Landschaft mit entfernten Verwandten
****(*)
Von der Bezeichnung Oper, die Heiner Goebbels für sein Werk Landschaft mit entfernten Verwandten gebraucht, sollte man sich nicht allzu sehr in die Irre führen lassen. Das hier hat nichts mit einer fortgesetzten dramatischen Handlung und so gut wie nichts mit Arien und Operngesang zu tun. Der Frankfurter Musiker und Komponist stellt eine extrem vielseitige und kurzweilige Collage von Musikstilen und Textvertonungen zusammen, die keiner Musik- oder Theatergattung eindeutig zuzurechnen ist. 2002 in Genf uraufgeführt, ist jetzt ein 80-minütiger Querschnitt des Stücks auf CD erschienen, der mit einer solchen Fülle von Bedeutungsebenen und verarbeiteten Einflüssen überrascht, dass das Zuhören auch ohne die dazugehörigen szenischen Elemente ein für sich einnehmender Genuss ist. Dabei beweist das großartig aufspielende Ensemble Modern einmal mehr seine Ausnahmestellung als Grenzgänger zwischen zeitgenössischer Avantgarde und populären Stilen. Unterstützt wird es durch den Schauspieler David Bennent, den Bariton Georg Nigl und den Deutschen Kammerchor.
Da stehen rhythmisch akzentuierte Passagen neben sanften folkloristischen Momenten, treffen Western-Songs auf moderne Madrigale. Da die Musiker auch als Sänger, Darsteller und Rezitatoren agieren, sind Goebbels' Gestaltungsmöglichkeiten fast grenzenlos. Das Ergebnis ist ein Stück, das Herz und Hirn gleichermaßen anregt, mit den verarbeiteten Texten von Giordano Bruno, Henri Michaux, T.S. Eliot, Leonardo da Vinci und anderen die Wechselwirkungen zwischen Wirklichkeit und Kunst thematisiert und grundsätzliche Reflexionen über politische Konflikte anstellt. Einen besonderen Stellenwert haben dabei Gertrude Steins Kriegserinnerungen, die sie 1945 in Wars I Have Seen zusammenfasste. Die teils wie ein Sprechstück auskomponierten Rezitationen, die bisweilen an Laurie Anderson erinnern, stehen im wirkungsvollen Kontrast zu den theatralischen Ausbrüchen, mit denen David Bennent einen Triumphmarsch zu einem Text von T.S. Eliot gestaltet. Landschaft mit entfernten Verwandten ist eindrucksvoller Beleg für die Lebendigkeit und Relevanz des Musiktheaters im 21. Jahrhundert.
Guido Diesing
Landschaft mit entfernten Verwandten
Eine Oper nur zu hören, kann eine enorme Reduktion bedeuten [...] Im günstigsten Fall aber ersteht ein eigenständiges Hör-Werk, das auf verweiskräftige Art ein Ganzes bildet. [...] Bei Heiner Goebbels' Landschaft mit entfernten Verwandten, die explizit die Gattungsbezeichnung "Oper" verwendet, tritt der letztere Fall ein. [...] In der Summe entsteht eine dichte, düstere und zugleich sehr klare Atmosphäre und ein sich langsam entrollender Zusammenhang. [...] Dass dieser Zusammenhang nun nicht über ein gut zweistündiges Stück Bühnen-Musiktheater, sondern über gut 75 Minuten Hör-Theater entfaltet wird, gibt dem Stück etwas Konzentriertes. Es zeigt sich, dass Heiner Goebbels eben nicht nur ein äußerst eigenständiger Theaterkünstler ist, sondern auch ein überaus ausdrucksfähiger und idiomatisch versierter Komponist, dem kein klanglicher Mikrokosmos fremd ist.
Hans-Jürgen Linke
Oper und mehr
Im Allgemeinen steht Heiner Goebbels der Oper als fester Ausdruckskonvention skeptisch gegenüber. Er betrachtet sie vielmehr "als komplexeste Form der Verschränkung aller Theatermittel" und damit als eine Herausforderung auf mehreren Ebenen. Dementsprechend komplex und zugleich transparent präsentiert er seine Idee in "Landschaft mit entfernten Verwandten", einem 2002 fertiggestellten polystilistischen Werk mit übergreifendem Charakter, das nun auch auf CD festgehalten wurde. Es ist eine Gegenüberstellung von Sprach- und Musikwelten, nebeneinander und miteinander, verwoben zu einem charakteristischen Geflecht der Sinneseindrücke, das die Grenzen des zeitgenössischen Musiktheaters mit einem Augenzwinkern überschreitet.
[...]
