immer die Zeit zum Einstudieren knapp gewesen sei.
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Ilka Hillger
© Ensemble Modern