30. January 2012, Frankfurter Rundschau

Wirkungen eines Mythenorts
Das Ensemble Modern mit "Prisma Darmstadt"

Der französische Komponist Gerald Grisey ist der Rechte, um eine Konzertreihe zu eröffnen, die das Programm hat, die mannigfachen Wirkungen der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik zu erkunden. Einesteils erfuhr der Schüler von Olvier Messiaen und Henri Dutilleux eine Förderung durch Pierre Boulez, der gemeinsam mit Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono zu den prägenden Figuren dieses Mythenorts des Nachkriegskomponierens gehörte. Zugleich zählte der in Deutschland erst nach seinem Tod als 52-Jähriger 1998 ernstlich wahrgenommene Miterfinder der musique spectrale früh zu den Opponenten wider das äraprägende Dogma des streng seriellen Komponierens.
›Prisma Darmstadt‹ heißt die neue, auf sechs Konzertabende über zwei Spielzeiten hinweg angelegte Reihe des Ensemble Modern im Zuge seiner Abonnementskonzerte im Mozartsaal der Frankfurter Alten Oper.
Der Fokus ist auf Uraufführungen hin angelegt: Es soll nicht um vielfältige Stränge und Berechnungen gehen, nicht um eine historisierende Huldigung.
Der New Yorker Komponist Michael Gordon geht in seinem neuen Stück ›Cold‹ spielerisch mit der Hinterlassenschaft des bei den Darmstädtern als Schaumschlägerei gehandelten Minimalismus um. Da gibt es gar eine unterschwellige Funkyness.
Dieses vitale Stück ist ein großer Wurf - dem Manfred Stahnkes ›Such(t)maschine‹, die zweite der über den Kulturfonds FrankfurtRheinMain finanzierten Auftragsarbeiten, in seiner Konzentriertheit nicht nachsteht. Das Stück des Hamburger Ligeti-Schülers baut auf schwelende Klangflächen, repetitiv strukturierte Passagen der Streicher und Klangballungen mit zum Teil mächtiger Entladung, mit einem fabelhaften Gespür für Dramaturgie.
Gerard Griseys ›Vortex temporum‹ für Klavier und fünf Instrumente von 1994-96, mit drei Teilen groß dimensioniert und zu seinen Hauptwerken gehörend, ist ein grandioses Zeugnis für das von ihm formulierte Postulat, nicht mit Noten komponieren zu wollen, sondern mit Tönen. Reibeklänge auf den Saiten der Streicher am Rande der Hörbarkeit, auf der anderen Seite ein kantiglärmmusikalisches Klaviersolo (mit differenzierter Energie: Hermann Kretzschmar): Ein substanziierter Umgang mit einer reich nuancierten mikrotonal-klangfarblichen Aufspaltung.
Den Klang in seiner Sinnlichkeit zu entfalten - das ist den famosen Musikern des Ensemble Modern unter der sublimen Leitung des Engländers Stefan Asbury einmal mehr gelungen.

Stefan Michalzik