Eine Oper aus seiner Feder konnte daher nur ein Kompendium der Möglichkeiten sein, mit dem man aus zeitgenössischer Perspektive den kreativen Raum einkreist. In "Landschaft mit entfernten Verwandten" gibt einen Sänger, im Fall der Aufnahme Georg Nigl, dem auf der gleichen Ebene ein Schauspieler, David Bennent, gegenüber gestellt wird. Texte von Gertrude Stein wechseln sich ab mit solchen von Giordano Bruno, Arthur Chapman, T.S.Eliot, Henri Michaux, Nicolas Poussin und Leonardo da Vinci, die Musik reicht von jazzgetönten Bläserklängen über Country-Impressionen bis hin zu orchestralen Schwebungen und neumusikalischen Dissonanzen. Nancy Chapple beschrieb diese Pluralität der Ausdrucksformen ebenfalls im Anschluss an die Uraufführung in der Berliner Philharmonie im Februar 2003 auf der Seite Klassik-in-Berlin.de mit spürbarer Faszination: "Ein bloßes Auflisten der Kompositionsbestandteile reicht bei weitem nicht, einen treffenden Eindruck des Stückes zu vermitteln.
[...]
Rund 20 Mal wurde "Landschaft mit entfernten Verwandten" inzwischen adaptiert und aufgeführt, in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Österreich und den Niederlanden. Die vorliegende Aufnahme entstand vom 9. bis zum 12. Oktober 2004 im Théâtre des Amandiers, Nanterre, Paris, gemeinsam mit dem Ensemble Modern und dem Deutschen Kammerchor unter der Leitung von Franck Ollu. Sie setzt die erfolgreiche Zusammenarbeit des Komponisten mit dem Label ECM New Series fort, die 1988 mit "Der Mann im Fahrstuhl" begann und unter anderem "Hörstücke" (1984-1990), "Shadow/Landscape with Argonauts" (1990), "La Jalousie / Red Run / Herakles 2 / Befreiung" (1992), "Ou bien le débarquement désastreux" (1994), "Surrogate Cities" (1996 and 1999) und die viel diskutierte Aufnahme von "Eislermaterial" (1998) hervorbrachte. Und sie fügt dieser Reihe einen weiteren Höhepunkt hinzu.
Landschaft mit entfernten Verwandten
It's a seductive, sometimes shocking and viscerally exciting musical experience; the premier recording of an unconventional opera that made a major impact at its premiere in Geneva in 2002. Landschaft mit entfernten Verwandten translates as 'Landscape with distant relatives', and trying to describe it is a bit of a nightmare...not least because Goebbels himself doesn't exactly revel in unpicking his music in front of critics and audiences. "What drives the attention of an audience is the unforeseeable, and the secrets and mystery of a performance", he says...and ECM provides no explanatory notes at all; all the texts, yes; but each in its original language, with no translation. 'Suck it and see' seems to be principle at work here, and you should. But here are a few pointers.
Goebbels has talked before about exploring the 'landscapes' of different texts, and here he's identified radically different writers as the 'distant relatives' of the title: Giordano Bruno, Arthur Chapman, Henri Michaux, Leonardo da Vinci, T S Eliot - whose Triumphal March from Coriolan is snarling, savage battery of warfaring imagery, matched with onstage drums and declamations. And there's Gertrude Stein, whose stream-of-consciousness narratives are taken from her 1945 book, Wars I Have Seen, and they seem to be the glue that holds these separate tableaux together. The other connective tissue is the subject matter, and the inspiration. Goebbels has let it be known that this 'Landscape...' was partly motivated by his reactions to the terrorist attacks of 9/11and there's an unmistakeable sense of the composer seeking parallels in political struggles and the ambiguous relationship between art and reality across different times and cultures. He provides sounds to set these similarities and conflicts in sharp relief: instruments from renaissance music, from the middle east, musical themes from Bollywood, and a country & western campfire.
This is a recording taken from live performances in France in October 2004. The photos in the notes give an idea of the impact Goebbel's opera has on stage, but the images seem to sear the mind, even off CD. A stunning achievement, and a haunting experience.
Andrew McGregor
Landscape with Distant Relatives
****
Heiner Goebbels has produced a succession of distinctive stage works over the last two decades or so, some of which rank among the most dazzling fusions of images, text and music in our time, but Landscape With Distant Relatives, first seen in Geneva in 2002, is the first of them he has specifically labelled as an "opera". Landscape With Distant Relatives uses a patchwork of texts - by authors including Giordano Bruno, Leonardo, TS Eliot, Henri Michaux and Gertrude Stein - which make up the "landscape" of the title, and through which Goebbels' music then travels. There is no narrative threading the 80-minute work; the texts are arranged almost like museum exhibits in the space mapped out by Goebbels' score, with the spotlight falling on each in turn, drawing parallels and creating unexpected connections and collisions between different historical eras and cultural traditions.
To establish those links, Goebbels employs a typically vast range of musical styles - from Bollywood film music to country, from samples and jazzy improvisation to period-instrument renaissance pastiche - all of which the peerless Ensemble Modern, playing a bewildering variety of instruments, take entirely in their stride. On disc, of course, only the words and music can be conveyed, and the visual element, always a primary ingredient in Goebbels' scores, is absent. So the part the Ensemble plays in the onstage drama remains unseen, just as the way in which the other performers, two solo vocalists and a chamber choir, are integrated into Goebbels' production is missing too. This, then, can only be a partial glimpse into a work that is far wider-ranging, but even as a soundtrack it is totally absorbing, and carries its own special dramatic charge.
Andrew Clements
© Ensemble Modern